Von Ankunft bis Abfahrt: Protokoll einer Siegerwerdung

Leyhe: „Am Abend so kaputt und groggy“

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Stephan Leyhe hebt ab , nachdem er um seine Weite von 144,5 Metern weiß. Die Teamkollegen Karl Geiger, Pius Paschke und Constantin Schmid, ahnen, was das bedeuten wird.

Stephan Leyhe hat den Willingen-Wahnsinn auf eine neue Spitze getrieben. Der Einheimische schrieb in der Erfolgsgeschichte 25 Jahre Willinger Weltcup ein märchenhaftes Kapitel.

Willingen - Wie hat der bodenständige, bescheidene 28 Jahre alte Schwalefelder den Mix aus Sport und Party, Konzentration und Emotionen erlebt? Ein Protokoll.

Donnerstag

18.30 Uhr: Die deutsche Mannschaft hat im Kurhotel Hochsauerland 2010 eingecheckt und trifft sich zum Abendessen. „Nur hier in Willingen hat jeder von uns ein Einzelzimmer“, verrät Leyhe; sonst teilt er sich ein Zimmer mit Richard Freitag.

19.30 Uhr: Chefcoach Stefan Horngacher bittet Trainer, Betreuer und Sportler zu einer kurzen Besprechung.

Freitagmorgen

9 Uhr:Beim Frühstück ist die Atmosphäre entspannt. Es wird gelacht und geflachst, die „Quali“ ist noch weit weg.

12 Uhr: Wegen des um zwei Stunden vorgezogenen Zeitplans wird das Krafttraining im Hotel gestrichen. Auf dem Weg zur Schanze wärmt sich die Mannschaft in der Sporthalle der Uplandschule auf.

12.45 Uhr: Leyhe schaut nach seinen Skiern. Er vertraut seinem Servicemann, „aber ich muss ja damit springen“. Die eigene Kontrolle dient mehr der Beruhigung, zumal er die Bretter seit Sapporo nicht mehr in den Händen hatte. „Auf dem Transport kann sich an der Bindung immer mal was verstellen oder lockern.“

Freitagabend

17.13 Uhr: Absage der Qualifikation. Zweimal war Leyhe sprungbereit, aber nicht mal ein Trainingssprung geht. „Ich habe viel Kaffee getrunken“, sagt er über die lange Warterei im Teamcontainer. „Und wir haben uns auch ein bisschen Quatsch erzählt.“

18.05 Uhr: Vor der Eröffnungsfeier mit Vorstellung der Mannschaften gemeinsames Essen im Café Aufwind. Leyhe lässt sich Roulade mit Rotkraut, dazu Nudeln und ein wenig Sauce schmecken.

19 Uhr: Rückkehr ins Hotel. Der Schwalefelder verschwindet sofort im Zimmer. „Es war ein langer Tag, da hieß es einfach nur noch entspannen.“ Ein kurzes Telefonat mit Freundin Jaqueline in der Wahlheimat Hinterzarten, dann geht’s kurz nach 22 Uhr ins Bett. „Wenn man dann eine Stunde später pennt, dann ist das gut.“

Samstagmorgen

8.30 Uhr: Ausgeschlafen erscheint Leyhe zum Frühstück. Er mischt sich ein Müsli, lässt sich Rührei schmecken. Dazu gibt’s Kaffee.

11 Uhr:Es gibt ein 20-minütiges Zeitfenster für Fernsehinterviews, Leyhe redet kurz mit der ARD.

12.15 Uhr: Abfahrt vom Hotel zur Sporthalle zum Aktivierungstraining. Danach geht es weiter zur Schanze.

An der Schanze

15.40 Uhr:Leyhe gewinnt mit 145,5 Metern die Qualifikation. OK-Chef Jürgen Hensel drückt ihm den 3000-Euro-Scheck in die Hand und sagt: „Wenn er gleich so springt, dann kommt er aufs Podest oder wenigstens unter die Top Fünf.“

16.41 Uhr: „Das war gut, wir können zufrieden sein“, kommentiert Vater Volker die 139,5 Meter des Sohnes im ersten Durchgang. Er steht als Mitglied des Teams Aufsprung wie immer am Rand zwischen K-Punkt (130 Meter) und Hillsize (145). Das Nachsprühen der neonroten Markierungen überlässt er heute anderen. „Bei mir würden die Linien doch sehr krumm“, scherzt er.

17.39 Uhr: Leyhe sitzt für seinen finalen Sprung auf dem Balken. „Wenn er jetzt etwas lockerer bleibt als sein Vater, dann klappt’s“, sagt der Vater. 144,5 Meter. „Es ist traumhaft.“

Ich habe gelernt, anzugreifen.“

17.42 Uhr:Es wird noch besser. Der mit 0,8 Punkten Vorsprung ins Finale gegangene Kamil Stoch landet bei 137,5 Meter. Stephan Leyhe ist Sieger. Die Menge singt „Oh, wie ist das schön.“ Laut dabei: die Schwalefelder „Feierbiester“.

17.53 Uhr: Siegerehrung mit Nationalhymne, dazu als „Special“ das „Waldecker Lied“. Spätestens jetzt werden viele Augen nass, auch bei Volker Leyhe und Jürgen Hensel. Sie liegen sich in den Armen. Christoph Leyhe findet den Coup seines Bruders „einfach nur gigantisch“. Die Sprünge hat er in Block A/B verfolgt, wo er Brezel in den Ofen schieben musste.

18.24 Uhr: In der Pressekonferenz im prallvollen Subpressezentrum fragen die Reporter nach einer Erklärung für den Triumph. „Ich hatte die Situation, als Vorletzter oben zu sitzen, in Titisee-Neustadt schon einmal. Daraus habe ich gelernt nicht nur zu verteidigen, sondern anzugreifen“, sagt Leyhe.

19.12 Uhr: Der Sieger muss zur Dopingkontrolle – und das dauert. „Wenn man auf Kommando pinkeln soll, das funktioniert nicht“, nimmt er es mit Humor. Unten vor dem „Aufwind“ warten die „Free Willis“ und singen: „Wie heißt die Mutter von Stephan Leyhe?“ Renate. Der Fahrdienst hat sie aus Schwalefeld geholt, sie trinkt einen Sekt und verrät, dass sie die Springen nie live verfolgen mag. „Dieses Mal habe ich tatsächlich gebügelt undab und zu im Laptop einen Blick auf den Liveticker riskiert.“ Erst für die Siegerehrung schaltet sie den Fernseher an.

19.33 Uhr: Geschafft, die Urinprobe ist im Becher. Ab ins Hotel, noch ist das Sonntagsspringen nicht abgesagt. Vorher schließt Leyhe kurz die Familie in die Arme. Auf der Fahrt durch den Ort telefoniert er mit der Freundin.

Im Hotel

20 Uhr: Abendessen mit dem Team. Die Absage wird bekannt. „Dann haben wir uns noch zusammengesetzt und jeder ein Bierchen getrunken.“ Nur eins? „Ja, wir sind mitten in der Saison, ein Absturz würde einfach zu viel Energie kosten.“

22.30 Uhr: Endlich im Bett. „Ich war so kaputt und groggy, ich habe sofort geschlafen.“

Sonntag

4 Uhr: Die Siegerparty im Haus Leyhe in Schwalefeld liegt in den letzten Zügen. Die „Feierbiester“ räumen auf, bevor sie gehen. Trotzdem: arme Mama. Renate Leyhe muss direkt aus der Küche zur Arbeit.

7.50 Uhr: Stephan Leyhe ist früher wach als sonst. „Ich habe gleich rausgeschaut, was der Wind macht.“ Die Absage war schon ärgerlich, „denn wenn man in Form ist, dann will man gerne springen“. Aber er weiß auch, „dass die Entscheidung wahrscheinlich richtig war“.

10.55 Uhr: Stop in der Sporthalle der Uplandschule. „Wir holen das am Freitag ausgefallene Krafttraining nach.“

13 Uhr:Nach Mittagessen und Auschecken im Hotel fährt das Team an die Schanze zur nachträglichen Siegerehrung von „Willingen/5“ (diesmal Willingen/3), mit Übergabe des 25 000-Euro-Schecks. Leyhe genießt, dann schaut er nach vorn: „Ich habe noch Ziele und deshalb darf ich die Spannung nicht verlieren.“ Ab Freitag ist Skifliegen in Bad Mitterndorf. Im Auto geht’s zurück in den Schwarzwald. Bundestrainer Stefan Horngacher fährt.

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