Ein Interview zur Lage beim Großverein

Wie geht es dem TSV Korbach in der Corona-Krise?

Thorsten Spohr, 2.  Vorsitzender, und Geschäftsführerin Angela König vor dem Herbert-Kuhaupt-Sportzentrum des TSV Korbach.
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Führungskräfte im Großverein: Thorsten Spohr und Angela König vor dem Sportzentrum des TSV Korbach.

Gut 3000 Mitglieder, 22 Abteilungen: Der TSV Korbach ist der größte Sportanbieter in Waldeck-Frankenberg. Wie geht er mit der Corona-Krise um? Ein Interview.

Quer durch alle Sparten organisiert der Verein ehrenamtlich 120 verschiedene Trainingseinheiten pro Woche, davon gut die Hälfte in die Halle. Das Coronavirus hat den Sportbetrieb von Mitte März bis Mitte Mai komplett lahmgelegt. Nur allmählich, aber nicht für alle, erwacht die Vereinsarbeit neu. Was bedeutet die Krise für den Verein? Fragen an Geschäftsführerin Angela König und den zweiten Vorsitzenden Thorsten Spohr.

Corona hat die Sportvereine weiter im Griff: Was überwiegt, Frau König, Unsicherheit oder Frust?

Angela König: Unsicherheit und Frust halten sich in etwa die Waage. Die Infektionsgefahr besteht weiter, wir müssen auf Abstand bleiben und auf Hygiene achten. Diese Anforderungen erschweren die Arbeit unserer ehrenamtlichen Trainer und Übungsleiter sehr. Um Training anbieten zu können, muss jede Gruppe zum Beispiel ein eigenes Hygienekonzept erarbeiten und Teilnehmerlisten führen. Sport kann außerdem nur im Freien stattfinden, weil die Hallen geschlossen bleiben.

Bekommt der Verein Rückmeldungen zur Stimmung von den Mitgliedern oder den Abteilungsleitern?

Thorsten Spohr: Bisher haben sich kaum Mitglieder gemeldet. Mein Eindruck ist: Die meisten haben derzeit größere Sorgen als den Vereinssport. Bei den Abteilungsleitern sehe auch ich Verunsicherung und Frust, teilweise auch Resignation.

Warum?

Spohr: Wir fanden es sehr unglücklich, wie Landkreis-Spitze und Bürgermeister in der Frage der Öffnung der Sporthallen agiert haben. Drei Wochen lange hatte man uns Hoffnung gemacht. Noch in einer Sitzung der Sportkommission Mitte Mai, in der ich die Frage nach dem Sinn einer Öffnung für wenige Wochen gestellt hatte, betonten die politischen Entscheidungsträger, wie wichtig es wäre, dass die Vereine zum Sportbetrieb zurückkehren. Wir haben uns dann darauf vorbereitet, viel Arbeit und Ideen investiert, wie etwa der Workflow in der Geschäftsstelle ablaufen kann und wie sich Hygieneregeln umsetzen lassen. Dann erwischte uns ohne Vorwarnung am 29. Mai der Beschluss, die Hallen bleiben zu. So geht man mit Ehrenamtlichen nicht um.

„Es geht um die Verlässlichkeit politischer Aussagen“

Zweifelt man beim TSV Korbach am Sinn der Schutzmaßnahmen?

Spohr: Gar nicht. Wir stehen voll dahinter. Ich habe auch vollstes Verständnis dafür, wenn Turnhallen für Kindergärten und Schulen benötigt werden. Es geht vielmehr um Verlässlichkeit politischer Aussagen. Wir als Ehrenamtler haben im Moment viele Probleme zu bewältigen – nicht nur im Verein, auch beruflich und familiär. Da sollten wir nicht 10, 20 Stunden für Dinge aufwenden müssen, die sich mit einem Federstrich plötzlich erledigt haben. Es gab im Vorfeld keine Anzeichen dafür, dass die Hallen geschlossen bleiben.

Sollten die Halle in den Sommerferien offen sein für den Sport? Als Unterrichtsraum werden sie dann nicht benötigt.

Spohr: Nach den Erfahrungen der letzten zwei, drei Wochen habe ich wenig Motivation, in dieses Thema im Moment Energie reinzustecken. Ich frage mich allerdings schon, warum werden nicht die Hallen geöffnet – auch wenn dann auf Landkreis oder Städte und Gemeinde Mehrkosten durch häufigere Reinigung oder Schließdienste zukommen. Irgendwann muss sich die kommunale Ebene fragen, ob es ihr das nicht wert ist, damit Kinder wieder Sport treiben können.

Befindet sich der TSV finanziell in Nöten, sodass er Landesgelder in Anspruch nehmen müsste?

Spohr: Für das Soforthilfeprogramm des Landes kommen wir nicht infrage. Die Finanzierung ist für dieses Jahr auch gesichert. Wir haben im März unsere Mitgliedsbeiträge eingezogen und versuchen Kosten einzusparen. Die Frage ist, was passiert nächstes Jahr.

Fürchten Sie, dass sich Mitglieder abmelden, wenn der TSV längere Zeit kaum Sport anbieten kann?

König: Für das Sportzentrum hatten wir Nachfragen. Allerdings ist es bei uns nicht wie beim Fitnessstudio, wo es einen direkten Zusammenhang zwischen Leistung und Zahlung gibt. Wir sind ja ebenfalls eine Abteilung des TSV und erheben Mitgliedsbeiträge wie andere Sparten. Wir haben Mitgliedern angeboten, dass sie bei finanziellen Problemen die Beiträge für die Zeit der Schließung des Sportzentrums aussetzen können. Davon haben ganz wenige Gebrauch gemacht.

Zur Person

Angela König (32) st am 1. Mai auf den Posten der Geschäftsführerin des TSV Korbach zurückgekehrt, den sie bereits zwischen Anfang 2018 und Mitte 2019 besetzt hatte. Die gelernte Bankkauffrau sattelte beruflich um, sie ist Fitness- und Personaltrainerin, besitzt weitere Trainerlizenzen und hat die kaufmännische Leitung des Herbert-Kuhaupt-Sportzentrums.

Thorsten Spohr (42) ist 2015 zweiter Vorsitzender des TSV Korbach. Zuvor hatte er rund elf Jahre lang die Handball-Abteilung des Großvereins geleitet. Sport arbeitet als Sportredakteur in Frankenberg, er ist verheiratet und hat ein Kind.

Spohr: Man muss dabei sehen, dass unser Team im Sportzentrum sehr viel Arbeit investiert hat, um seine Mitglieder zu unterstützen.

Was zum Beispiel?

König: Wir haben etwa 80 Home-Gym-Kits mit Trainingsplan und Equipment wie Terraband gepackt. Dazu haben wir im Internet regelmäßig Workouts gepostet, die zum Equipment passen.

Das Sportzentrum darf seit Mitte Mai unter Corona-Regeln wieder öffnen. Wie ist die Resonanz?

König: Wir haben fast wieder Normalbetrieb; allerdings verteilen sich die Nutzungszeiten anders. Sonst herrscht Hochbetrieb, wenn die Leute Feierabend haben, jetzt kommen sie verteilt über den Tag.

Ist es schwierig, etwa die Abstandsregeln beim Training einzuhalten?

König: Wir haben den Vorteil, dass unsere Geräte weiter auseinanderstehen als in anderen Fitnessstudios. Zusätzlich haben wir die Cardiogeräte in den Kursraum ausgelagert, damit sich unsere Mitglieder sicher fühlen. Der Zugang läuft komplett digital: Wir haben einen Check-In programmiert – unsere Besucher melden sich mithilfe eines QR-Codes an. Damit können wir jederzeit nachvollziehen, wer wann im Gebäude war. Unsere Mitglieder können umgekehrt von zu Hause checken, wie gerade die Auslastung ist. Es darf ja nur eine bestimmte Zahl gleichzeitig auf der Fläche sein. Das Kursangebot wollen wir zeitnah abgespeckt wieder aufnehmen. Anfangen wollen wir auf der grünen Wiese.

Wer sind die Leidtragenden des Stillstands? Sport für Kinder etwa findet derzeit praktisch nicht statt.

Spohr: Die Fachverbände sagen ja, dass Kinder bis zu zehn, zwölf Jahren möglichst noch nicht in den Trainingsbetrieb zurückkehren sollen – sie sind eine Kerngruppe in unserem Sportbetrieb. Wir bieten allein neun Gruppen mit Eltern-Kind- oder Kleinkindturnen an. Das liegt alles brach. Es ist auf der einen Seite fatal, wenn der Verein in Zeiten, in denen auch Schule und Kindergarten nicht wie gewohnt laufen, keine Bewegungsangebote machen kann. Auf der anderen Seite ist Kindersport unter Corona-Bedingungen für die Übungsleiterinnen fast unmöglich umzusetzen. Trotzdem muss Vereinssport gerade für Kinder und Jugendliche wieder machbar sein.

„Irgendwann könnte die Motivation komplett wegbrechen“

Gibt es dafür Ansätze?

Spohr: Wir werden mit den Übungsleitern im Kinderturnen ausloten, was wir in den Sommerferien draußen anbieten können – das hat Abteilungsleiterin Astrid Köhler schon arrangiert. Kinder brauchen nicht nur Betreuung, sondern müssen sich auch bewegen. Dafür wollen wir sorgen.

Gibt es Hinweise aus den Abteilungen auf langfristig negative Effekte?

Spohr: Wir können erst mal nicht davon ausgehen, dass der Wettspielbetrieb sobald wieder starten kann. Wer glaubt denn, dass die Mannschaftswettkämpfe im Herbst wieder losgehen? Da stellt sich in der Tat die Frage, wie bekomme ich nach so langer Zeit Kinder und auch Erwachsene wieder zurück.

König: Irgendwann könnte die Motivation komplett wegbrechen. Der Mensch braucht einen Grund, um Sport zu treiben. Unsere Fußballer beispielsweise argumentieren, wenn wir keine Saison spielen, kriegen wir die Teams nicht zusammen.

Spohr: Kinder verbringen jetzt vielleicht mehr Zeit am Computer. Wir müssen sie alle wieder einfangen. Auch aus diesem Grund haben wir beschlossen, dass unsere Aktiven aus den Abteilungen in diesen Zeiten im Sportzentrum zu vergünstigen Beiträgen an den Geräten trainieren können. Das ist ein Signal, gerade an unsere Ehrenamtlichen. Die Frage ist auch, ob wir den vorgegebenen Rahmen der Schutzmaßnahmen effektiver nutzen können und zum Beispiel Hallensport nach draußen verlegen. Warum etwa sollen nicht auf dem Tartan-Sportfeld der ALS junge Handballer trainieren?

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