TV Willingen steigt als Veranstalter des Leichtathletik-Meetings auf dem Ettelsberg aus

Turngau will Fest erhalten

In Zeiten als Laufschuhe noch Turnschuhe hießen, starteten im Jahr 1962 Langstreckenläufer beim Ettelsbergfest in Willingen. Foto: pr

Von Gerhard Menkel und Reinhard Schmidt

Willingen. Ettelsbergturnfest. Dieses Wort kommt auch alleine klar. Viele Menschen im Landkreis können von sich behaupten: Ich war dabei!

Wer vor 30, 40 Jahren als Kind wegen Fuß- oder Handball einem Sportverein beigetreten war, landete vermutlich trotzdem als Leichtathlet auf der schiefen Bahn des Willinger Hausbergs.

Auf dieser Laufbahn konnte jeder seinen persönlichen Sprintrekord verbessern, denn sie war alles andere als eben. Doch nun droht diesem Fest nach 80 Jahren das Aus. Der TV Jahn Willingen hat sich schon verabschiedet und der zweite Veranstalter Turngau Waldeck möchte es am Leben erhalten.

Wird das Fest, das immer am ersten Sonntag im September steigt, in diesem Jahr zum letzten Mal gefeiert? „Wir gehen davon aus, dass wir das weitermachen“, sagte der Turngau-Vorsitzende Hartmut Schmidtke auf Anfrage. Der erste September-Sonntag sei vorsorglich auch für 2019 als Turngau-Termin geblockt worden.

Der TV Jahn möchte die Leichtathleten stattdessen ins neue Stadion in Schwalefeld zu einem Wettkampf einladen.

Der Turngau-Chef kann noch nicht viel sagen, weil es noch einige Unwägbarkeiten gebe. Es müssten noch Gespräche mit der Gemeinde Willingen geführt werden, um Antworten auf einige Fragen zu bekommen, etwa, was wird aus den Sportanlagen auf dem Ettelsberg.

„Wir überlegen in verschiedene Richtungen“, orakelt Schmidtke weiter. Nur eins weiß er sicher: Es wäre schade, solch eine traditionelles Bergturnfest sterben zu lassen.

Der Anfang 

Des Turngau Waldeck suchte 1938 einen Veranstaltungsort für ein Bergturnfest und wurde in Willingen fündig: den Ettelsberg. Der TV Jahn übernahm die Vorbereitungs- und Planungsarbeiten. Unter schwierigen Bedingungen wurden die Wettkampfstätten hergerichtet und das erste Bergtunfest ging am 28. August über die Bühne. Leider vereinnahmte die Nationalsozialisten das Fest. Alles fand unter dem Dach des „Reichsbundes für Leibeserziehung“ statt. Neben Leichtathletik gab es Wehrertüchtigungsübungen mit Gepäckmarsch (10 km) , Kleinkaliberschießen und 200 Meter Hindernisbahn mit Graben, Kletterwand, und Keulenzielwurf. 1939 kam unter anderem noch Handgranatenzielwurf hinzu, dann kam der Krieg.

Neuanfang 

1955 fand das Fest erstmals wieder statt. Leichtathletischer Dreikampf, Geländeläufe und Vereinsmannschaftswettkampf war für etwa 300 Athleten im Angebot. Es war aber verboten, sich im Freien umzuziehen. Das war nur in einem Auto erlaubt. Ob sich alle daran gehalten haben, ist nicht überliefert.

Ehrenmal eingeweiht 1963 wurde ein Ehrenmal für die gefallenen Turner beider Weltkriege eingeweiht. Seitdem wird stets ein Kranz niedergelegt. Es kamen rund 600 Sportler. 1967 wurde eine Schutzhütte, die „Jahnhütte“, vom Turngau mit dem Naturpark Diemelsee gebaut. Dort werden Geräte aufbewahrt.

Ausfälle 

1968 war das Wetter so schlecht, dass das Fest um 14 Tage verschoben wurde. 1972 wurde es wegen des dichten Nebels und Regens abgebrochen und alle Besucher mussten ihre Autos aus den Schlamm schieben. Das mögliche Schlechtwetter verhagelte nun auch öfters die Teilnehmerzahlen. 1972 kamen nur noch 250 Sportler - alles Erwachsene, denn Kinder waren noch nicht startberechtigt. Das änderte sich ab 1974. Und nun gingen die Zahlen wieder nach oben. 1975 kamen gleich 1200 Sportler (immer noch Rekord) auf den Berg. Damit waren die Verantwortlichen allerdings überfordert. Auch die Sportanlagen waren dem Andrang nicht gewachsen. Daraufhin wurden sie erneuert und verbessert.

Hin zum Familienfest 

In den 80er Jahren gingen die Teilnehmerzahlen zurück. Hinzu kamen Querelen mit der Gemeinde und dem Forstamt aus Naturschutzgründen, die es den Besuchern immer schwerer machten, das Wettkampfgelände per Auto zu erreichen. Ideen waren gefragt: Eine davon lautet: hin zum Familienfest. Die Angehörigen der Sportler wollte man auch zum Laufen bringen. Dafür wurden Kinderbetreuung, Geländeläufe, Wanderungen, Orientierungsläufe, Fitnesstests, Trimm-dich-Wettkämpfe, Tauziehen, Familienstaffeln und sogar Treppenläufe auf den Hochheideturm angeboten. So wurde das Ettelsbergfest immer mehr zu einer Breitensportveranstaltung.

Der Tiefpunkt 

Einen Tiefpunkt ereilte das Fest ausgerechnet zu seinem 50-jährigen Bestehen im Jahr 2007. Bauarbeiten auf dem Berg. Tiefe Gräben, Schlamm, Schotter und Baumaschinen bestimmten das Bild. Ein solcher Zustand war diesem Jubiläum nicht angemessen. Absage. Darauf gab es viele negative Reaktionen in der Presse. 

Bekannte Teilnehmer 

Das Bergfest zog so manche bekannte Sportlerinnen und Sportler an: Herbert Göbel (TV Korbach), Helga Tiedemann (Lippstadt dreimal Ettelsbergsiegerin), Ingrid Mickler-Becker (Olympiasiegerin), Petra Behle (Olympiasiegerin Biathlon) und Jochen Behle (Olympiateilnehmer), Karl-Wilhelm Lindner (Olympiateilnehmer), Hermann Köhler, Europameister mit der Staffel über 400 Meter (1971) und Silber (1974) und nicht zu vergessen Dr. Karl-Jürgen Leyhe (Rhoden), der zehnmal Ettelsbergsieger wurde. Diese Athleten trugen dazu bei, das Fest bekannt zu machen und mehr Sportler auf den Berg zu locken.

Das Ende?

 Inzwischen gehen die Teilnehmerzahlen stetig zurück. Nicht einmal die Willinger Vereine melden ihre Sportler an. Es nehmen überwiegend Kinder und Jugendliche teil. Kaum ein Erwachsener bemüht sich noch auf den Berg. Schon lange Jahre vorher gab es Bestrebungen, das Ettelsbergfest durch ein anderes Sportfest zu ersetzen. Dem gegenüber aber standen und stehen eine besondere Atmos-phäre bei diesem Fest sowie die Verbindung von Sport, Natur und Geselligkeit.

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