So lebt und spielt das Handballtalent

Twistetaler Ben Backhaus will mit Melsunger B-Jugend deutscher Meister werden

Tore mit links von Rechtsaußen: Ben Backhaus bekommt als Mitglied des Nachwuchsteams des Handball-Bundesligisten MT Melsungen nicht nur einen Trainingsplan, sondern auch einen Putzplan.
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Tore mit links von Rechtsaußen: Ben Backhaus bekommt als Mitglied des Nachwuchsteams des Handball-Bundesligisten MT Melsungen nicht nur einen Trainingsplan, sondern auch einen Putzplan.

Deutscher Meister. Vielleicht darf man Handball-Junior Ben Backhaus (17) am Sonntag mit diesen zwei Worten anreden, die für Sportler magisch klingen. Doch dafür müssen erst noch zwei Siege her.

Melsungen – Der Twistetaler steht mit den B-Jugend-Handballern der mJSG Melsungen/Körle/Guxhagen im Final-Four-Turnier, das am kommenden Wochenende (12./13. Juni) in Dormagen ausgetragen wird. Dort trifft der Linkshänder auf Rechtsaußen mit seiner Mannschaft im Halbfinale zunächst auf die Rhein-Neckar Löwen.

Die beiden Gewinner ermitteln dann einen Tag später, wer diesmal das beste deutsche Handball-B-Jugendteam ist. Es wird der erste deutsche Meister, der während der Saison kein Ligaspiel bestritten hat. Corona ließ kein Spiel in den Oberligen zu und für die Teilnahme am Final-Four-Turnier musste das Melsunger Team nur den SC Magdeburg (30:24) und den TV Nieder-Olm (29:21) schlagen.

Kneifen muss ihn zwar keiner mehr, aber Ben Backhaus kann es manchmal selbst noch nicht so recht glauben, wie schnell er die Karriereleiter nach oben geklettert ist. Noch vor zwei Jahren spielte er in der C-Jugend der HSG Twistetal/Korbach in der Bezirksoberliga. Das machte er allerdings auffallend gut, denn er durfte am Stützpunkttraining für die Hessenauswahl teilnehmen und traf dort auf einen Trainer, der nun auch sein Coach bei Melsungen ist. „Georgie Sviridenko hat mich nicht nur gefördert, sondern auch bei der MT ins Gespräch gebracht“, erzählt der 17-Jährige.

Beim Probetraining war er dann allerdings auf sich allein gestellt. Und als die Daumen der MT-Verantwortlichen nach oben gingen, mag dies eine kleine, unbedeutende Alltagsentscheidung in der Nachwuchsabteilung eines Handball-Bundesligisten gewesen sein, aber für Ben war es ein große, bedeutsame Entscheidung, die seinen Alltag komplett verändern sollte.

Zunächst hieß es Auszug, Umzug, Einzug. Im Alter von erst 15 Jahren musste er die Familie, Freunde, Schule verlassen und sich auf eine Wohngemeinschaft mit acht jungen Handballern in Melsungen einlassen. Und es spricht für die Charakterstärke von Ben, dass er in dieser Geschichte nicht den Helden spielen will, sondern auch zugeben kann, dass der sportliche Weg nach oben, keine endlose Prachtallee ist, sondern sich darauf auch einige Schlaglöcher und Stolpersteine befinden. Ist es das alles wert? Heute lautet Bens Antwort klar und deutlich: ja!

So sieht Ben Backhaus‘ Handball-Alltag aus

Vor zwei Jahren war da noch ein mit Zweifeln behaftetes jaaaein zu hören. „Die Umstellung war mich auch deshalb schwer, weil ich plötzlich alles allein machen musste“, erinnert er sich. Da war plötzlich niemand mehr, der ihm die Wäsche wusch, das Schulbrot schmierte oder das Bad und die Küche aufräumte. „Ich hatte schon auch ein wenig Heimweh, aber das ging schnell wieder vorbei.“

Heute ist er es gewohnt neben einem Trainingsplan auch einen Putz- und Einkaufsplan zu haben, den es abzuarbeiten gilt. Zimmer, Küche, Bad ordentlich und sauber halten. Die Jungs, die unter anderem aus Hamburg, Wetzlar oder Northeim nach Melsungen kamen, haben auch eine Betreuerin, die täglich bei ihnen vorbeischaut. Aber der Haushalt ist Männersache. „Mittlerweile fällt mir das alles leicht, das ist jetzt mein Leben hier“, erzählt Ben.

Sein Alltag läuft meist so ab: 7 Uhr aufstehen, dann Schule bis 13 oder 15.30 Uhr, Hausaufgaben machen, falls möglich, ein wenig Freizeit, Training täglich ab 17 Uhr, der Feierabend kommt gegen 18.30 Uhr. Kochen müssen sie hier nicht und fest vorgeschriebene Bettruhezeiten gibt es in der MT-WG auch nicht, in der jeder sein eigenes Zimmer hat. Dieses nun überhastete Erwachsenwerden im Pubertätsalter hat auch Bens schulische Leistungen vorübergehend negativ beeinflusst.

„Ich war auf der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen ein recht guter Schüler, aber auf dem neuen Gymnasium im 10. Schuljahr war ich schlechter, jetzt bin ich wieder auf einem guten Niveau.“ Die Jugendkoordinatoren des Vereins achten nicht nur auf den sportlichen, sondern auch auf die schulischen Leistungen ihrer Spieler. Und auf beiden Seiten muss es stimmen.

Ben Backhaus: Reichmann noch außer Reichweite

Auch der Handball zeigt sich Ben nun von einer intensiveren Seite. Sieben bis acht Trainingseinheiten statt vier bis fünf. Da aber mehrere Trainer plus Physiotherapeut am Werk sind, kann individueller gearbeitet und besser auf Stärken und Schwächen des Einzelnen eingegangen werden.

Wenn Ben auf seine Entwicklung schaut, sieht er durchaus einen besseren Spieler als noch vor zwei Jahren, der hart an Schnelligkeit, Ausdauer, Sprungkraft gearbeitet hat. „Das Tempo ist hier deutlich höher, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen“, erzählt der 17-Jährige, der sich auch auf halbrechten Position wohl fühlt. Und die Vorbereitung auf den Gegner sei ebenfalls intensiver, mit Video und anderen Hilfsmitteln.

Medizinische Werte fließen in der B-Jugend der Nordhessen aber noch nicht in die Trainingsarbeit mit ein. Überrascht hat den Ben vor allem, „wie fokussiert sie hier alle vor dem Spiel sind, herumalbern ist nicht, in der Kabine wird sich nur noch gegenseitig gepusht.“ Allerdings habe er sich den Trainingsalltag viel strenger vorgestellt. „Hier wird auch gelacht, Spaß gemacht und es wird öfter Fußball zum Aufwärmen gespielt als ich gedacht habe.“

Vater Stefan sorgte für die Grundlagen

Als Kind war Ben ab und zu mit seinem Vater Stefan bei einem Bundesligaspiel der Melsunger Handballer. Der Papa war es auch, der als Trainer bei seinem Sohn die Grundlagen für den Schritt in die Höherklassigkeit gelegt hat. „Er gibt mir immer noch gute Tipps“, sagt Ben. Trotz der Nähe zur MT Melsungen habe er aber nie einen Lieblingsverein gehabt. „Da war ich sehr sprunghaft, aber einige Lieblingsspieler hatte ich, einer davon war Tobias Reichmann.“ Der Nationalspieler trägt mittlerweile genau wie Ben das Melsunger Trikot.

Die beiden laufen sich ab und zu auch in der Halle über den Weg, aber sie haben noch kein Wort miteinander gewechselt. Das könnte sich bald ändern. Vielleicht sind Ben und seine Mannschaftskollegen ja bald in aller Munde, nicht nur im Melsunger Raum, auch bei den eigenen Profis, wenn sie als deutscher Meister aus Dormagen zurückkehren sollten. (rsm)

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