Korbacher Trainer Schnatz über Jugendarbeit und kontraproduktive Wutausbrüche

„Umgang mit Eltern wird schwieriger“

+

- Volker Schnatz (43) trainiert die Fußball-D-Jugend des TSV Korbach in der Gruppenliga. Anlass für das Interview mit dem erfahrenen Trainer, der als gelernter Bankkaufmann sein Geld mit Finanzberatung verdient, bot auch ein Vorfall während der Hallenrunde.

Der Waldecker Kreisjugendfußballwart Joachim Schmolt sieht die vielen Absagen im Jugendfußball gelassen, sein Frankenberger Kollege Rudolf Matter befürchtet dagegen eine Überlastung der Junioren durch zu viele Nachholspiele im April und Mai. Was sagen Sie als Trainer dazu? Wegen der kleinen Klassengrößen sehe ich noch keine Probleme. Es darf aber nicht mehr viel ausfallen. Englische Wochen können in der Gruppenliga wegen der weiteren Fahrten schwierig werden - wir, zum Beispiel, müssen bis nach Eschwege fahren. Gravierender ist für mich eine Wettbewerbsverzerrung, weil die Vereine so unterschiedliche Trainingsmöglichkeiten haben.

Vereine mit Kunstrasenplatz sind im Vorteil. Der TSV Korbach hatte bis vor Kurzem sehr gute Möglichkeiten. Wir hätten wie geplant in die Rückrunde starten können - dann ging das schlechte Wetter los, und die Stadt konnte den Kunstrasenplatz nicht räumen. Aber wir haben es immer noch besser als kleinere Vereine, sind aber nicht so gut dran wie manch andere Konkurrenten.

Gibt es Probleme, die Jungs bei Laune zu halten? In der Gruppenliga ist das wie mit jungen Rennpferden: Irgendwann muss es losgehen. Wir haben zwar in der Halle sehr lange erfolgreich gespielt, und damit kann man einiges überbrücken, aber nun wird es Zeit, dass es losgeht.

Die Regionen müssen bis zum 3. Juni die Meister gemeldet haben. Ist es sinnvoll, dass der Verband das Saisonende so strikt festlegt? Es gibt Wechselfristen, und die höherklassigen Vereine mit ihrer oft hohen Fluktuation an Spielern brauchen natürlich eine gewisse Planungssicherheit, die Spieler ebenso. Da muss die eine Frist zur anderen passen. Aber grundsätzlich könnte man natürlich länger spielen. Auf- und Abstieg sind davon unberührt, wenn ich sehe, dass mögliche Aufsteiger oft gar nicht hoch wollen, andere Vereine ziehen vor Rundenstart zurück. Also: Enge Fristen bei der Jugend, wem helfen die?

Das Stichwort Hallenrunde ist schon gefallen. Für den TSV Korbach gab es ein unrühmliches Nachspiel vor dem Kreissportgericht, weil zwei Jugendbetreuer nach dem Halbfinale Ihrer ersten Mannschaft gegen Goddelsheim den Schiedsrichter des eigenen Vereins unsportlich angegriffen haben. Was sagt der Trainer Volker Schnatz dazu? Es war nicht die Mannschaft, die unrühmlich aufgetreten ist. Außerdem hatten wir in dem Sinne keine erste Mannschaft, weil wir die D1-Jugend mit 16 Kindern aufgeteilt haben in zwei Teams - eines mit jüngeren, eines mit älteren -, damit alle spielen können. Sie haben hervorragenden Fußball gespielt. Korbach I hat es trotz toller Vorleistungen im Halbfinale einfach nicht geschafft, ein Tor zu schießen und eventuell die Verlängerung zu erzwingen - auch wegen einer unglücklichen Schiedsrichter-Entscheidung.

Nun ist das sportliche Auftreten der Mannschaft das eine, Wutausbrüche von Betreuern oder eigenen Zuschauern das andere. Noch mal, was sagt der Trainer dazu? Die Mannschaft hat sich trotz dieser unglücklichen Situation tapfer verhalten, auch wenn sie sehr, sehr enttäuscht war. Nicht vorbildlich verhalten haben sich anwesende Vereinsverantwortliche, bei denen es sich nicht um die Betreuer der betroffenen D-Jugend handelte, sowie einzelne Fans oder Elternteile. Es war definitiv nicht in Ordnung, nur dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage zuzuschieben. Seine Entscheidung hat das Spiel beeinflusst, aber die Niederlage nicht ausgemacht.

Wie schwierig ist es für einen Trainer, der seinen Jungs und Mädchen Fair Play predigt, mit so einer Situation umzugehen? Ziel eines Jugendtrainers ist es, die Kinder weiterzubringen, sowohl sportlich wie menschlich. Das Verarbeiten von Niederlagen gehört mehr dazu als das Feiern von Siegen. Wenn aber schon im Spiel oder direkt nach Abpfiff Eltern oder andere Vereinsverantwortliche den Kindern suggerieren: Ihr wart heute top, nur der Schiedsrichter war gegen uns, und das dann auch noch eskaliert, dann ist das Gespräch mit den Kindern nicht mehr möglich. Die Wutausbrüche bekommen in dem Moment einen höheren Stellenwert als die normale Aufarbeitung des Spiels. Die Kinder könnten denken: Der Schiri war ja schuld, also, lieber Trainer, was habe ich damit zu tun?

Da gerät man auf einen Weg, den man als Jugendtrainer nicht beschreiten möchte. Ja, man hat keine Chance mehr, weil einem der Zugang zu den Kindern verwehrt wird. Ein ehrliches Gespräch über das Spiel ist nicht mehr möglich. Man hat schon den Schuldigen gefunden und sucht nicht nach eigenen Fehlern.

Diese Probleme gibt es in jedem Verein mal. Ich hoffe, dass es einzelne Fälle bleiben, und ich wünsche mir das für unseren Verein nicht noch einmal.

Haben derartige Vorkommnisse Auswirkungen auf die Trainingsarbeit mit den Kindern? Der Bezug zu den Kindern, zu den Jugendlichen, bleibt der gleiche. Er hat für mich absolut Vorrang. Aber der Umgang mit den Eltern wird schwieriger. Ich muss Dinge verarbeiten, die ich so im Jugendfußball nicht kenne und nicht gekannt habe. Wir hatten andere Maßstäbe, auch vom Elternhaus her.

Man kann davon ausgehen, dass diese Maßstäbe letztlich auch für den Verein gelten? Ja, es gibt Verhaltensmuster, die eigentlich nicht erwähnt werden müssen, die man im Umgang miteinander als normal voraussetzt. Dass mal was Grenzwertiges passiert, okay. Sollte es vermehrt vorkommen, muss man sich die Dinge genau anschauen und auch mal zu Papier bringen, um sie dem einen oder anderen vorzuhalten. Das gelingt in gewachsenen Strukturen leichter, weil man die Familien, die Eltern der Kinder besser kennt und sie leichter ansprechen kann. Je weniger gewachsene Struktur man da hat, umso mehr unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander, umso schwieriger ist es, die Gruppe zu regulieren.

Sie sind zwei Jahre Jugendtrainer beim TSV Korbach und haben vorher lange am DFB-Stützpunkt trainiert. Jetzt hatten Sie das Angebot, beim TSV als Seniorentrainer einzusteigen, haben aber abgelehnt. Warum? Ich bin gefragt worden, ob ich mir eine Arbeit im Team im Seniorenbereich vorstellen könnte. Die Jugendarbeit macht mir riesigen Spaß. Außerdem würde ich vom Beruf her den Seniorenbereich im Moment nicht so abbilden können, wie ich mir das wünsche. Ich hätte für den höheren Aufwand auch gar nicht die Zustimmung der Familie.

Die Korbacher D-Jugend rangiert im Mittelfeld der Gruppenliga. Was ist für sie sportlich noch zu erreichen? Wir waren vor der Winterpause auf einem richtig guten Weg, bis wir das letzte Spiel gegen den OSC Vellmar sehr unglücklich mit 3:4 verloren haben. Wir müssen jetzt gucken, wie wir die Vorkommnisse der Hallenrunde verarbeitet haben. Der Winter, der nicht enden will, trägt ja nicht gerade dazu bei, dass wir einen normalen Rhythmus reinbekommen. Erstes Ziel ist es, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Es geht schnell nach oben, aber auch schnell nach unten bei vier Absteigern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare