Athlet vom TV Rhoden wurde 1971 auch Europameister mit der deutschen Staffel

Vor 50 Jahren: Helmighäuser Hermann Köhler Deutscher Meister über 400 Meter

Die erfolgreichste Saison der Karriere: Hermann Köhler, hier bei einem Hürdenlauf im Kasseler Auestadion, wurde 1971 im Trikot des TV Wattenscheid Deutscher Meister über 400 Meter und mit der Staffel über diese Distanz Europameister.
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Die erfolgreichste Saison der Karriere: Hermann Köhler, hier bei einem Hürdenlauf im Kasseler Auestadion, wurde 1971 im Trikot des TV Wattenscheid Deutscher Meister über 400 Meter und mit der Staffel über diese Distanz Europameister.

Wenn Hermann Köhler in der Öffentlichkeit stehen soll, geht er schnell an die Seite. Der gebürtige Helmighäuser zählte in den 1970er-Jahren zu besten deutschen 400-Meter-Läufern.

Rhoden – Köhler wurde über diese Distanz 1971 Deutscher Meister und Europameister mit der Staffel, verpasste aber ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in München mit dem deutschen Quartett knapp die sichergeglaubte Medaille. Er lief beim TV Rhoden seine ersten leichtathletischen Schritte und schnürte später für den TV Wattenscheid die Laufschuhe.

„Über mich ist damals alles geschrieben und gesagt worden, und über mein Privatleben möchte ich sowieso nicht sprechen“, sagt der 71-Jährige auf Anfrage. Seine Stimme klingt für den Zuhörer zurückhaltend, ja fast schon ein wenig schüchtern und nahezu jedes Wort scheint im widerwillig über die Lippen zu kommen. Bitte nicht auflegen, Herr Köhler!

Das macht er nicht, denn hier redet auch jemand, der sehr höflich ist und viel zu bescheiden, er will sich einfach nicht in den Vordergrund stellen lassen.

EM-Medaille liegt in der Schublade

Dennoch gäbe es zahlreiche Gründe noch einmal das Gespräch mit Köhler zu suchen. Da ist zum einen das Jubiläum des nationalen und des europäischen Titels, dessen Medaillen Köhler vor 50 Jahren um den Hals gehängt wurden. Diese Goldtrophäen am Bande lägen bei ihm zuhause in der Schublade, erzählt der 71-Jährige, der jetzt in Scherfede wohnt. „Ich habe sie erst kürzlich mal wieder herausgeholt und sie meinen Enkeln gezeigt.“

Außerdem war er schnell damals. So lief er 1971 bei den nationalen Titelkämpfen die Stadionrunde in einer Zeit, die ihm auch im Jahr 2020 zum deutschen Meistertitel gereicht hätte – 45,8 Sekunden. Allerdings hätte er sich diesmal den Sieg mit Marvin Schlegel (Chemnitz) teilen müssen. Das klingt nahezu unglaublich, leben wir doch jetzt in digitalisierten Zeiten, in denen fast jeder von uns einen Schneller-Höher-Weiter-Alltag erlebt.

Die Bedingungen für die Athleten haben sich in diesem halben Jahrhundert enorm verbessert, sie profitieren von ausgefeilteren Trainingsmethoden, besserer Ausrüstung, die individuell auf jeden Sportler zugeschnitten sind. Außerdem hat die Sportwissenschaft in Sachen Physis, Psyche und Ernährung viele neue Aspekte erforscht, die jeden Sportler besser machen.

Wäre Hermann Köhler unter diesen sportlichen Bedingungen gern noch einmal Leichtathlet? Auf ein Hätte-wenn-und-aber-Gespräch lässt er sich aber nicht ein. „Ich kann dazu nichts sagen, denn ich habe schon länger keine Verbindungen mehr zum Spitzensport“, sagt Köhler. Er habe sich auch wegen der vielen Doping-Skandale davon abgewendet, fügt er noch hinzu.

„Ich war bei Olympia nicht als Schlussläufer geplant“

Viele Worte möchte Hermann Köhler über seine große Karriere nicht verlieren. Doch ein Gerücht räumt er noch schnell aus der Welt. Es heißt, Köhler soll bei der Staffel bei Olympia 1972 in München als Schlussläufer vorgesehen gewesen sein und nicht Karl Honz, der das Rennen als Führender zu schnell angegangen war, einbrach und kurz vor dem Ziel noch drei Konkurrenten vorbei lassen musste. Köhler: „Nein, das stimmt so nicht, der Schnellste sollte am Schluss laufen und das war eindeutig Karl.“ So eine verpasste olympische Medaille kann einen möglicherweise das ganze Leben lang verfolgen. Denkt Hermann Köhler noch oft an dieses leidige Staffelrennen?

Seine Antwort kommt prompt und er zeigt dabei auch, dass er humorvoll sein kann: „Wenn Sie mich jetzt nicht daran erinnert hätten, hätte ich es vergessen“, sagt er mit einem Lachen.

„Schaue mir Carolin Schäfer im Fernsehen an“ 

Köhler hatte auch Spaß am Mannschaftssport. Er bildete mit zwei weiteren Athleten aus der Provinz Nordwaldeck in den 70er-Jahren eine bundesweite leichtathletische Großmacht. Köhler und die Zehnkämpfer Karl-Jürgen und Bernd Leyhe vom TV Rhoden wurden mehrfach deutscher Mannschaftsmeister, allerdings trat das Trio dabei stets im Trikot des TV Wattenscheid an.

Eine Waldeckerin oder ein Waldecker bei Olympischen Sommerspielen ist selten. Köhler hat nun eine Nachfolgerin: Carolin Schäfer.

Die Bad Wildungerin möchte in wenigen Woche in Tokio ihre Karriere als Siebenkämpferin mit einer olympischen Medaille krönen. „Natürlich werde ich mir das im Fernsehen anschauen“, betont Köhler, „schön, dass Carolin Schäfer aus unserem Landkreis kommt, aber ich kenne sie nicht persönlich.“

Sein immer noch großes Interesse an der Leichtathletik lockt Köhler etwas aus der Reserve, er kommt ein wenig in Redefluss. Bis sein Zuhörer die falsche Frage stellt: „Laufen Sie noch“? – „Jetzt fangen Sie wieder an mit dem Privaten.“ Aus Höflichkeit gibt Köhler trotzdem eine kurze Antwort: „Laufen geht nicht mehr, aber Wandern schon. Mehr sage ich jetzt nicht mehr.“ rsm

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