Ein Kaderathlet darf in Hessen weiterhin trainieren in NRW nicht – Behle hofft auf Wettkämpfe 

Wintersportler in Willingen meiden die Halle

Sven Lohschmidt (vorn) vom SC Willingen
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Eine Frage der Zugehörigkeit: Biathleten, die im Bundes- oder Landeskader sind, dürfen in Hessen trainieren. Das Bild zeigt Sven Lohschmidt (vorn) vom SC Willingen im Jahr 2019, als das Wort Corona nur Medizinern ein Begriff war.

Wer in diesen Tagen an der Willinger Biathlon-Arena vorbeikommt, kann sie hören und sehen: Biathleten und Skilangläufer drehen dort auf Skirollern ihre Runden oder ziehen am Schießstand den Gewehrabzug. Sporttreiben in der Gruppe: Ist das nach den derzeitigen Corona-Regeln überhaupt erlaubt?

Willingen – „Natürlich, sonst würden wir es nicht machen, denn wir nehmen die Hygienevorschriften sehr ernst“, betont Jochen Behle. Der ehemalige Skilangläufer des SC Willingen und Ex-Bundestrainer ist heute Sportdirektor der Leistungssport gGmbH, die den Bundesstützpunkt Ski Nordisch Willingen/Winterberg führt. Dort wird der Wintersport-Nachwuchs aus Hessen und Nordrhein-Westfalen gefördert.

Behle und seine Mitarbeiter sind in Sachen Pandemie-Regeln gleich doppelt gefordert, denn was im hessischen Upland erlaubt ist, kann im westfälischen Sauerland schon wieder verboten sein und umgekehrt. So dürfen in Nordrhein-Westfalen nur jene Sportler gemeinsam trainieren, die einem Bundeskader angehören. Übungseinheiten mit Athleten, die dem Landeskader angehören, sind in NRW verboten, aber in Hessen erlaubt.

Krafttraining teils ins Freie verlegt

Dieser Unterschied verlockt zu kleinen Fluchten und Kurzumzügen. Drei Biathleten aus dem NRW-Landeskader seien übergangsweise nach Hessen gezogen und sie wohnten nun in Willingen, erzählt Behle. Da es durch den zweiten Lockdown bisher nicht zum Stillstand im Wintersport kam, ist die von Volkmar Hirsch, Sportwart des SC Willingen, ansonsten befürchtete Katastrophe nicht eingetreten.

Für Behle ist sie möglicherweise aber nur verschoben worden, denn sie würde eintreten, wenn auch im Dezember oder gar Januar keine Wettkämpfe und Lehrgänge stattfinden würden.

Jochen Behle, Sportdirektor der Leistungssport gGmbH

Die Wintersportler betreten mit dem zweiten Lockdown Neuland, denn vom ersten im Frühjahr waren sie kaum betroffen, die Saison war gerade vorbei. „Wir konnten auch im Sommer wieder ordentlich ins Training einsteigen“, sagt Behle. Aber nun treffe es den Wintersport schon hart.

Der Sportdirektor und seine Trainer wissen natürlich, dass ein positiver Test von einem ihrer Sportler alle in die zweiwöchige Quarantäne verbannen würde. Deshalb achten sie streng darauf, dass das Hygienekonzept eingehalten wird und nehmen dafür einen aufwendigeren Ablauf in Kauf. Es wurde eine klare Gruppentrennung angeordnet, kein übergreifendes Training mehr, die Gruppen wurden auch verkleinert, mit der Folge, dass zweimal täglich trainiert wird. Die Stützpunkt-Wintersportler meiden die Halle.

Das bedeutet aber auch, dass das gewohnte Krafttraining ausfällt. Sie haben sich kleinere Geräte aus der Halle geholt und auf die Rollerbahn gestellt oder sie machen Übungen mit Eigenkörperkraft. „Diese Einschränkung trifft uns schon hart“, sagt Behle.

Während das Training der Kadersportler fast so weiterlaufen kann wie bisher, ist es hingegen für den Vereinssport schwieriger geworden. „Hessen ist meines Wissens auch das einzige Bundesland, in dem der Schulsport draußen noch erlaubt ist“, sagt Behle. „Wir lassen daher einiges auch über die Lehrertrainer laufen.“

Respekt, aber keine Angst vor der Krankheit

Der Sportdirektor Behle würde viel dafür geben, wenn er zumindest wüsste, wann Wettkämpfe wieder möglich sind. Er bastelt gerade an einem Lehrgang für die Landeskader Biathlon und Skilanglauf in der Schweiz für Ende November.

Die Einreise würde problemlos gehen, das Hotel in Lenzerheide hätten sie allein für sich. Probleme bereitet Behle nur die Rückreise. „Wir müssten in Quarantäne, weil die Schweiz als Risikogebiet eingestuft ist.“

Er versucht nun mit Hilfe von Corona-Tests diese zu verkürzen oder zu umgehen. „Der Lehrgang macht aber keinen Sinn, wenn sich daran eine Quarantäne anschließen würde“, betont der ehemalige Skilangläufer. Er weiß, dass die Weltcup-Teams, auf diese Weise durch die Saison kommen wollen.

Viele Hürden vor dem Lehrgang

Behle weiß nicht, ob das ganze Ausmaß des zweiten Lockdowns schon im Kopf der Nachwuchssportler angekommen ist. „Er kam sehr plötzlich und jetzt merken sie so langsam, wie wir im Training eingeschränkt sind, wie unsicher eine Lehrgangsteilnahme und ein Wettkampf ist.“ Ohne das sportliche Messen sinke auch die Motivation im Training, vermutet der 60-Jährige, der sechsmal bei Olympischen Winterspielen gestartet ist

Manche stellten sich auch die Frage, wie sie Corona überstanden hätten, erzählt der Sportdirektor. Während es in Willingen bislang noch keinen Sportler erwischt hat, waren die Winterberger bereits in Quarantäne, das Internat war geschlossen.

Geht unter den jungen Sportler nun auch die Angst vor Covid-19 um? „Nein, Angst würde ich das nicht nennen, eher Respekt“, meint Behle, der davon überzeugt ist, dass Leistungssportlern diese Regeln leichter einhalten können als Normalpersonen. „Vielleicht, weil sich ein Sportler ständig disziplinieren muss.“ Außerdem wollten sie alle ihre Saison absolvieren.

Auch die Trainer müssen täglich darauf gefasst sein, ihre Pläne wieder umzustoßen. Während das Grundlagentraining weitgehend gleich ist, müssten die wettkampfspezifischen Einheiten immer wieder nach hinten verschoben werden. „Normalerweise wäre jetzt Schneetraining angesagt“, erklärt Sportdirektor Behle. Doch was ist derzeit normal? Neue Abfahrtszeit am Verschiebebahnhof Trainingsplanung ist jetzt Dezember. rsm

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