Durchstarten nach der Krise: Sarah Schneider geht nach Hamburg und will zur U19-WM

Zwischen perfekt und sinnlos

So traumhaft wie die Kulisse mit den „12 Aposteln“ an der Great Ocean Road war 2012 für Sarah Schneider aus volleyballerischer Sicht fast gar nichts. Doch in Australien tankte sie neue Kraft.

Frankenberg - Seit ihrem elften Lebensjahr spielt Sarah Schneider höchst erfolgreich Volleyball. Vergangenes Jahr kam sie ins Grübeln, der Sport war nicht mehr das Wichtigste im Leben. In Australien bekam sie den Kopf frei, mit neuen Plänen macht sie sich nun auf nach Hamburg.

„Sinnkrise“ – was manche Profisportler mit Mitte 30 dazu bewegt, ihre Karriere zu beenden, hat Sarah Schneider mit 16 Jahren durchlebt. Sarah Schneider hat sich oft die Frage gestellt, warum im vergangenen Jahr so vieles anders lief in ihrem Volleyball-Leben als zuvor. Eine richtige Antwort hat sie nicht gefunden, aber einen Ausweg und neue Pläne.

Schon früh entdeckte man beim TSV Frankenberg Sarahs Talent. Schon früh war sie immer bei den Größeren unterwegs. Mit 12 Jahren schon bei der U 15, mit 14 bei der U 16 oder gar U 17 Teilnehmer an hessischen und deutschen Meisterschaften – meistens auch Medaillengewinnerin; zunächst in der Halle; später auch im Beachvolleyball.

„Nicht mehr so wichtig“

Beim TV Wetter spielte Sarah Schneider in der Halle 2. Bundesliga. Der nächste Karriereschritt sollte im vergangenen Jahr folgen: Von der Eder wechselte die Frankenbergerin nach Münster, genau wie ein Jahr zuvor die zwei Jahre ältere Vereinskameradin Leonie Schwertmann. Während „Leo“ immer noch beim USC Münster spielt und es ins Team der 1. Bundesliga geschafft hat, war für Sarah das Volleyballinternat im Studentenstädtchen nur eine kurze Station. „Die Bedingungen waren top. Anfangs habe ich auch mit dem Erstligateam trainiert. Es war alles perfekt“, sagt eine, für die es normal und schön war, jeden Tag den Volleyball in der Hand zu haben. Bis zum Frühjahr 2012.

In Münster habe sich vieles geändert, sagt Sarah Schneider. „Einfach nicht mehr wohlgefühlt“ hat sich das heimische Talent in der Frauen-Volleyball-Hochburg. „Es gab für mich seit Jahren nichts anderes als Volleyball. Aber plötzlich war mir das alles nicht mehr so wichtig“, erinnert sich die heute 17-Jährige.

„Du musst das durchziehen“

Im Laufe der Zeit habe sie gemerkt, dass ihre Leistungen schlechter wurden. Eine gewisse Egal-Haltung kam hinzu. Sarah suchte das Gespräch mit Weggefährten, fühlte sich aber nicht von allen ernst genommen. „Fast alle haben gesagt: Solche Phasen hat jeder mal. Du musst das irgendwie durchziehen, es wird auch wieder besser.“ Im Fall Schneider sollten sie nicht recht behalten.

Sarah konnte sich mit diesem Lebensabschnitt nicht mehr anfreunden. Ihre „Therapie“: Erst mal nach Hause und auf andere Gedanken kommen. Im Grunde war auch die Beach-Saison 2012 schon abgehakt für Sarah Schneider – spätestens, nachdem sich Partnerin Constanze Bieneck (TV Wetter) verletzte und damit die U18-Europameisterschaft in weite Ferne gerückt war. In der Schwarzwälderin Lara Schreiber wurde ihr eine neue Partnerin zur Seite gestellt, zur Teilnahme an der Vorausscheidung zur EM musste Sarah dennoch erst überredet werden, „weil ich ja überhaupt keine Form hatte“. Sarah raffte sich auf, schaffte den Sprung zur EM im Juli und kehrte mit einer sensationellen Silbermedaille wieder zurück; obwohl sie ihre neue Partnerin überhaupt nicht kannte, obwohl sie „vom Kopf und von der Form her überhaupt nicht da war“.

Ein Wendepunkt war dieser zweite Platz dennoch nicht, auch wenn die Erkenntnis reifte, was bei einer guten Vorbereitung alles drin gewesen wäre. Sarah läutete eine volleyballlose Zeit ein. Zurück an der Frankenberger Edertalschule entschloss sie sich, auch einmal andere Dinge, andere Menschen kennenzulernen. Ein Schüleraustauschprogramm führte sie an die Gold Coast, die Ostküste Australiens. „Dort gab es endlose Strände, aber keine Beachvolleyballer“, so die ersten Eindrücke der „Aussiedlerin“ zu Beginn. Nur zwei-, dreimal nahm sie down under, wo Beachvolleyball nicht zu den populären Sportarten zählt, den Ball in die Hand, spielte bei kleineren Turnieren mit. Vielmehr aber bestand das Leben aus Schulalltag, Sightseeing und Unternehmungen mit den neu gewonnenen Freunden – von Shopping bis zum Surfen, was der passionierten Snowboarderin besonderen Spaß machte.

„Australien öffnete Augen“

Australien endete wie Münster – vorzeitig und nicht erst nach sechs Monaten. Dennoch ist es für Sarah nicht mit Münster gleichzusetzen. „Australien hat mir die Augen geöffnet“, sagt die 17-Jährige, der die Meeresbrise offenbar frischen Wind verlieh. „Das Leben der Australier hat mir gezeigt, wie gut es einem hier in Deutschland geht“, erklärt Sarah, die auf diese Weise auch über ihr Leben viel nachdenken konnte.

„Ziel ist die U19-WM“

7. März 2013: „VOLLGAS geben!“, lautet der Eintrag von Sarah Schneider auf der Facebookseite des Teams Schneider/Schreiber. Die Lebensfreude ist zurückgekehrt, beinahe so unerklärlich wie sie vor einem Jahr verschwunden war. Sarah steckt voller Pläne. Sie muss ein Schuljahr wiederholen – „kein Problem“; die Unkenrufe, sie würde ja nie etwas durchziehen, beschäftigen sie nicht. Nächste Woche startet sie aufs Neue durch – von Frankenberg aus, wo sie nach wie vor die guten Trainingsmöglichkeiten des TSV nutzt, nach Hamburg. Dort will die 1,83 Meter große Rechtshänderin das Sportinternat des Olympiastützpunktes besuchen – wie Lara Schreiber, die ihre Partnerin bleibt.

Die ersten gemeinsamen Trainings waren positiv, „die Leute in Hamburg sind unglaublich, es ist eine geile Stadt“. Eine Stadt, von der aus es wieder bergauf gehen soll. Die Teilnahme an der U19-WM hat Sarah voll im Blick, auf der renommierten „smart Beach-Tour“ will sie so oft es geht ins Hauptfeld und Ranglistenpunkte sammeln für die deutsche Meisterschaft, bei der das Duo „vorne mitspielen“ will.

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