„Aber dann wird das Spiel angepfiffen“

Ex-KSV-Trainer Wolf vor der Partie in Kassel über Rückkehr, Ruhe und eine schwere Zeit

Trainer Uwe Wolf
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Etwas grauer, aber an der Linie engagiert wie eh und je: Trainer Uwe Wolf kehrt heut mit dem VfR Aalen ins Kasseler Auestadion zurück.

Er ist noch immer der letzte Meistertrainer des KSV Hessen Kassel. 2013 führte Uwe Wolf die Löwen zum Titel in der Fußball-Regionalliga.

In den Aufstiegsspielen zur Dritten Liga scheiterte das Team aber an Holstein Kiel. Danach trennten sich die Wege von Coach und KSV. Heute kehrt Wolf mit dem VfR Aalen erstmals als Trainer ins Auestadion zurück (14 Uhr). Ein Gespräch mit dem 53-Jährigen:

Herr Wolf, die wichtigste Frage in diesen Zeiten: Wie geht es Ihnen?
Es geht mir sehr gut, vor allem auch, weil ich wieder im Geschäft bin. Das macht mir richtig Spaß, wieder auf dem Platz zu stehen. Wir hatten jetzt schon 17 Trainingseinheiten seit meinem Amtsantritt. Und ich merke: Für diese Sache lebe ich. Ich fühle mich gestärkt. Und ich bin ruhiger geworden.
Gestärkt, nachdem das Ende ihrer Zeit in Burghausen 2017 auch gesundheitlich Spuren hinterlassen hat?
Ja, das war so. Burghausen war für mich eine Herzensangelegenheit. Wir hatten nach dem Abstieg 2014 einen Dreijahresplan, waren auf einem guten Weg. In der Winterpause 2017, mitten in der Vorbereitung, kam dann die Nachricht mit der Abkehr vom Profifußball. Ich bin dann entlassen worden, ohne dass es große Gespräche gab. Das hat mich hart getroffen. Ich bin damals in ein tiefes Loch gefallen.
Was ist passiert?
Dinge, von denen ich mir nie vorstellen konnte, dass es so etwas gibt. Ich kann Ihnen sagen: So eine Depression wünsche ich niemanden. Aber ich hatte das Glück einer guten Klinik. Und einer Partnerin, die mich unglaublich unterstützt hat. Dafür bin ich dankbar. Es geht mir wieder gut. Und ich bin glücklich, dass ich nun wieder in meinem Beruf bin.
Einen Job, den Sie, so kennt man es auch aus ihrer Kasseler Zeit, stets sehr intensiv gelebt haben.
Das stimmt. Jetzt weiß ich, dass es Leute wie mich trifft. Leute, die ihren Job leben, die stürzen auch leichter in ein Loch.
Ihre Rückkehr in den gehobenen Fußball kam dann durch Kasseler Beziehungen zustande, oder?
Ja, Aalens Geschäftsführer Guiseppe Lepore war damals ja beim KSV. Er hatte auch in Kassel den Kontakt hergestellt und mich nun in Aalen vorgeschlagen. Es gab dann drei Gespräche mit dem Klub, dann hat es gepasst.
Vor Aalen waren Sie bei einem Kreisligisten aktiv. Wie kam das zustande?
Einfach deshalb, weil der Sohn eines Freundes dort gespielt hat. Es war der SV Mehring in Oberbayern. Im ersten Lockdown hat der Trainer überraschend aufgehört. Ich habe dann zu meinem Freund gesagt: Sepp, ich mache das. Das war eine junge, hungrige Truppe und für mich eine gute Erfahrung, eine Art Wiedereingliederung.
Jetzt geht es mit Aalen nach Kassel. Mit welchen Gefühlen kehren Sie ins Auestadion zurück?
Mit sehr angenehmen. Ich kann ja auch sagen: Der Meistertrainer kommt zurück. Es ist einfach schade, dass keine Fans da sein können, das wäre für mich das I-Tüpfelchen gewesen.
Welche Kontakte sind geblieben aus der Zeit bei den Löwen?
Einige. Angefangen bei meinem Stamm-Italiener und Stamm-Spanier. Dann zu Betreuer Uwe Heller. Er war damals immer Uwe 1, ich Uwe 2. Und ein paar Spieler von damals gibt es ja auch noch. Marco Dawid, Ingmar Merle, Sebastian Schmeer. Und natürlich Tobias Damm.
Ihre Beziehung zum jetzigen Trainer-Kollegen war ja nicht ungetrübt, als er unter Ihnen spielte. Da kam er selten zum Zug.
Tobi hatte starke Konkurrenz damals. Aber vor allem hatte er ja auch mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber zu kämpfen. Er hat mir eine Nachricht geschickt und gratuliert zum neuen Job. Das hat mich sehr gefreut.
Es ist sicher auch nicht immer leicht unter einem Trainer Wolf, der viel fordert, gern auch mal aneckt. Oder?
Der aber auch nie nachtragend ist. Ich habe das Gefühl: Wo ich mal war, da bin ich immer noch willkommen. Aber es ist schon so: Für meine Spieler gehe ich durchs Feuer, erwarte das umgekehrt auch von ihnen. Es ist schwer, in diesem Geschäft authentisch zu bleiben. Das habe ich aber stets versucht. Meinen Spielern habe ich stets gesagt: Fußballer sein ist der schönste Beruf der Welt.
Sie haben eingangs gesagt, Sie seien ruhiger geworden. Auch im Job?
Eher nicht. Bei den ersten Videosequenzen in Aalen habe ich gleich wieder gesehen, wie emotional ich bin. Vermutlich müsste ich mich zurücknehmen. Aber dann wird halt das Spiel angepfiffen. Und ehrlich: 90 Minuten still an der Linie, das wäre dann nicht mehr ich.
Mit welchen Erinnerungen kommen Sie nach Kassel, schlechten wie guten?
Am härtesten getroffen hat mich die Entlassung von Guiseppe Lepore durch den Aufsichtsrat. Das ist mir sehr nah gegangen. Positiv natürlich die souveräne Meisterschaft mit einer tollen Mannschaft, in der so viele unterschiedliche Typen standen. Mit Carsten Nulle, Bobo Mayer, Nico Hamann und anderen habe ich immer noch Kontakt.
In den Aufstiegsspielen gegen Kiel gab es dann leider keine Krönung.
Das war sehr enttäuschend. Ein bitterer Moment. Wir müssen aber auch sagen: Kiel war eine gestandene Mannschaft, in der Entwicklung einen Schritt weiter als wir. Sie hatten das verdient. Es gibt anderes, das mich ärgert.
Was?
Dass der Meister nicht aufsteigt. Ein Unding. Auch wenn ich in Bayern lebe: Die bayrische Staffel ist überflüssig. Es muss vier Staffeln geben, vier Meister, vier Aufsteiger.
Was bleibt: Ihr letztes Spiel in Kassel war eine Niederlage. Darf ich sagen: Machen Sie bitte am Samstag so weiter?
Das dürfen Sie sagen. Aber ich sage Ihnen, dass ich eine andere Meinung habe. Klar, das wird ein schweres Spiel. Auf Rasen. Vielleicht bei Regen. Aber ich weiß, wie gut meine Mannschaft zuletzt trainiert hat. Wenn sie das auf den Platz bringt, dann verlasse ich Kassel eher mit drei Punkten.

Trainer bei 1860, in Ingolstadt, beim KSV und in Burghausen

Uwe Wolf (53) wurde in Neustadt geboren. Als Spieler bestritt er 82 Bundesliga-Partien für den 1. FC Nürnberg, war bei 1860 München und in Mexiko aktiv. Sein Sohn aus erste Ehe heißt, angelehnt an die 60er Löwen, Leo. Mit Mexiko verbindet ihn immer noch vieles. Vor zehn Monaten wurde Sohn Emilio geboren. Namensvorbild: Der Spanier Emilio Butragueno, ein Freund aus den Zeiten in Mexiko. Als Trainer arbeitete Wolf unter anderem für 1860, Ingolstadt, den KSV und Burghausen. Am 24. März begann er in Aalen. 

(Frank Ziemke)

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