Damals, vor 50 Jahren

Als der KSV Hessen einmal besser als die Bayern war

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Die Süddeutschen Meister: Hinten von links: Helmut Zatopek, Helmut Huttary, Peter Jendrosch, Hans Alt, Wolfgang Simon, Heinrich Dittel, Rolf Fritzsche, Dieter Vollmer, Ernst Kuster. Vorn von lnks: Horst Assmy, Karl-Willi Nolte, Karl Loweg, Joschi Burjan, Rainer Istel, Gerd Becker.

Kassel. Es ist bis heute der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Vor 50 Jahren wurde der KSV Hessen Süddeutscher Fußballmeister und qualifizierte sich für die Bundesliga-Aufstiegsrunde. Ein spannender Blick zurück in die Geschichte.

31. Mai, 1964, 15 Uhr: Als Schiedsrichter Tschenscher das Regionalliga-Fußballspiel zwischen dem KSV Hessen und Schweinfurt 05 anpfeift, steht der KSV bereits seit einer Woche als Süddeutscher Meister fest. Ein 6:3-Sieg gegen Neu-Isenburg hatte am vorletzten Spieltag den Drei-Punkte-Vorsprung gegenüber Verfolger Bayern München gefestigt, sodass die Löwen nicht mehr zu gefährden waren. Die Partie gegen Schweinfurt, die 1:1 endet, dient schon der Vorbereitung auf die Bundesliga-Aufstiegsspiele, die vom 6. bis zum 28. Juni terminiert sind. Süddeutscher Meister vor Bayern München und Teilnahme an der Bundesliga-Aufstiegsrunde: Die Saison 1963/64 ist bis heute die erfolgreichste Serie, die der KSV Hessen je gespielt hat. Ein Rückblick:

DER GRÖSSTE KONKURRENT

Bayern München, Kickers Offenbach, VfR Mannheim, Waldhof Mannheim, SpVgg. Fürth: Das sind die berühmtesten Klubs, die das Ziel Bundesliga-Aufstiegsrunde im Visier haben, und der große Favorit heißt FC Bayern. Die Münchner spielen nur deshalb nicht in der Bundesliga, weil der DFB in der ersten Saison nicht zwei Vereine aus einer Stadt zulässt und die Wahl auf den TSV 1860 fällt. Doch die Bayern - da sind sich alle Experten einig - werden bereits in der zweiten Saison dem Oberhaus angehören. Herbert Ehrhardt, seit zehn Jahren Weltmeister, heißt der Münchner Mittelläufer, Rainer Ohlhauser und Dieter Brenninger sind die stärksten Stürmer, manchmal spielt der 19-jährige Sepp Maier im Tor, und am Ende der Saison wird die Mannschaft von einem Jugendspieler namens Franz Beckenbauer verstärkt. Trotzdem: Es sind nicht die Ex- beziehungsweise künftigen Weltmeister, welche die Spielzeit prägen, sondern die Kasseler Loweg, Michel, Huttary, Fritzsche, Kuster und Jendrosch. Allerdings: Im direkten Vergleich sind die Münchner überlegen, denn ihrem 3:2-Sieg in Kassel lassen sie einen 1:0-Erfolg an der Grünwalder Straße folgen.

DER LIEBLINGSGEGNER

21 Spieler kamen zum Einsatz

Tor: Karl Loweg (76 Jahre, lebt heute in Bad Homburg), Karl-Willi Nolte 77/Bad Wildungen)

Abwehr: Dieter Vollmer (geboren: 1935 - gestorben: 2012), Hans Alt (1938 - 2000), Rainer Istel (72/Münster), Heiner Dittel (76/Aschaffenburg), Helmut Zatopek (82), Werner Haßenpflug (74/Kassel), Hans-Adolf Schade (69/Korbach)

Mittelfeld: Hans Michel (77/Marbella), Helmut Huttary (70/Luzern), Rolf Fritzsche (80/Kassel), Peter Jendrosch (1939 -2008), Wolfgang Siemon (80), Peter Wolf (75), Uwe Habedank (70/Kassel)

Angriff: Joschi Burjan (79/Bergshausen), Horst Assmy (1933 - 1972), Helmut Zufall (72), Ernst Kuster (1940 - 1982), Gerd Becker (70/Breidenbach)

Trainer: Walter Müller (1928 - 1995)

Besonders viel Spaß aber haben die Löwen, wenn der Gegner 1. FC Pforzheim heißt. Beim Gastspiel in Baden-Württemberg feiert der KSV einen 4:1-Erfolg, während das Rückspiel im Auestadion gar einen 6:0-Kantersieg einbringt.

DER ANGSTGEGNER

Als Spielverderber tritt dagegen Schwaben Augsburg auf. Schon am dritten Spieltag müssen die Löwen eine 2:7-Niederlage in Augsburg hinnehmen, und im Auestadion läuft es auch nicht viel besser, denn der KSV verliert 3:5.

DER TRAINER

Walter Müller ist erst 35 und war noch in der vergangenen Saison als Spieler für die Löwen aktiv. Der Kasseler, der auch ein ausgezeichneter Handballer war, hatte es in den Fünfzigerjahren als Spieler des 1. FC Köln in das berühmte Notizbuch von Bundestrainer Sepp Herberger geschafft und verpasste die Teilnahme an den WM-Turnieren 1954 und 1958 nur knapp.

DAS INNENTRIO

Bei 61 Gegentreffern erzielte der KSV Hessen in 38 Spielen 116 Tore. Bei aller Hochachtung vor Torwart Karl Loweg und seinen Kollegen, die defensive Aufgaben erfüllen sollten: Das Torverhältnis spricht für die Stürmer und insbesondere für das Innentrio, das meistens mit Rolf Fritzsche, Ernst Kuster und Peter Jendrosch besetzt ist. Der Leipziger Fritzsche war vor der Saison vom HSV gekommen, wo er sich zwischen den Hamburger Legenden Uwe Seeler und Charly Dörfel behauptet hatte. Für den KSV erzielt die Nummer 8 in 36 Spielen 22 Tore, aber der 30-Jährige ist als Vorbereiter noch besser als in der Rolle des Vollstreckers. Von Fritzsches Ideen profitiert auch Kuster, der für 20 Treffer nur 28 Spiele benötigt. Der 24-Jährige aus Gelsenkirchen, der die Nummer 9 trägt, erzielt seine Tore aus allen Lagen. Das gilt auch für Peter Jendrosch. Kassels Nummer 10 ist mit 34 Treffern in 37 Spielen nicht nur Torschützenkönig der internen Kasseler Wertung, sondern setzt sich auch an die Spitze der Regionalliga-Torjägerliste. Der 25-Jährige war aus Dortmund nach Kassel gekommen.

DIE ZUSCHAUER

Auch in der Gunst der Zuschauer liegt der KSV vorn, denn 14 000 Fans strömen im Schnitt in das Auestadion. Zum Vergleich: Zum FC Bayern kommen 12 000, während sich Schlusslicht Amicitia Viernheim mit 2200 begnügen muss. (geb)

Quelle: HNA

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