Vor 20 Jahren kam der heutige Co-Trainer von Michael Roth mit seiner Familie nach Melsungen

Die Baloghs sind geblieben

Der „doppelte“ Sandor Balogh: als Co-Trainer von Michael Roth (links) und, vor 20 Jahren, als MT-Kreisläufer. Fotos: Friedrich/Siemon

Melsungen. An den 16. Juli 1990 kann sich Sandor Balogh noch gut erinnern. Der Grund: Es war der dritte Geburtstag seiner Tochter Zita. Und der Tag der Ankunft des Ungarn mit seiner Familie in Melsungen.

„Wo sind wir denn hier gelandet“, dachte er nach einer 16-stündigen Anreise mit dem Auto. Denn die Berge ringsum hatten so gar nichts gemein mit dem platten Umland seiner Heimatstadt Szeged. Diese, etwa so groß wie Kassel, noch weniger mit dem Dorf Beiseförth, wo er seine erste Wohnung bezog.

Und mit ungarischen Freunden wie dem Gensunger Torwart Zoltan Bartalos, der entscheidend am Wechsel seines Landsmannes zum damaligen Handball-Regionalligisten MT Melsungen beteiligt war, Zitas Ehrentag feierte. Das mag ihm und seiner Familie über den ersten Kulturschock hinweg geholfen haben. Wohl auch der herzliche Empfang von MT-Manager Herbert Rausch und dem Förderkreisvorsitzenden Karl Reinbold. Und nicht zuletzt der eigene Vorsatz, nach spätestens fünf Jahren in die Heimat zurückzukehren. Nach dem Ende seiner Handballkarriere, wenn seine beiden Töchter die Gelegenheit genutzt hätten, eine Fremdsprache zu lernen.

Das war der Plan, in Erfüllung ging er nur zum Teil. Der Nachwuchs lernte wie Mutter und Vater perfekt Deutsch, der Weg zum Abitur und späteren Studium war geebnet. Vater Sandor avancierte zum Garanten des Aufstiegs in die 2. Liga (1992) und der weiteren Erfolgsgeschichte der Melsunger Handballer.

2005 eingebürgert

Nur aus der Rückkehr wurde nichts. Für den Verein, dem der athletische Kreisläufer über seine Spielerkarriere hinaus als Co-Trainer treu blieb, ein Glücksfall.Für die Baloghs, 2005 eingebürgert, längst Normalität, ohne dass sie ihre Wurzeln leugnen: „Wir haben noch immer Heimweh nach Ungarn. Doch das geht uns mit Deutschland genauso, wenn wir in Szeged sind.“

Der Schlüssel zur Integration war die fleißige Familie selbst, der Klub, der seine Verpflichtungen - insbesondere die eines Arbeitsplatzes für den gelernten Maschinenbauer - erfüllte und das Team, das ihn mit offenen Armen aufnahm. „Da herrschte eine tolle Stimmung und echter Zusammenhalt“, erinnert sich der ungarische Nationalspieler. Auch daran, dass ihm seine Teamkameraden die Möbel das erste Quartier besorgten und beim Umzug halfen.

Sandor Balogh

Der damals 30-Jährige zahlte es mit Leistung zurück. Mit „einer unheimlichen Abwehrstärke und seiner non-verbalen Ausstrahlung“, wie es sein damaliger Trainer Günter Böttcher beschreibt. Auf dem Feld im fast unüberwindlichen Mittelblock mit Alexander Fölker einer gefürchteten 6:0-Deckung und daneben als Vorbild an Loyalität und Einsatzbereitschaft für seine Kameraden. Neben Böttcher, den „überragenden Motivator“, hat er noch drei weitere „völlig unterschiedliche Trainertypen“ erlebt: Karl-Heinz Richter, Vertreter der alten Handball-Schule, Christian Fitzek, den Verfechter der neuen, und Hrovje Horvat, den Verkünder der jugoslawischen.

Drei Knieoperationen

Ab 1996 pendelte Sandor Balogh wegen drei Knieoperationen zwischen Kreis und Auswechselbank, 2001 bestritt er sein letztes Spiel. Und wurde endgültig zur rechten Hand des Cheftrainers. Nach Horvat bei Rastislav Trtik, mit dem er 2005 den zweiten Aufstieg mit der MT schaffte, dann bei Robert Hedin und Ryan Zinglersen.

Er hat also viel erlebt. Trotzdem war der Fehlstart in diese Saison mit 0:24 Punkten ein Novum für den Routinier, der damit auf seine besonnene Art umging. Kurzfristig stieg er mal wieder zum Interimscoach auf, machte seine Arbeit und rückte ohne zu Murren zurück ins zweite Glied, als der Wechsel von Michael Roth an die Fulda perfekt war.

Denn auch dieses Intermezzo hat Baloghs Ehrgeiz, vielleicht doch nochmal zum Chefcoach aufzusteigen, nicht geweckt. Ein „Schleudersitz“ (Balogh), der dem Streben des Gemütsmenschen nach mentaler Ausgeglichenheit und familiärem Glück widerspricht. Also genießt Sandor Balogh seine Passion, den Handball, weiter als zweiter Mann. In Melsungen, wo er und die Seinen so richtig heimisch geworden sind. Auch wenn das vor 20 Jahren keineswegs so geplant war.

Zur Person

SANDOR BALOGH, geboren am 31. März 1960 in Szeged, verheiratet, zwei Töchter, schaffte es als Kreisläufer bis in die ungarische Nationalmannschaft, ehe er 1990 zum Handball-Regionalligisten MT Melsungen wechselte. Als Spieler unter Trainer Günter Böttcher war er entscheidend am Aufstieg in die 2. Liga beteiligt, den Einzug in die 1. Liga unter Rastislav Trtik gestaltete der Maschinenbauer als Co-Trainer mit.

Quelle: HNA

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