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Interview unter Kapitänen: Sharon Braun und Frederic Brill über Ziele, Musik und Rituale

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Von: Frank Ziemke, Björn Mahr

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Treffpunkt Brücke: Sharon Braun vom TSV Jahn Calden und Frederic Brill vom KSV Hessen Kassel beim Gespräch unter Kapitänen vor der Saison.
Treffpunkt Brücke: Sharon Braun vom TSV Jahn Calden und Frederic Brill vom KSV Hessen Kassel beim Gespräch unter Kapitänen vor der Saison. © Andreas Fischer

Die Regionalliga startet aus der Sommerpause. Zuerst bei den Herren, Anfang September auch bei den Frauen. Wir haben mit Sharon Braun und Frederic Brill, Kapitäne in diesen Ligen, gesprochen.

Interview-Termin an der Kasseler Drahtbrücke. Brücken haben etwas Verbindendes. Im Fokus stehen an diesem Abend Sharon Braun, die Kapitänin des Frauen-Regionalligisten TSV Jahn Calden, und Frederic Brill, in gleicher Funktion beim Regionalliga-Vertreter KSV Hessen Kassel tätig. Wir haben mit ihnen über den Saisonstart gesprochen. Über Unterschiede und die wachsende Bedeutung des Frauenfußballs.

Ladies first: Wie fanden Sie die Frauenfußball-EM?

Sharon Braun: Sehr gut. Es war spannend. Insbesondere in den letzten Spielen hat man gespürt, dass die deutsche Mannschaft zu einem absoluten Team gereift ist. Es war viel Siegeswille zu erkennen.

Hat Sie das Niveau überrascht?

Braun: Erwartet habe ich es schon. Überrascht bin ich von der Disziplin, wie das Team nach hinten arbeitet. Auch diesen Zusammenhalt hatte ich vorher nicht erkannt.

Schauen Sie als Fußballerin eigentlich lieber Frauen- oder Männerspiele?

Braun: Ich schaue beides gern. Bei Männern ist mehr Dynamik. Aber der Frauenfußball ist im Kommen. Die Qualität in der Bundesliga ist allerdings sehr unterschiedlich. Da hast du zum einen Mannschaften, die attraktiven Fußball spielen. Und dann gibt es einige, die brechen weg. Bei den Männern ist das Niveau durchgängig hoch.

Was ist der größte Unterschied?

Braun: Das Interesse am Männerfußball ist viel größer. Finanziell ist einiges mehr dahinter. Insgesamt haben die Frauen aufgeholt. Aber bei Männern wird in jungen Jahren mehr investiert. Das merkst du auf lange Sicht.

Holen wir den Mann mit ins Boot: Haben Sie sich die EM im Fernsehen angeschaut?

Frederic Brill: Ich habe mir zwei Spiele mit deutscher Beteiligung angesehen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich sonst keinen Frauenfußball anschaue. Das stößt bei mir auf wenig Interesse. Ich muss aber auch sagen, dass ich von den beiden Partien positiv überrascht war.

Das heißt?

Brill: Ich habe da mehr Teamgedanken entdeckt als in mancher Männermannschaft, bei denen es doch schon einige Ich-AGs gibt. Bei den Frauen ist das auch aufgrund geringerer Bezahlung vielleicht anders. Da ist man eher geneigt, die Aufgaben im Team zu wuppen. Das war schon imponierend zu sehen. In Sachen Dynamik und Athletik ist das Spiel besser geworden. Den größten Unterschied gibt es auf der Torwartposition. Das sieht für mich immer etwas unbeholfen aus. Allerdings weiß ich auch, dass die Torhüterinnen nicht so groß sind wie ein Manuel Neuer, aber im selben Tor stehen.

Braun: Da gebe ich dir Recht. In vielen Ländern ist das Niveau auf der Position nicht so hoch. Deutschland ist eine Ausnahme – da wird viel in die Förderung gesteckt.

Zurück zu den besten Fußballfrauen der Region: Bei Ihrem Team war vergangene Saison einiges los. Trainer entlassen, Trainer wieder da, dann doch entlassen. Wie haben Sie die turbulente Zeit erlebt?

Braun: Es war eine sehr unruhige Zeit, in der man sich nicht mehr nur auf das Sportliche konzentrieren konnte. Es gab Entscheidungen, die man nicht sofort nachvollziehen konnte. Letztlich haben wir das Beste draus gemacht.

Trotzdem, wie tief saß die Enttäuschung?

Braun: Sportlich war es noch nie besser gelaufen. Das hatte ich so noch nicht erlebt. Und auch das Drumherum hat gut gepasst. Es hat einfach Spaß gemacht. Und uns war natürlich bewusst, dass sich jetzt wieder Dinge verändern.

Das Team war dicht dran am Aufstieg. Wie ist das Ziel für die neue Serie?

Braun: Der Aufstieg ist kein realistisches Ziel. Wir hatten viel Unruhe. Jetzt muss das Team erst mal wieder in die Spur kommen. Wir wollen aber schon unter den ersten Fünf landen.

Da tun sich Parallelen zu den Löwen auf.

Brill: Ein Aufstieg ist in keinem Fall realistisch. Es ist auch zu früh, um jetzt eine Zielsetzung herauszugeben. Unser Kader ist noch gar nicht komplett. Es soll noch Verstärkung kommen.

Größtenteils ist der KSV zusammengeblieben, Neuzugänge lassen auf sich warten. Ein Problem?

Brill: Es ist super, dass wir zusammengeblieben sind. Dafür haben wir uns starkgemacht. Wir freuen uns, dass sich die Entwicklung dieser Truppe fortsetzen kann. Trotzdem gibt es Stellschrauben, an denen man drehen muss. Neue Spieler können wichtige Impulse geben.

Apropos Neuzugänge: Gibt es Rituale, was die zu ihrem Einstand machen müssen? Beim FC Bayern wird gesungen…

Braun: Bei uns müssen die Neuen auch erst mal singen. Das passiert zumeist im Trainingslager. Und es ist auch Sache der Neuen, die Trainingsutensilien zu tragen.

Und beim KSV?

Brill: Ähnlich und doch anders. Bei uns gibt es einen klassischen Einstandsabend. Da kann es schon mal etwas feuchtfröhlicher werden, um die Jungs auf ihren Einsatz entsprechend vorzubereiten. Das ist ein Höhepunkt. Es wird kräftig gefeiert. Der, der singen muss, bekommt Unterstützung aus vielen Kehlen. Es ist für uns mit das wichtigste Instrument in der Einstimmung. Denn am Tag danach ist die Gruppe eine andere. Es wird alles ein bisschen aufgelockerter.

Die Musikauswahl in Calden?

Braun: Zuletzt waren es eher Balladen. Gefühlt ist alles dabei, auch ein paar Klassiker.

Und beim KSV?

Brill: Balladen sind bei uns nicht so gern gesehen, weil da nicht so Stimmung aufkommt. Bei uns geht es auch nicht darum, dass einer besonders schön singt, sondern dass es für denjenigen ein bisschen peinlich wird. Mallorca-Style ist eher angesagt.

Wer braucht länger in der Kabine nach einem Spiel, Frauen oder Männer?

Braun: Ich würde ganz klar sagen: Frauen. Also ich brauche sehr lange.

Brill: Bei uns gibt es auch sieben, acht Spieler, die noch einige Zeit in der Kabine sind. Dazu zähle ich mich auch. Es hängt aber insbesondere damit zusammen, dass es erst mal in die Eistonne oder in die Sauna geht.

Braun (lacht): Da kann ich nicht mitreden.

Brill: Also wenn es nur darum geht, sich anzuziehen und fertigzumachen, dann tippe ich eher auf Frauen.

Und wie sieht es mit Aberglaube aus, wie hoch liegt da die Quote jeweils?

Braun: Da ist mir nichts bekannt. Und wenn, dann wird es nicht erzählt. Vielleicht gibt es heimliche Rituale. Wir haben nur unsere Routinen.

Brill: Also ich bin sehr abergläubisch. Das trifft auch auf den einen oder anderen Kollegen zu. Da wird schon mal eine ganze Saison mit denselben Socken gespielt, auch wenn sie ein Loch haben. Wir haben einen verständnisvollen Zeugwart, der die flickt. Ich finde Rituale wichtig. Sie helfen dir, runterzukommen, wenn du nervös bist. Und in Zeiten, wo es nicht gut läuft, erinnern sie dich daran, dass es schon besser gelaufen ist.

Gibt es ein Lieblingsritual?

Brill: Ich werde schon mal aufgezogen, weil mein Spind immer gleich aussieht. Der Geldbeutel liegt da, der Schlüssel da, die Badelatschen da. Ich mache auch alles zuerst mit dem rechten Fuß.

Wie sehen Sie die Forderung nach der Gleichbezahlung von Frauen und Männern im Fußball?

Braun: Ich bin der Meinung, dass man es auf jeden Fall weiter anpassen sollte. Es wäre schön, wenn Frauen so viel kassieren würden, dass sie nach dem Fußball gut davon leben können.

Sie spielen beide in der Regionalliga.

Braun: Bei uns wird nichts gezahlt. Das ist pure Leidenschaft.

Brill: Es ist ein schwieriges Thema. Wenn man realistisch ist, muss man jetzt sagen, dass es noch keine wirtschaftliche Grundlage dafür gibt, dass Fußballerinnen genauso viel verdienen sollten wie ihre männlichen Kollegen. Das Geld muss ja irgendwo herkommen. Und da gelten die Marktmechanismen mit Angebot und Nachfrage. Durch die EM gibt es jetzt einen Hype. Aber ich weiß nicht, wie nachhaltig das ist, wie es aussieht, wenn die Männer-Bundesliga wieder läuft. Ich kann nicht sagen, vor wie vielen Zuschauern die Frauen dann spielen, wie groß das öffentliche Interesse sein wird, welche Sponsorenverträge es gibt. Ich sage allerdings auch klar, dass Profifußballer überbezahlt sind.

Können Sie sich vorstellen, dass Frauen- und Männerfußball irgendwann ähnliches Interesse hervorrufen?

Braun: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn das so weitergeht, würde ich das nicht ausschließen.

Brill: Ich kann mir das auch vorstellen. (lacht) Dann muss ich mitgucken.

Zu den Personen

Sharon Braun (29) ist Mannschaftsführerin beim Frauenfußball-Regionalligisten TSV Jahn Calden. Zuvor spielte sie beim TSV Immenhausen. Braun arbeitet als Teamleiterin (Recyclinghof) bei den Stadtreinigern Kassel. Die Kasselerin ist ledig.

Frederic Brill (30) kam 2015 zum Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Er führt als Kapitän die Löwen auf das Feld. Die früheren Stationen des gebürtigen Saarländers: SC Gresaubach. 1. FC Saarbrücken, Mainz 05, FSV Frankfurt, Fortuna Köln, Waldhof Mannheim. Brill studiert an der Uni Kassel: Masterstudienlehrgang Business Studies. Er ist verheiratet mit Vivi.

Von Frank Ziemke Und Björn Mahr

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