Interview: Vieles auf dem Prüfstand, aber Rossi bleibt Trainer

Huskies-Geschäftsführer Gibbs: "Zufrieden bin ich auch nicht"

Kassel. Drei Tage nach dem bitteren Ende der Eishockeysaison für die Huskies redete Geschäftsführer Joe Gibbs Tacheles. „Wir werden vieles auf den Prüfstand stellen, aber das Schlechte nicht allein an Rico Rossi festmachen. Er wird unser Trainer bleiben."

Herr Gibbs, wie waren Ihre Nächte seit dem Aus?

Joe Gibbs: Ich habe noch weniger geschlafen als sonst, eine Niederlage und ein Ausscheiden gehen immer unter die Haut. Es gibt viel zu tun, deshalb kommt mein Playoff-Bart auch erst nach Ostern ab.

Zur Saisonbilanz: Wie sieht es wirtschaftlich aus, nachdem der Zuschauerschnitt entgegen der Wahrnehmung in der Halle mit 3565 über dem des Vorjahres (3486), aber unter dem des Meisterjahres (3646) lag?

Gibbs: Da ist alles in Ordnung, wir planen ja konservativ. Eine weitere Playoff-Runde wäre Zugabe gewesen, aber die Prämie zum Weiterkommen hätten wir den Spielern gern gezahlt.

Und sportlich: Wurden mit Rang sechs und dem Aus im sechsten Viertelfinalspiel gemessen am Aufwand die Erwartungen erfüllt?

Gibbs: Nein, auf keinen Fall. Wir haben einen tiefen Kader gebildet, vermeintlich gut genug für die Meisterschaft. Aber wir haben nie zur nötigen Konstanz gefunden. Die Einstellung einiger Spieler hat nicht gestimmt, es hat im Team an Führungskraft gemangelt. Der frühe Ausfall von Manuel Klinge als Leader und verlängerter Arm des Trainers auf dem Eis war nicht zu kompensieren, zumal am Ende auch noch Michi Christ ausfiel.

In der Hauptrunde gab es ab dem 22. Oktober zwölf Heimsiege in Serie, in 13 Spielen nur zwei Niederlagen. Aber was ist an Weihnachten passiert? Danach standen neun Siegen 14 Niederlagen gegenüber.

Gibbs: Wenn ich das wüsste, einen konkreten Anlass gab es nicht. Darüber grübeln wir, und das müssen wir in den nächsten Tagen alles in Ruhe und sehr offen analysieren, um richtig darauf zu reagieren. Die Fans waren unruhig – zu Recht. Es lief vor allem auswärts schlecht, und wir sind zu langsam aus diesem Formtief herausgekommen. Erst in den ersten beiden Playoff-Spielen haben wir wieder gezeigt, was wir können.

Aber warum war die Herrlichkeit ab dem dritten Spiel schon wieder vorbei?

Gibbs: Weil die Frankfurter gut gearbeitet haben, sind sie verdient ins Halbfinale gekommen. Unsere Taktik war okay, aber die Jungs müssen auch die Tore machen. Manchmal fehlten nur Millimeter und ein Spiel wäre anders verlaufen. Und wir tun gut daran, auch die Klasse des Gegners und seines Torwarts anzuerkennen.

Es war eine unruhige Saison. Nicht weniger als 33 Spieler wurden eingesetzt, das Hin und Her mit Mannheim – ist da der Teamgeist ein wenig auf der Strecke geblieben?

Gibbs: Auch das hat eine Rolle gespielt. Einzelne Jungs waren zu selbstzufrieden, zu wenige gingen so voran wie Tyler Gron, der im letzten Spiel trotz eines doppelten Kieferbruchs im ersten Drittel sich bis zum Ende durchgebissen hat. Einige Jungs haben definitiv zu wenig investiert, waren nicht bereit, jeden Preis für den Erfolg des Teams zu zahlen.

Im Nachhinein: Hat auch das Intermezzo eines Stars wie James Wisniewski mit allem Trubel mehr genützt oder mehr geschadet?

Gibbs: Wis hat uns geholfen, auf alle Fälle. Und er hat einige Spiele bestritten, die er wegen seiner Fußverletzung besser ausgesetzt hätte. Er hat uns auch nicht im Stich gelassen, aber ein wenig hat er wegen seines eigenen großen Ziels der Olympiateilnahme unser Team später aus den Augen verloren. Die Situation war für alle Seiten kompliziert.

Die Position von Trainer Rico Rossi scheint im Team geschwächt, bei den Fans hat er einen schweren Stand. Ist nach vier Jahren die Zeit reif für einen Wechsel trotz eines Vertrages bis 2020?

Gibbs: Nein. Wir werden vieles auf den Prüfstand stellen, aber das Schlechte nicht allein an Rico festmachen. Da würden wir es uns zu leicht machen. Er hat Vertrag bis 2020 und wird auch in der nächsten Saison unser Trainer sein. Er gibt seit vier Jahren alles und kann dennoch nicht jedes Jahr im Finale stehen. Ich stelle ihn nicht infrage, aber wir haben einiges zu besprechen und sicher auch einiges zu ändern. Da geht es um Abläufe, um Personal und, ja, auch um Taktik.

Trainer Rossi sagt, er wüsste nicht, was er hätte ändern sollen, schließlich könne er die Tore nicht selbst schießen. Aber darf es wirklich jetzt weitergehen wie bisher?

Gibbs: Darf es nicht. Und wird es auch nicht. Ich höre auch die Kritik, und zufrieden bin ich auch nicht. Aber ich weiß das alles einzuordnen. Und die, die am lautesten nach Veränderung schreien, die waren beim Fantreff nicht da. Es wurden Fehler gemacht, die wollen wir gemeinsam abstellen.

Auch wenn mit Frankfurt nun die weniger attraktiv spielende Mannschaft weitergekommen ist: Warum haben die Huskies ihre Fans nur selten begeistert?

Gibbs: Haben sie das? Mir wurden etliche Hauptrunden-Spiele zu negativ wahrgenommen. Ja, wir haben teilweise nicht konsequent genug gearbeitet auf dem Eis, es fehlten insbesondere dreckige, mit Wille erzwungene Tore. Und ja, manchmal stimmte die Art und Weise nicht, wie wir verloren haben. Aber: Die Liga ist sehr viel ausgeglichener geworden. Teams wie Freiburg und Bad Tölz haben personell aufgerüstet, spielen seit Januar ums Überleben. Da haben andere Favoriten auch reichlich Federn gelassen. Und: Wir hätten unseren Kader auch gern eher verändert, haben aber erst spät die richtigen Leute bekommen.

Fakt ist: Bei vielen Fans, einigen Sponsoren und Spielern ist die Stimmung schlecht. Was wollen, was müssen Sie tun für einen nötigen Umschwung?

Gibbs: Wir wollen und müssen mehr auf die Fans zugehen. Sie sind ebenso wie die Sponsoren seit langer Zeit sehr loyal, das ist in Kassel einmalig. Wir wollen neue Leute für die Huskies begeistern und ehemalige Fans zurückholen. Die Stimmung in den Playoff-Spielen war doch grandios.

Was sind die Pläne für den langen Sommer, was gibt es zu tun – personell, sportlich, aber auch in der Infrastruktur?

Gibbs: Wir haben eine lange To-do-Liste, das Brainstorming läuft noch. Die Geschäftsstelle hätte ich gern in der Eissporthalle, bis 30. Mai müssen wir die Lizenzunterlagen eingereicht haben. Der Zamboni zur Eisbereitung ist nicht mehr der Jüngste, auch die sanitären Anlagen der Halle sollen weiter verbessert werden. Wir müssen den Wohlfühlfaktor erhöhen. Wir planen weiterhin die zweite Eisfläche. Und wir nehmen unsere personelle Struktur genau unter die Lupe

Welche Rolle könnte da der verletzte Kapitän Manuel Klinge spielen?

Gibbs: Wir planen die nächste Saison mit ihm auf dem Eis. Aber Manu wird schon jetzt vorbereitet auf den Tag x. Er erhält Einblicke in alle Themen in Verwaltung und Organisation. Wir wollen ihn nach der Spielerkarriere unbedingt bei den Huskies behalten.

Und Derek Dinger kommt als Spieler zurück?

Gibbs: Daran haben wir großes Interesse. Er ist ein guter Typ, ein guter Spieler, harter Arbeiter und Kasseler Junge. Seine Rückkehr wäre gerade jetzt sicher ein gutes Signal.

Zur Person Joe Gibbs

Joseph „Joe“ Gibbs (57) stammt aus Toronto/Kanada und kam 1979 als Eishockey-Mittelstürmer nach Deutschland. Von 1999 bis 2005 und seit 2014 arbeitet er als Geschäftsführer der Kassel Huskies. Er ist seit 1991 verheiratet mit Katherine, Vater einer Tochter und zweifacher Großvater. Er lebt in Kaufungen. 

Einen Kommentar zum Interview mit Joe Gibbs lesen Sie hier

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Schachtschneider/Archiv

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