Vermummte Frankfurter sollen Kasseler attackiert haben

Fan-Gewalt im Eishockey: Huskies-Anhänger boykottieren Derby in Frankfurt

Polizeiübung
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Eigentlich stand Eishockey bisher für friedliche Zuschauer. Nach dem ersten Hessen-Derby zwischen den Huskies und den Löwen in Südhessen in dieser Saison sollen nach Spielende aber teils vermummte Frankfurter Kasseler attackiert haben. Bei unserem Bild handelt es sich um ein Symbolbild einer Polizeiübung bei Fan-Gewalt.

Kassel. Im Eishockey fliegen häufiger die Fäuste. Zwischen Spielern gehört das zum Alltag. Was allerdings nicht alltäglich ist, ist Gewalt abseits des Eises.

Deshalb lässt der Appell der Fanklubs des Zweitligisten Kassel Huskies aufhorchen. Denn sie wollen „ein Zeichen setzen gegen Gewalt in Eisstadien (...), auf das es Nachahmung finden wird“ (den kompletten Text des Facebook-Posts gibt es hier) und boykottieren in Absprache mit dem Team das nächste Derby in Frankfurt am 19. Januar. Stattdessen gibt’s ein Public Viewing in der Kasseler Eissporthalle.

Nach dem ersten Derby in Südhessen sollen nach Spielende teils vermummte Frankfurter Kasseler attackiert haben. „Es kann nicht sein, dass in unserer geliebten Sportart immer mehr Zustände aus dem Fußball einziehen“, heißt es. Im Interview spricht Sven Breiter, Fanbeauftragter der Huskies, über ein Problem, das sonst wenig Öffentlichkeit bekommt.

Herr Breiter, hat das Eishockey ein Gewaltproblem?

Sven Breiter: Nein, ein grundsätzliches Gewaltproblem sehe ich nicht. Die meisten Spiele, auch Derbys, verlaufen friedlich. Das Problem aber ist, wenn sich gewisse „Möchtegern-Fans“ ins Stadion begeben und auf Randale aus sind. Es gibt von der DEL bis in die Oberliga Spiele, da ist ein massives Polizeiaufgebot von bis zu 100 Polizisten vor Ort, die die Fans trennen müssen. Wir wollen verhindern, dass es wie im Fußball teilweise anfängt zu eskalieren. Der Eishockeysport war früher friedlich und soll es eigentlich auch bleiben.

Woran liegt das?

Breiter: Im Moment sehe ich, dass ab Ende November, wenn der Fußball in die Winterpause geht, einige vom Fußball kommen und sich versuchen, bei anderen Sportarten in den Vordergrund zu stellen. Früher hast du dich verbal in den Derbys in die Köppe gekriegt, aber danach ein Bier zusammen getrunken. Aber das geht heute leider oft nicht mehr.

Warum stoßen Sie eine solche Aktion mitten in der Saison an?

Breiter: Weil das nächste Spiel dort ansteht. Wir haben bis jetzt ein super Verhältnis zu Frankfurt gehabt und werden es auch weiterhin pflegen. Beim letzten Spiel dort aber gab es diese unschönen Vorfälle. Wäre die Polizei nicht dagewesen, ich möchte mir nicht ausmalen, was da passiert wäre. Deshalb haben sich die Fanklubs für den Boykott ausgesprochen. Weil sie ein Zeichen setzen wollen. Weil sie keine Lust haben, unter Polizeischutz auf der Autobahn zu fahren. Sie wollen wieder nach Hause fahren, ohne Angst zu haben, dass irgendwas passiert bei solch einem Spiel. Wenn es solche Vorfälle gibt, müssen die Vereine die Rote Karte zeigen und die Leute aus dem Verkehr ziehen.

Gab es Vorfälle in Kassel?

Breiter: Wir hatten zwei Fälle in dieser Saison. Da wurden gegnerische Fans mit Bierbechern beworfen. Die Verursacher haben sofortiges Stadionverbot für die komplette Saison bekommen.

Hat Kassel eine gewaltbereite Fangruppierung?

Breiter:Ich habe noch nie gesehen, dass Kasseler sich vermummen und auf Gegner losgehen. Von solchen Fällen ist mir nichts bekannt. Wir haben eine Gruppierung, die verbal gern mal angreift. Aber gewaltbereit ist sie nicht.

Wie hoch ist denn die Zahl gewaltbereiter Fans im Eishockey?

Breiter:Das ist schwer zu sagen. Es gibt Leute, die kommen nur ab zu mal zum Spiel. Aus Frankfurt haben wir gehört, dass die betreffende Fangruppierung nur ab und zu mal zum Spiel kommt.

Wie ist Ihr Aufruf über die Grenzen der Region hinaus aufgenommen worden?

Breiter: Es gab viele positive Reaktionen. Der Tenor war: Es wurde Zeit, dass mal etwas gesagt wird. Denn manches wird leider totgeschwiegen. Man muss aber auch klipp und klar sagen: Es sind Einzelfälle. Man will mit Kindern zum Eishockey gehen und ruhigen Sport sehen. In Bremerhaven haben ja kürzlich erst Fans und Mannschaft gemeinsam ein klares Statement gegen Gewalt gesetzt. Es muss also was dran sein, wenn Fans solche Aktionen machen.

Also gibt es im Eishockey doch nicht die, überspitzt gesagt, heile Welt?

Breiter: Zu 95 Prozent ist es eine heile Welt. Aber diese fünf Prozent, in denen vereinzelte Idioten auftreten, die hast du eben leider überall. Und diese fünf Prozent können leider auch was Schlimmeres zur Folge haben.

Sven Breiter (40) ist seit zehn Jahren Fanbeauftragter der Kassel Huskies. Auch als Hallensprecher ist er seitdem im Einsatz. Der Angestellte lebt in Staufenberg. 

Reaktionen

DEL2-Chef Rene Rudorisch: „In dieser Saison haben wir von Seiten der Liga drei bundesweite Stadionverbote ausgesprochen. In der vergangenen waren es 26, seit 2014/15 insgesamt 47. Das gilt bei Delikten wie Körperverletzung und Einsatz von Pyrotechnik, die polizeiliche Ermittlungen nach sich ziehen. Es entsteht ein Bild, das nicht dem Eishockey entspricht.“

• Matthias Mänz, Pressesprecher der Kasseler Polizei: „Rund um die Heimspiele der Huskies hat es in letzter Zeit keinerlei Auffälligkeiten gegeben und keine Hinweise auf Fangewalt.“

Matthias Scholze, Pressesprecher der Löwen Frankfurt: „Daumen hoch für Klubs und Initiativen, die gegen Gewalt einstehen. Wir distanzieren uns schon immer von jeglicher Form von Gewalt. Wir haben über die Jahre hinweg ein Netzwerk aufgebaut von Fanbeauftragten, Sicherheitsdienst bis hin zu szenekundigen Polizeibeamten. Der Vorteil im Eishockey ist, dass man sich kennt. Es gibt keine Anonymität. Wir sind froh, dass sich die Zuschauer bei unseren Heimspielen sicher fühlen. 

Uns wundert im aktuellen Fall die Darstellung. So, als sei jedes DEL2-Spiel gefährlich. Wir richten 26 Hauptrunden-Spiele aus und haben nicht den Eindruck, dass auch nur eine der bisherigen Partien gefährlich für den Zuschauer war. Der besagte Fall ist bei uns nicht aktenkundig.“

Hintergrund: Fälle Klostersee und Bremerhaven

Hooligans beim Eishockey? Kommt vor. Der ehemalige Oberligist EHC Klostersee hatte in der Saison 2015/16 massive Schwierigkeiten mit gewaltbereiten Fans. Eine Gruppe von Randalierern griff mehrfach Gäste-Anhänger an. Mittlerweile spielt Klostersee in der Bezirksliga. 

Auch der DEL-Klub Fischtown Pinguins musste sich schon mit Krawallmachern beschäftigen. Aus Angst um ihren guten Ruf starteten Mannschaft und Fans einen viel beachteten Video-Aufruf gegen Gewalt. Beim Spiel gegen Nürnberg zogen mehrere hundert Bremerhavener in den Nürnberger Fanblock.

Quelle: HNA

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