„Im Tor ein Duell auf Augenhöhe“

Handball-WM: Experte Michael Roth vergleicht Deutschland und Ungarn

Der ungarische Schlussmann Roland Mikler, hier im Szeged-Trikot, bei einem Spiel der Champions League.
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Exzellenter Torhüter: Ungarns Schlussmann Roland Mikler (hier im Szeged-Trikot).

Vor dem letzten Vorrundenspiel bei der Handball-WM in Ägypten vergleicht unser Experte Michael Roth de deutsche und die ungarische Nationalmannschaft.

Kassel - Zwei klare Erfolge in der Vorbereitung gegen Österreich, ein Kantersieg zum WM-Auftakt gegen Uruguay – bislang fehlten der deutschen Handball-Nationalmannschaft die harten Prüfungen. Nach der Absage des zweiten Turnierspiels gegen Kap Verde wird die abschließende Vorrundenbegegnung heute ab 20.30 Uhr (ZDF) gegen Ungarn der erste echte Gradmesser für das Team von Bundestrainer Alfred Gislason. Unser WM-Experte Michael Roth vergleich die beiden Kontrahenten. Er sagt: „Die Mannschaft wird nun erstmals voll gefordert.“

Michael Roth über ...

die Torhüter: „Die deutsche Mannschaft hat mit Andi Wolff, Johannes Bitter und Silvio Heinevetter drei hervorragende Torleute. Aber ich habe nicht ganz nachvollziehen können, weshalb Bundestrainer Alfred Gislason erst mit Wolff eine 1A bestimmt und ihn dann gegen Uruguay draußen lässt.

Ich sehe die Ungarn auf der Position dennoch auf Augenhöhe. Denn an einem guten Tag ist es schwer an Roland Mikler vorbeizukommen. Und auch die Keeper dahinter haben einige Erfahrung

die Abwehr: „Die Ungarn sind unserer Mannschaft körperlich absolut ebenbürtig, Und die Robustheit hatten sie schon zu meiner aktiven Zeit in den 80er-Jahren. Dieser Gegner kann dir richtig weh tun. Und das sage ich nicht nur, weil Abwehrchef Bence Banhidi 2,06 m groß und 120 Kilo schwer ist. Genauso wie wir hat Ungarn auch eine 6:0- und eine 5:1-Deckung im Repertoire. Sie sind sich auch in der Ausrichtung ähnlich: Der Innenblock bleibt zurück, die Halben kommen etwas raus.

Beim deutschen Team stellt sich die Frage, wie gut Johannes Golla durchkommt, wenn er 60 Minuten Angriff und Abwehr spielen muss.

Deutscher Torwart: Andreas Wolff.

den Angriff: Im Kader der Magyaren spielt Blockbildung eine große Rolle. Da Spitzenteam Veszprem kaum Ungarn im Team hat, rekrutiert sich die Nationalmannschaft in erster Linie auch aus Spielern von Szeged, Tatabanya und Balatonfüredi. Der Spielmacher kommt aber von Veszprem: Mate Lekai kann auch schon mal den Unterschied machen. Aus einer homogenen Mannschaft ragen er und der Halbrechte Gabor Ancsin heraus. Die Ungarn leben von ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit.

Deutschland hat mit Melsungens Julius Kühn einen Spieler, der auch mal zehn Tore in einem Spiel werfen kann. Im Rückraum sind jetzt Kühn, Philipp Weber und Kai Häfner erste Wahl. Dahinter gibt es aber einige Optionen – mit Fabian Böhm, Paul Drux, Marian Michalczik und dem hochtalentierten Juri Knorr. Auf den Außen brauchen wir uns mit Uwe Gensheimer, Marcel Schiller, Timo Kastening und dem für Tobias Reichmann nachgerückten Patrick Groetzki keine Sorgen zu machen. Am Kreis muss Moritz Preuss den jungen Golla entlasten. Bei Sebastian Firnhaber sehe ich die Stärken in der Abwehr.

die Stars: Für eine fundierte Einschätzung ist es zu früh. Ich würde mir wünschen, dass Kühn und Gensheimer bei diesem Turnier über sich hinauswachsen. Das würde helfen, um bis ins Halbfinale zu kommen. Bei den Ungarn sitzt mit Ex-Profi Laszlo Nagy eine Figur auf der Bank, die auch als Co-Trainer noch großen Respekt einflößt. Ansonsten sind eben Lekai, Ancsin und Mikler zu beachten.

die Trainer: Alfred Gislason ist eine Institution. Einen Bundestrainer dieser Güte hätte es schon länger gebraucht. Er hat die besten Spieler der Welt trainiert. Bei ihm wartest du nicht wie bei seinem Vorgänger Christian Prokop darauf, was er in der nächsten Auszeit sagt. Gislason weiß genau, was er tun muss. Er macht keine großen Fehler.

Istvan Gulyas hat jahrelang in der ungarischen Liga gearbeitet. Er bringt Nationalbewusstsein hinein. Und ich finde, dass er die nötige Autorität besitzt. Er profitiert davon, dass er mit Nagy und dem ehemaligen spanischen Nationalspieler Chema Rodriguez zwei gute Leute als Unterstützung auf der Bank hat. (Björn Mahr)

Unser Experte: Michael Roth

Michael Roth (58) trainierte von 2010 bis 2019 den Bundesligisten MT Melsungen. In diesem Jahr war der gebürtige Heidelberger zunächst Coach in Berlin, dann Nationaltrainer in Bahrain. Der frühere Nationalspieler holte mit der DHB-Auswahl Silber bei den Olympischen Spielen 1984. Roth ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Hamburg.

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