Samstagsinterview

„Ich liebe es, zu gewinnen“ - Husky Richie Mueller über sein zweites Ja zu Kassel

Er ist ein Eishockeyspieler mit vielen Bestmarken und Erfahrung: Schnellster Spieler der DEL2 und Topscorer der Saison 2017/18 sind nur zwei Titel von Richie Mueller. 

Im Interview spricht der 36 Jahre alte Angreifer über sein zweites Ja zu Kassel, seine Träume und warum er so schnell ist.

Herr Mueller, wandern Sie?

Richie Mueller: Oh ja. In Garmisch habe ich das gern gemacht. In meiner Heimat Vancouver gibt’s den Grouse Mountain, der ist 700, 800 Meter hoch, man steigt 40 Minuten lang nur Treppen hoch. Das bringt viel für die Kondition.

Sie könnten auch als Wandervogel gelten, haben für elf Teams in 14 Jahren gespielt.

Mueller: Den Ausdruck Wandervogel kannte ich noch nicht. Im Englischen reden wir vom Walking Suitcase, dem laufenden Koffer, wenn ein Spieler häufig den Klub wechselt.

Hatten Sie in Ihrer Karriere Pech, oder haben Sie häufig gewechselt, weil Sie Europa kennenlernen wollten?

Mueller: Ich versuche immer, möglichst lange an einem Ort zu bleiben. Die vier Jahre in Berlin waren schön, die zwei in Hamburg auch. 2010 hatte ich in Kassel unterschrieben, aber die Zeit nach dem plötzlichen Aus war schwer. Denn wenn du Teams wechselst, musst dich auch an neue Trainer, Managements und Situationen anpassen. Das kostet Kraft.

Trotz der Insolvenz-Erfahrung 2010 haben Sie sich nun ein zweites Mal für Kassel entschieden. Warum?

Mueller: Weil ich gewinnen will. Wenn du als junger Spieler eine Meisterschaft holst, gehst du davon aus, dass es im Jahr darauf wieder geschieht. Aber wenn sechs, sieben Jahre ohne Titel vergehen, merkst du, dass es doch nicht so einfach ist. Der Titel mit einer Mannschaft hat mir das schönste Gefühl beschert, das ich im Sport haben kann. Und das ich noch einmal haben möchte. Joe Gibbs und Rico Rossi haben mir erklärt, dass die Huskies hungrig sind auf Titel. Wir haben das Team dazu. Wir haben eine Mannschaft, die weit kommen kann.

Frankfurt hat aber auch ein gutes Team.

Mueller: Aber Kassel hatte das Gesamtpaket, nicht nur sportlich, sondern auch für meine Familie. Wir haben eine tolle Wohnung, kurze Wege zum Kindergarten. Joe und Rico machen sich nicht nur Gedanken um den Spieler, sondern auch um die Familie. Sie haben sich oft danach erkundigt, was Erica und Nathan brauchen.

Dabei dachten viele, Sie würden zurück zu den Löwen gehen.

Mueller: Fast jeder hat das gedacht. Viel ist darüber geschrieben, viel spekuliert worden. Als beim SC Riessersee der Anruf kam über die finanziellen Probleme des Klubs, bin ich sprichwörtlich fast aus dem Flugzeug gefallen. Es war eine aufreibende Zeit, überwältigend.

Da dürften auch Erinnerungen an Ihre erste Zeit in Kassel aufgekommen sein, oder?

Mueller: Es war eine ähnliche Situation, ja. Dieses Mal aber war es einfacher, einen neuen Job zu finden als vor acht Jahren. Wir fühlen uns hier sehr wohl. Es werden zwei tolle Jahre, in denen ich den Huskies helfen möchte, den Schritt zurück in Richtung DEL zu machen. Das ist das ultimative Ziel.

Der Aufstieg ist ab 2021 möglich. Dann sind Sie 39. Wie lange wollen Sie noch spielen?

Mueller: So lange es mein Körper mir erlaubt. Ich habe immer noch die Leidenschaft für den Sport. Ich liebe das Gefühl zu gewinnen, liebe es, mit den Jungs in der Kabine zu sein. Wir leben alle unseren Traum. Ich will aus diesem Traum noch nicht so bald aufwachen.

Und so lange Sie Ihren Gegnern weiterhin davon sprinten können – apropos, sind die Huskies-Verteidiger erleichtert, dass sie Ihnen nicht mehr hinterherlaufen müssen?

Mueller: Es gibt immer mal einen Spruch. Rico macht auch gern Scherze darüber. Insgesamt setze ich meine Schnelligkeit aber jetzt gezielter ein als früher. Wenn ich in einer Situation bin, in der ich weiß, dass ich sie ausspielen sollte, dann mache ich das. Jetzt geht’s aber mehr ums Timing mit meinen Mitspielern. Mein persönlicher Erfolg kommt heute eher darüber, mein Tempo mit meinen Mitspielern zu teilen.

Dennoch sind Sie der schnellste Spieler der Liga. Was ist das Geheimnis dahinter?

Mueller: Bis ich 13, 14 Jahre alt war, war ich auch ein schneller Leichtathlet. Aus dieser Zeit stammen die Grundlagen. Es war mein Lieblingssport. In British Columbia habe ich mehrere Landesrekorde bis zur achten Klasse innegehabt. Erst mit der Zeit hat Eishockey dominiert.

Ein Kritiker indes hat einmal über Sie geschrieben, Sie seien zwar schnell, würden aber den Puck nicht so gut behandeln.

Mueller:Vielleicht ist mein Umgang mit dem Schläger nicht so gut, wie er sein könnte. Aber ich habe gelernt, dass ich gute Hände nicht brauche, um Gegenspieler aussteigen zu lassen. Ich habe nun größeren persönlichen Erfolg, weil ich einfacher spiele. Spieler, die den Umgang mit dem Schläger perfekt beherrschen, versuchen, durch den Gegenspieler quasi durchzugehen. Ich versuche, ihn zu umspielen. Auch wenn das jetzt einfacher klingt, als es ist.

Sie haben zwei tolle Jahre hinter sich als Toptorjäger, als Topscorer. Was waren die schönsten Momente Ihrer Karriere?

Mueller: Drei Deutsche Meisterschaften mit Berlin waren toll, der DEL2-Titel mit Frankfurt aber war der denkwürdigste. Weil du als Älterer mehr zu schätzen weißt, dass eine Meisterschaft nicht alltäglich ist und wie viel Arbeit darin steckt.

Herausfordernde Momente dürften Ihnen am 21. September bevorstehen – beim ersten Derby in Frankfurt.

Mueller:Als ich mit Garmisch das erste Mal in Frankfurt gespielt habe, hatte ich einen sehr warmen Empfang mit Standing Ovations der Fans. Das wird wohl nicht noch einmal passieren. Aber ich bin jetzt ein Husky und ich werde alles für Kassel geben, damit wir das Spiel gewinnen. Vermutlich werde ich diesmal eher einige Pfiffe bekommen. Aber das gehört dazu.

Steckbrief: Richie Mueller

Position: Stürmer

Rückennummer: 61. In Jugendtagen trug er die 16, als die im Seniorenteam vergeben war, wurde daraus die 61. „Mit der 16 hatte ich Erfolg. Und weil ich abergläubisch bin, wollte ich sie nicht mehr hergeben.“ 

Stationen: Brandon, Saskatoon, Calgary (alle Kanada), Berlin, Duisburg, Hamburg, Ingolstadt, Crimmitschau, Straubing, Tingsryds (Schweden), Weißwasser, Frankfurt, Riessersee, Kassel. 2010 hatte er bei den Huskies unterschrieben, doch wegen der Insolvenz trat die Mannschaft nie in der DEL an und ging als Phantomteam der Huskies in die Geschichte ein.

Geburtsort: Richmond, Kanada, seit 13 Jahren hat er einen deutschen Pass.

Familie: Vater Maximilian wanderte von Augsburg nach Kanada aus, aus Müller wurde Mueller. Richie (Richard) hat drei Schwestern, die acht, sieben und zwei Jahre älter sind. Verheiratet ist er mit Erica, Sohn Nathan (5) spielt bei der Eishockey-Jugend Kassel und Fußball. „Auch er ist ein schneller Läufer“, sagt der stolze Papa.

Seine Nationalität: „Ich bin mehr deutsch als kanadisch“, erklärt Mueller. „Wir haben uns gut an die deutsche Kultur angepasst, ich mag das Essen hier, Schnitzel beispielsweise, und natürlich deutsches Bier. Das trinke ich sogar in Kanada. Wir schätzen auch das deutsche Schulsystem sehr.“

Leibspeise: Hamburger. „Ich hatte eine zeitlang den Spitznamen Mr. Fastfood, weil ich vor jedem Spieltag einen Hamburger gegessen habe.“ (mis/sam)

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Michaela Streuff

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare