Interview über die Lage im Eishocky

DEL2-Chef Rudorisch: „Schlaflose Nächte nehmen zu“

Mehrere Eishockeyspieler knien auf dem Eis. Michi Christ (Zweiter von links) und Lois Spitzer (rechts).
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Archivbild mit Symbolcharakter: Die Spieler der Kassel Huskies sind in Wartestellung.

Gerade erst hat sich der Chef der zweiten Deutschen Eishockey-Liga, Rene Rudorisch, mit einem Statement in den Sozialen Netzwerken positioniert: „Der Sport in Deutschland besteht nicht nur aus der Fußball-Bundesliga.“ Ein Gespräch über die Lage in der Liga.

Herr Rudorisch, wären Sie lieber Chef der zweiten Fußball-Bundesliga?

Wir haben schon die geilere Sportart. Aber was das Gehör angeht, da hat man schon das Gefühl, dass der Fußball viel mehr Chance zum Austausch mit Entscheidern bietet, da, wo wir ein wenig im Dunkeln tappen. Wir haben zwar das Task-Force-Konzept erstellt, wissen aber nicht, wo wir stehen und wohin Perspektiven laufen. Der Dialog mit dem Fußball als Hauptsportart in Deutschland wird intensiver geführt als mit anderen Sportarten wie Eishockey, Handball oder Volleyball.

Was würden Sie sich wünschen?

Dass man sich mit dem Sport ganzheitlich auseinandersetzt über die aktuelle Situation. Für mich fehlt der direkte Dialog mit Fachleuten und Gremien aus dem Sport sowie den aktuellen Entscheidern aufseiten der Politik, sodass auch die Wirtschaftlichkeit und Notwendigkeit des Sports mitberücksichtigt wird. Momentan sind wir Empfänger von Entscheidungen und müssen schauen, welche Wege es gibt, wer die Ansprechpartner sind.

Das heißt, es fehlen Ihnen Ansprechpartner aufseiten der Politik?

Das ist zumindest mein Gefühl. Ich weiß, dass es zu einigen Punkten einen Austausch auch gab, aber sehr unkonkret. Wir haben viele unterschiedliche Länderregelungen. Aber die Bedingungen, die der Profisport braucht, um überlebensfähig zu sein und richtige Entscheidungen zu treffen, sind, dass man national einheitliche Vorgaben hat, und dazu überregional spricht. Das ist aktuell nicht gegeben. Von Verbänden bis hin zu den Verantwortlichen der Profiligen gibt es aber genügend Personen aus dem Sport, die sich sofort an einen Tisch setzen würden, um über Szenarien und Notwendigkeiten zu diskutieren.

Hatten Sie schlaflose Nächte angesichts der momentanen Situation?

Ja, und die nehmen derzeit zu. In den letzten vier Wochen hat sich die Lage eklatant geändert: Wir haben Konzepte erstellt. Wir haben sie vorgelegt – regional und überregional – und bekommen regional bescheinigt, dass da viele gute und machbare Dinge drinstehen. Was wir nicht bekommen, ist eine überregionale Freigabe. Dazu kommen der Pandemieverlauf und die aktuellen Zahlen, Äußerungen von Politikern über die Rücknahme von Lockerungen – all das führt dazu, dass wir uns zunehmend mehr Sorgen machen, natürlich auch um den geplanten Saisonstart am 6. November.

Wenn der Saisonstart am 6. November ins Wasser fällt, droht dann die Komplettabsage der Saison?

Das ist das, was wir gern genauer einschätzen würden, aber nicht können, weil wir an den aktuellen Diskussionen nicht beteiligt sind und nicht wissen, was mehrheitlich der Trend ist. Natürlich haben wir als schlimmsten Fall auch zu berücksichtigen, dass wir vielleicht gar keine Saison spielen können. An dem Punkt sind wir aber noch nicht.

Warum?

Weil wir optimistisch sind. Und weil wir vermeiden müssen, dass der Sport komplett zum Stillstand kommt. Wenn eine Saison ausfällt, wissen wir nicht, was die Sportler in der Zeit machen. Wie können sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Wir sind ja auch keine Sportart, in der die Spieler zigtausende Euro auf die Seite gelegt haben und einfach mal so ein Jahr überstehen können. Es fehlen die Finanzierungsgrundlage und die sportliche Weiterentwicklung. Wenn ich ein Jahr auf der Couch liege und erst dann wieder anfange, führt das dazu, dass wir regionale und nationale Entwicklungen, die in den vergangenen Jahren nach oben gegangen sind, wieder einbüßen. Dann müssen wir sportlich zwei, vielleicht auch drei Stufen weiter unten wieder starten. Ganz zu schweigen vom Rückschritt auch im internationalen Vergleich.

Wie ernst ist die Lage in der DEL2?

Ernst insofern, weil wir nicht wissen, wie nachhaltig unsere Entscheidung für den 6. November wirklich ist. Die Klubs machen einen guten Job, vor allem im Kampf um den Erhalt der Standorte und die Liquidität. Letzteres ist derzeit das Hauptproblem. Wir können keine Einnahmen akquirieren, die man gleich ausgeben darf wie Dauerkarten- und Sponsoring-Erlöse. Die zielen darauf ab, dass eine Saison stattfindet. So lange der Termin nicht verbindlich von den Behörden bestätigt ist, ist es schwierig, dieses Geld aktiv zu verwenden. Trotzdem müssen die Klubs ihre Strukturen aufrechterhalten. Wir wissen, dass es ein Kampf auf Zeit ist. Und irgendwann wird jede Struktur und Liquidität zu Ende sein. Davon aber sind wir derzeit auch noch ein Stück weit entfernt.

Aber Insolvenzen schließen Sie nicht aus?

Nein. Die Gefahr besteht, dass Klubs unter dieser Ungewissheit nicht überleben. Ich kann nicht in die Glaskugel schauen und vorhersagen, was passiert, wenn wir bis Dezember nicht spielen können oder über das Jahr hinaus. Der 6. November als Plan ist so weit untermauert, dass die Klubs es bis dahin schaffen.

Was sind die größten Herausforderungen derzeit?

Für die Liga gibt es die eine, alles bestimmende: Wie schaffen wir es, einen geplanten Saisonstart mit Zuschauern auf die Beine zu stellen? Sobald feststehen kann, dass wir mit Zuschauern unter bestimmten Bedingungen starten dürfen, haben wir einen ganz anderen Planungshorizont. Die Klubs können Kartenerlöse generieren, mit Einnahmen aus Sponsoring und Catering kalkulieren. Damit reden wir über Umsatzerlöse von 85 Prozent des Gesamtetats. Mit dieser einen Antwort erschlägst du im Zweifel viele der aktuellen Unsicherheiten.

(Von Michaela Streuff)

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