Löwen feierten 6:2-Sieg gegen Eintracht Frankfurt

Silvester vor 50 Jahren: Der KSV war im Spielrausch

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Tor für den KSV: Horst Schaub erzielt den Treffer zum 6:2-Endstand. Die Frankfurter Fahrudin Jusufi (links) und Torwart Peter Kunter kommen zu spät.

Kassel. Nordhessens Fußballfans haderten mit der Losfee. Ausgerechnet der KSV Hessen musste ein Qualifikationsspiel bestreiten, um die erste Hauptrunde im DFB-Pokal zu erreichen. Die Chancen dafür gingen gegen Null.

Der Gegner hieß Eintracht Frankfurt. Wir erinnern uns an den Silvestertag 1966, an dem der KSV Hessen einen grandiosen 6:2-Erfolg feierte.

Ausgangsposition

12 000 Zuschauer sind ins Kasseler Auestadion gekommen, um den Tabellenfünften der Regionalliga Süd anzufeuern. Der - so glauben alle - wird gegen den Tabellenvierten der Bundesliga zwar verlieren, aber er soll sich gegen den renommierten Gegner aus Südhessen nicht blamieren. Die Eintracht muss zwar auf ihren verletzten Nationalspieler Jürgen Grabowski verzichten, aber an Stars fehlt es in der Mannschaft der Frankfurter dennoch nicht.

Der Verteidiger Fahrudin Jusufi ist ein erfahrener Nationalspieler Jugoslawiens. Wilhelm Huberts zählt zu Österreichs besten Fußballern, Jürgen Friedrich führt Regie im Mittelfeld, und Wolfgang Solz gehört - wie Grabowski - zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft.

Spielverlauf

Im Pokal gewinnt zwar manchmal der Außenseiter, aber die Eintracht ist hoch überlegen, lässt Ball und Gegner laufen und erzielt so ganz nebenbei zwei Tore. Huberts schießt die Frankfurter in der 29. Minute in Führung, und Solz köpft das 2:0 (44.).

Die dominierende Mannschaft nimmt es dann locker hin, dass Bernd Schmidt in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit der Anschlusstreffer zum 1:2 gelingt. 1:2 steht es auch noch, nachdem in der zweiten Halbzeit acht Minuten gespielt sind, aber dann brechen die tollsten 24 Minuten der Kasseler Fußball-Geschichte an. Torwart Karl Loweg ist nicht mehr zu bezwingen. Rainer Istel kommt auf der für ihn ungewohnten Mittelläuferposition immer besser zurecht. Rolf Fritzsche und Uwe Habedank führen Regie im Mittelfeld, und neben Schmidt entpuppen sich auch Hans Alt und Horst Schaub als Torjäger.

Zunächst vollendet Schmidt in der 54. Minute seinen Doppelpack, und es steht 2:2. Jetzt glauben auch die Pessimisten unter den 12 000 KSV-Fans an die Pokalsensation und sehen, dass sich ihre Mannschaft in einen Spielrausch steigert. Alt und Schaub eifern Schmidt nach und machen es ebenfalls nicht unter einem Doppelpack. Zunächst ist Alt an der Reihe (57. und 61. Minute), und es steht 4:2. Dann hat Schaub seine grandiosen Auftritte (67. und 78. Minute), und der Außenseiter feiert einen sensationellen 6:2-Sieg.

Stimmen

Rolf Fritzsche: „Wir waren hochmotiviert und hatten das Glück, kurz vor der Halbzeit, den Anschlusstreffer zum 1:2 zu erzielen. Anschließend haben wir uns in einen Spielrausch gesteigert. Uwe Habedank, Bernd Schmidt sowie Horst Schaub waren großartig, und ich selbst war auch nicht so schlecht.

Besonders gefeiert habe ich nicht, denn ich bin nach dem Spiel mit meiner Frau zu deren Eltern nach Pirmasens gefahren.“

Karl Loweg: „Wir hatten uns Chancen auf einen Sieg ausgerechnet, aber die Eintracht war zunächst klar überlegen und ging mit 2:0 in Führung. In der zweiten Halbzeit waren wir zwar sehr gut, aber nicht so klar überlegen, wie es das Ergebnis aussagt. Jedenfalls war ich nicht arbeitslos. Ich musste noch einige brenzlige Situationen bereinigen und habe so meinen Teil zu dem grandiosen Sieg beigetragen.“

Statistik

KSV: Loweg - Vollmer, Liebich - Hans Michel, Istel, Habedank - Schmidt, Alt, Bernd Michel, Fritzsche, Schaub

Eintracht: Kunter - Jusufi, Schämer - Lindner, Blusch, Friedrich - Lotz, Krafczyk, Bronnert, Huberts, Solz

Schiedsrichter: Fork (Unna) - Zuschauer: 12 000

Tore: 0:1 Huberts (29.), 0:2 Solz (44.), 1:2 Schmidt (45.), 2:2 Schmidt (54.), 3:2 Alt (57.), 4:2 Alt (61.), 5:2 Schaub (67.), 6:2 Schaub (78.)

 

ANGEMERKT 

"Zu viel für einen Tag" 

Was hatten wir auf diesen Tag hingefiebert, meine Kumpels und ich, allesamt eiserne KSV-Fans. Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt, Nordhessen gegen Südhessen. Gefühlsmäßig gaben wir unseren Löwen keine Chance gegen den Bundesligisten, aber hingehen, das wollten wir. Auch Silvester fieberte ich - diesmal allerdings doppelt. Mitfiebern mit dem Team war das eine, die über 39 Grad Temperatur mit der damit verbundenen Bettruhe das andere. Da lag ich nun im Bett in unserer Wohnung in der Leibnizstraße. Kriegte den Spielverlauf nur halbwegs mit durch die Akustik - denn den Torjubel aus dem Stadion hörte man bis nach Wehlheiden. Den ganzen Tag hatte ich schon die Zeit vertrieben mit Lesen von Karl Mays „Winnetou 3“ - aber bei dem vielen Torjubel konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Gewissheit über das Ergebnis gab es erst durch das Radio - 6:2 hatte der KSV gewonnen, ein Debakel für die Südhessen - und ich war nicht dabei gewesen. Ich setzte meine Lektüre fort. Und kam an die Stelle, in der Winnetou stirbt. Frankfurt geschlagen, Winnetou gestorben - das war entschieden zu viel für einen Tag. (hos)

Quelle: HNA

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