Handball-Bundesliga: MT Melsungen ist nach Erfolgsserie aus dem Gröbsten raus

Michael Roth: In 68 Tagen eine Menge bewegt

Im Jubel über den 35:30-Coup in Hannover vereint: Die Melsunger (von links) Felix Danner, Andrej Klimovets, Robert Lechte, Nenad Vuckovic und Mario Kelentric. Fotos: Zwing

Melsungen. Politikern werden gemeinhin 100 Tage zur Eingewöhnung in neue Ämter eingeräumt, ehe eine erste kritische Bewertung ihres Schaffens fällig ist. Eine Art Schonfrist, von der Handballtrainer nur träumen können.

Umso mehr, wenn sie wie Michael Roth die MT Melsungen mitten in der Bundesliga-Hinrunde übernehmen. Und dieser auch noch ganz dringend Punkte zum sportlichen Überleben braucht.

Der „Neue“ machte das Beste daraus, obwohl oder gerade weil der 48-Jährige mit einer Schlappe startete. Denn die 25:40-Niederlage bei den Rhein-Neckar Löwen offenbarte ihm schonungslos, an was es bei seiner neuen Mannschaft mangelte: an nahezu allem. „Das waren wichtige Erkenntnisse“, konnte der ehemalige Nationalspieler seinem verpatzten Einstand auf der MT-Banbk Debüt durchaus Positives abgewinnen.

Michael Roth reagierte schnell, brachte zunächst Struktur und Stabilität in die 6:0-Deckung, um damit auch das eigene Tempogegenstoßspiel - ein Stiefkind seiner Vorgänger - zu aktivieren. Danach wurde eine 5:1-Variante erarbeitet und mehr Wert auf das gebundene Spiel im Angriff gelegt.

Applaus vom Erfolgstrainer: Michael Roth

Zu diesen überwiegend spieltaktischen Maßnahmen gesellte sich eine psychologische Komponente - für seine neuen Schützlinge die Basis für die Wende.. Zu einer „reinen Kopfsache“ etwa erklärte Rückraumrecke Alexandros Vasilakis die kontinuierliche Leistungssteigerung der Mannschaft, die nach zwei knappen Heimniederlagen in eine Serie von sieben Spielen ohne Niederlage mündete. „Nun sind die Köpfe endgültig frei“, jubelte Savas Karipidis nach dem ersten Saisonsieg in Friesenheim - und gab damit eine griffige Erklärung für den folgenden Coup gegen Lemgo.

Der Tominec-Nachfolger hat es in der Tat geschafft, aus einer Ansammlung vermeintlicher Individualisten eine spielstarke Einheit zu formen und jedem einzelnen eine Prise Selbstvertrauen einzuflößen. Dabei zog auch die zweite Garde dieser Multi-Kulti-Truppe klasse mit, selbst wenn sie auf dem Spielfeld kaum zum Zuge kam, weil ihr Chef meist auf maximal neun Spieler setzte. Und wenn doch, war auf sie Verlass. Wie auf Milan Tobica, fünffacher Torschütze beim letzten 35:30-Sieg in Hannover.

Ein zarter Hinweis auch auf den Charakter der Mannschaft, der viel besser als sein Ruf ist. In der Krise haderte zwar jeder Spieler mit sich selbst, litt bisweilen wie ein Hund unter der anhaltenden Erfolglosigkeit, doch gegenseitige Schuldzuweisungen waren tabu. Auch Michael Roth war vom wohl nicht ganz erwarteten inneren Zusammenhalt der Mannschaft angetan: „Alle haben von Anfang an voll mitgezogen.“

Kann sein, dass in der WM-Pause der Kader trotzdem etwas verkleinert wird. Kann aber nicht sein, dass Selbstzufriedenheit einzieht, nachdem das Team aus dem Gröbsten raus ist. Dafür wird allein schon der neue Coach sorgen. Denn der hat mit der MT noch viel vor, spricht von Reserven, die es durch konzentrierte Trainingsarbeit herauszukitzeln gilt. Nach genau 68 Tagen im Melsunger Traineramt, in denen er schon eine Menge bewegt hat.

Von Ralf Ohm

Quelle: HNA

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