DHB-Pokal: Viertelfinale weckt Erinnerungen an Melsunger Siegeszug nach Hamburg in Saison 95/96

Wenn der Glaube Berge versetzt

Duell der Leistungsträger: Melsungens Alexander Fölker (rechts), der hier im Pokal-Endspiel von Essens Abwehrchef Mark Dragunski gestoppt wird. Fotos: Hahn

Melsungen. Der Sport schreibt Geschichten, die es eigentlich gar nicht gibt. Zumindest nicht im normalen Leben. Der Siegeszug der Melsunger Zweitliga-Handballer im DHB-Pokal der Saison 95/96 bis nach Hamburg war so eine. Drum ist’s allzu verständlich, dass vor dem Viertelfinale der aktuellen Bundesliga-Mannschaft der MT bei den Rhein-Neckar Löwen (Mi. 19 Uhr Rhein-Neckar-Halle Eppelheim) die Frage die Runde macht: „Weißt du noch?“

Klar wissen sie, die Fans, und erst recht die beteiligten Spieler. „Der Höhepunkt meiner Karriere“, beschreibt Ralf Horstmann die persönliche Bedeutung des Halbfinaleinzugs. Der damalige Spielmacher, der nach dem 24:23-Sieg gegen den OSC Rheinhausen die Raupe anführte. Zwölf erwachsene Männer kriechend auf dem Hallenboden der Melsunger Stadtsporthalle bejubelt von 1500 Zuschauern.

Eine kollektive Glückseligkeit, die ihren Grund hatte: Mit dem Westdeutschen hatten die Bartenwetzer gerade den dritten Erstligisten hintereinander aus dem Wettbewerb geworfen. In einem wahren Krimi und nach einer furiosen Aufholjagd. Beim 13:17 schienen die favorisierten Gäste noch auf der Siegerstraße, ehe die MT - allen voran der achtfache Torschütze René Croy - durchstartete und die Partie kippte (23:21). Doch auch die Rymanow-Schützlinge kamen noch mal zurück, ehe Laisvidas Jankevicius 15 Sekunden vor dem Schlusspfiff der umjubelte Siegtreffer gelang.

„Völlig verdient“, wie Torjäger Croy feststellte, „denn wir haben eine super Leistung gebracht.“ Die wiederum laut Linksaußen Andre Sperl kein Zufall war, nachdem spätestens im Anschluss an den zweiten Streich (34:33 gegen GWD Minden, u.a. mit dem späteren Melsunger Trainer Robert Hedin) „aus dem einstigen Traum ein tatsächliches Ziel geworden war“.

Ein Glaube, der Berge versetzte, der aber auch von Runde zu Runde wachsen musste. Als Trainer Karl-Heinz Richter vor der Saison das Erreichen der Endrunde als Ziel ausgab, hatte das zunächst keiner so richtig ernst genommen. Doch aus Spaß wurde Ernst, ohne dass die Lockerheit verloren ging. Dazu kam beim ersten Coup (28:23) gegen den damaligen Tabellendritten der 1. Liga, den TuS Nettelstedt, die Erkenntnis, „dass da was geht“ (Sperl).

Der Respekt vor dem vermeintlichen Favoriten holte die Melsunger dann vor der imposanten Hamburger Kulisse wieder ein. Beim 17:17 wankte TuSEM Essen kurz, um dann mit 22:17 ins Finale einzuziehen. Auch weil sich René Croy, einer von 1000 Melsunger Fans in der Alsterdorfer-Sporthalle, ausgerechnet vor der Endrunde im Training einen Mittelfußbruch zugezogen hatte. Für Alexander Fölker, der ihn trotz einer lädierten Schulter im linken Rückraum vertrat, kein Beinbruch: „Wir haben rausgeholt, was rauszuholen war. Ich kann den Spielern zu ihrer Leistung nur gratulieren.“

Für den Garanten des MT-Aufstiegs in die 2. Liga 1992 war‘s der letzte, verdiente Höhepunkt im Melsunger Trikot. Als Sportlicher Leiter winkt ihm nun eine Rückkehr in die Hansestadt, wenn denn seine Mannschaft morgen eine Sensation bei den Rhein-Neckar-Löwen schafft. Wie’s möglicherweise klappen könnte, haben die 96er-Pokalhelden vorgemacht.

Von Ralf Ohm

Quelle: HNA

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