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Das Knie macht Mut, die Füße Mühe – Skispringer Stephan Leyhe über seine Comeback-Saison

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Von: Dirk Schäfer

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Die fünf Ringe im Blick: Für Stephan Leyhe erfüllte sich in Peking zum zweiten Mal der Traum von einer Olympia-Medaille – sein „i-Tüpfelchen“ in einer Saison, in der der Upländer ein wenig ins Ungewisse sprang.
Die fünf Ringe im Blick: Für Stephan Leyhe erfüllte sich in Peking mit Bronze zum zweiten Mal der Traum von einer Olympia-Medaille. „Ohne Medaille wäre es eine unvollkommene Saison gewesen“, sagt der 30-Jährige im Rückblick. © imago images/ITAR-TASS

Endlich wieder eine richtige Saisonbilanz, mag Stephan Leyhe gedacht haben, als er Ende März in Planica zum letzten Mal über den Schanzentisch ging.

Die vorletzte Saison war unvollständig, die letzte fand nicht statt. Die gerade zu Ende gegangene ließ den Schwalefelder Skispringer alles erleben, was er sich erhofft hatte. Olympiamedaille inklusive. Leyhe blickt mit der WLZ zurück und voraus, verarbeitet Erkenntnisse und schmiedet (Urlaubs-)Pläne. Ein Gespräch über ...

das Gesundheitliche

Als Ende November die Weltcup-Saison begonnen hatte, lag für Stephan Leyhe Vieles hinter einem Schleier: Vor allem die Frage: Hält der Körper den Anforderungen der langen Saison stand nach 18 Monaten Wettkampfabstinenz. Oder fordert das wiederhergestellte Knie früher oder später seinen Tribut. Vier Monate später weiß der 30-Jährige: „Ich hatte überhaupt keine Probleme mehr nach meiner Verletzung.“

Aufgrund der langen Saison habe er nicht gewusst, ob er es leistungsmäßig schaffe, komplett durchzufahren. „Pause hatte ich aber nur an einem Wochenende in Vikersund – aber nicht gewollt“, blickt Leyhe mit Humor zurück auf die verpasste Wettkampfteilnahme beim ersten Skifliegen der Saison. „Im Sommer war es immer mal so, dass das Knie müde geworden ist, auch wenn es nicht weh tat. Das habe ich im Winter gar nicht verspürt. Darüber bin ich sehr froh, weil das zeigt mir, dass ich in die nächste Saison von vorne herein wie eh und je starten kann.“

SKispringer mit FFP2-Maske bei einem Interview am Mikrofon
Auch ein Teil der Saison 2021/22: Weltcups mit Maskenpflicht. Nur im Flug dürfen Stephan Leyhe und Co. sie abnehmen. Der Upländer, hier im Interview beim Heim-Springen in Willingen, blieb aber vom Virus verschont. © Joachim Schrick

das negativ bleiben

Apropos Gesundheit: Coronamäßig sind Leyhe, die Deutschen, der Skisprungzirkus überhaupt vom Schicksal weitgehend verschont geblieben, was Positivtests und Zwangspausen betrifft. „Einzelne Coronafälle zwischendurch lassen sich nicht vermeiden. Aber insgesamt konnten wir unseren Sport den gesamten Winter über gut repräsentieren“, sagt der Schwalefelder.

Dafür war noch mehr Disziplin nötig als im Winter zuvor. „Auch wenn das manchmal echt schwer ist“, sagt Leyhe und nennt den Heimweltcup Willingen als Beispiel: „Es kommt vielleicht unhöflich rüber, sich so extrem abzuschotten. Aber es war das Wochenende vor Olympia. Man will einfach nichts riskieren, nur weil man sich nett unterhalten hat mit jemandem.

Das sei in keinem Fall böse gemeint gewesen, versichert der Bronzemedaillen-Gewinner im Team bei Olympia 2022 in Peking. „Gerne hätten wir uns mehr gezeigt, aber man musste viel zurückstecken. Ich hoffe, dass das in Richtung Sommer wieder besser wird.“

das Erreichte

Wichtiger als alle Platzierungen war für Leyhe zweifellos die Erkenntnis, nach der langen Verletzungspause leistungsmäßig wieder an die besten Zehn der Weltspitze angedockt zu haben. „Ich habe ein Jahr verloren. Das wieder aufzuholen und Anschluss zu finden, war mein Ziel. Das habe ich geschafft. Im nächsten Jahr heißt es wieder arbeiten und etwas finden, mit dem man weiter vorne landet“, so Leyhes Fazit.

Sollte er Angst verspürt zu haben, ein Jahr hinterher zu springen, war sie schon mit dem ersten Weltcup im russischen Nizhny Tagil verflogen. 14. und Zehnter wurde Leyhe – die erste von insgesamt sechs Top-Ten-Platzierungen der Saison. Dem stehen vier verpasste Finaldurchgänge gegenüber. „Ich konnte es vorher schwer einschätzen, was drin ist. Zwischen Platz 12 und 20 im Gesamtweltcup war mein Ziel. Jetzt ist der 22. geworden, weil mich das Skifliegen einiges an Punkten gekostet hat“, sagt Leyhe, der sehr gut damit Leben kann.

Stephan Leyhe in Zahlen

6
war die beste Platzierung der Saison für Stephan Leyhe. Das gelang – wo auch sonst? – in Willingen.

44
Zentimeter; so gering war der Vorsprung des deutschen Quartetts bei der olympischen Teamentscheidung. Wäre auch nur einer Adler um Stephan Leyhe einen halben Meter kürzer gesprungen, wäre Bronze an Österreich gegangen.

20,48
Diese Platzierung hat Leyhe in dieser Saison im Durchschnitt erreicht – bei 25 Weltcupeinsätzen. Im Weltcup geht es freilich nach Punkten. Davon holte Leyhe im Schnitt 13,32 und wurde damit im Gesamt-Ranking 22. (2020 6., 2019 11., 2018 18.). Ließe man das Skifliegen heraus, bei dem sich der Upländer schwer tat, stünde Platz 17 zu Buche..

226
Meter steht weiterhin als persönlicher Rekord für Leyhe zu Buche. Auf diese Weite sprang er beim Skifliegen 2020 am Kulm. In dieser Saison trug es den 30-Jährigen „nur“ maximal bis auf 208 Meter.

5854
Meter ist der Upland-Adler in dieser Saison gesprungen – wenn man alle Wettkampfsprünge addiert. Das ist passenderweise ziemlich genau so weit wie von Leyhes in Schwalefeld bis zur Mühlenkopfschanze. Im so genannten Distance Award belegt Stephan Leyhe übrigens damit den 18. Platz.

44 200
Schweizer Franken hat Leyhe laut FIS in dieser Saison an Preisgeld eingenommen. 21 Athleten kassierten noch mehr.

das Saison-Highlight

Olympia war nach dem Sturz 2020 in weiter Ferne. Aber es klappte mit der zweiten Teilnahme für Leyhe, auch wenn die Springen in Zhangjiakou nicht durchweg ein Erfolgsweg waren. Nicht mehr im Aufgebot nach Problemen auf der kleinen Schanze, plötzlich wieder im Team auf der Großschanze – und Bronze mit der Mannschaft.

Wäre es auch ohne diese Medaille eine gute Saison gewesen? „Nüchtern betrachtet ja, weil der Gewinn der Medaille nur ein Tag war“, sagt Leyhe ohne lange nachzudenken. „Aber es wäre eine unvollkommene Saison gewesen. Die Medaille war das i-Tüpfelchen oder die Belohnung. Man will bei solchen Highlights einfach eine Medaille abstauben.“

das unhappy end

Leyhe und die Skiflugschanzen wurden auch nicht mehr Freunde am Ende der Saison. Sie hatten sich aber auch lange nicht gesehen. „Rein körperlich und geistig habe ich mit gut gefühlt. Bei der Raw-Air habe ich mich schwer getan, meinen Rhythmusfluss am Laufen zu halten. Und wenn man dann zum Skifliegen geht, wird es dabei noch schwerer: Es ist besser, in guter Form zum Fliegen zu gehen“, analysiert der Mann vom SC Willingen seine Auftritte in Oberstdorf, Planica und Vikersund, wo er bei der Flug-WM gar nicht qualifiziert war. Es sei eigentlich nicht schwer gewesen, nach Olympia noch einmal Fahrt aufzunehmen, meint Leyhe. “ Dennoch war Platz 16 in Lahti Ende Februar das letzte brauchbare Ergebnis.

das fehlende Puzzleteil

Die körperliche Kraft sei noch ein Defizit, hat Leyhe erkannt. „Da muss ich wieder auf 100 Prozent kommen.“ Ansonsten begleitete den Wahl-Schwarzwälder vor allem in der zweiten Saisonhälfte ein Deja-vu-Erlebnis: Fehler bei der Skiführung. „Das was mich in den Jahren zuvor stark gemacht hat, habe ich ein wenig aus den Augen verloren. Es fühlt sich gar nicht schlecht an, aber im Video sieht man dann, dass die Ski irgendwo sind und nicht da, wo sie am besten sein sollten“, beschreibt Leyhe das Gefühl, sich selbst nicht richtig wiederzuerkennen.

Kann sein, dass ich noch bis Cortina mache.

Stephan Leyhe über das noch nicht absehbare Karriereende

das vergessene Gefühl

Nicht verhehlen will Leyhe, dass das nach den Lockerungen der Corona-Vorschriften vielerorts wieder zugelassene Publikum die Laune am Ende der Kraft raubenden Saison mit hoch gehalten hat. Schon beim Fliegen in Oberstdorf war wieder etwas los. Das abschließende Planica-Wochenende sei dann „wie aus dem Bilderbuch“ gewesen, schwärmt der aus Willingen Topstimmung gewohnte Schwalefelder von den Rahmenbedingungen: „15 Grad, blauer Himmel, Sonnenschein und eben auch Fans im weiten Rund.“

das Karriereende

Die Teamkollegen Severin Freund und Richard Freitag konnten Leyhe und Co. nicht mehr zum Weitermachen überreden. Die beiden haben sich das sicher lange genug überlegt.“ Aber kamen nach deren Entscheidung Gedanken an der eigene Aufhören auf? „Ich bin ja schon 30 – klar sieht man das Ende langsam. Aber wann und wie und wo, das weiß ich noch nicht“, lässt Leyhe an seinen Gedanken teilhaben. Kann sein, dass ich noch bis Cortina mache“, meint er und meint damit Olympia 2026. „Kann aber auch sein, dass ich nur noch zwei oder drei Jahre mache. So richtig Gedanken habe ich mir darüber noch nicht gemacht.“

Jetzt freut sich Leyhe erst einmal auf etwas Entspannung, ehe es Anfang Mai mit dem Grundlagentraining weitergeht. Urlaub in der weiten Welt ist nicht geplant, lässt der Upländer Bub wissen. „Wir werden einige Zeit in der Heimat sein“, verrät er. Warum nicht? In der Familie gibt es viel zu besprechen – zumal dem Vernehmen nach ja auch bald geheiratet wird. (schä)

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