Interview mit dem FIS-Renndirektor, der letztmalig beim Weltcup im Upland ist

Walter Hofer: "In Willingen sind einfach Profis am Werk"

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Hat alle Weltcupspringen in Willingen geleitet und nimmt sich immer auch Zeit für die Fans: FIS-Renndirektor Walter Hofer, hier beim Weltcup 2016.

Skispringen gibt es auf der Mühlenkopfschanze schon viel länger. Aber seit 1994 ist die erste Liga in Willingen anzutreffen. Walter Hofer war seinerzeit schon als FIS-Renndirektor tätig. 2020 ist er letztmalig als Offizieller im Upland.

Willingen– Walter Hofer erinnert sich noch genau daran, wie es war, als erstmals ein Weltcup ins Upland vergeben wurde; in einen kleinen Ort mitten in Nordhessen. „Ich war mit an der Entscheidung für Willingen beteiligt. Willingen war schon immer ein Kuriosum“, sagt Hofer. 

„Nirgendwo gab es Schnee, aber die Willinger waren immer in der Lage, ein weißes Band in den Auslauf zu zaubern. Und das bei einer Veranstaltung wie dem Continental-Cup, der nur kostet. Aber schon damals hat der Ski-Club so professionell gearbeitet, dass es positiv auffiel“ sagt der Österreicher, der viel Lob für die Willinger übrig hat. 

Gleichwohl gab es Jahre, da musste Willingen um seinen Platz im Weltcup-Kalender kämpfen. Sind diese Zeiten vorbei? „Ich sage immer: Der Veranstalter entscheidet, ob er im Weltcup-Kalender bleibt. Und Willingen ist ein gutes Beispiel dafür. Dort sind einfach Profis am Werk“, meint Hofer.

"... und dann siehst du die 50.000 Fans: Imposant"

Wintersport irgendwo zwischen Edersee und Ruhrgebiet, das scheint viele Menschen in seinen Bann zu ziehen. Das hat auch Hofer im Laufe der Jahres bemerkt. „Willingen ist, genauso wie etwa Zakopane oder die Vierschanzentournee, ein Highlight im Weltcupzirkus. Das Erscheinungsbild, die Atmosphäre aufgrund der Lage der Schanze in diesem Tal macht sicher die Organisation schwerer. Aber das Event ist dadurch umso beeindruckender“, meint der FIS-Chef.

Und gab es einen Weltcup in Willingen, der ihm besonders in Erinnerung geblieben ist? „Ja natürlich. Der allererste“, blickt der 64-Jährige zurück auf 1994. „Wir kamen direkt aus Bischofshofen mit einem Charterflug nach Paderborn, von dort im Auto ins Upland in diesen kleinen Ort. Und dann siehst du am nächsten Tag das Stadion mit 50.000 Fans. Da war imposant und unvergesslich.

Viel Lob hat Walter Hofer für den Weltcup in Willingen übrig. Das Bild zeigt ihn 2016 bei der Siegerehrung mit den Deustchen (v.l.) Richard Freitag, Andreas Wellinger und Severin Freund.

Inzwischen ist Hofer 27 Jahre im Amt. Und doch gab es nie Routine. „Ich habe nie einen Wettbewerb zweimal gesehen“, sagt der Österreicher. Im Interview spricht er über das Leben als Schiedsrichter und Buhmann.

27 Jahre sind sie Renndirektor der FIS. Was hat sie an dieser Aufgabe gereizt? Wollten Sie nie etwas anderes machen?

Es war nicht vorauszusehen, dass ich das solange mache. Aber ich fühle mich wohl. Skispringen ist eine Sportart, die viele Facetten mitbringt, es gibt unheimliche viele Gestaltungsmöglichkeiten, immer wieder müssen Dinge neu justiert werden. Früher gab es ja diesen Posten gar nicht. 

Später sind immer mehr Assistenten hinzugekommen wie Miran Tepes, Sepp Gratzer und Horst Nilgen. Je größer die Aufgabe wurde, desto mehr rutschte ich in die Funktion eines Supervisors zurück. So trat nie das Gefühl von Routine auf.

Was hat sich seit 1992 am meisten verändert?

Zusammengefasst kann man sagen, dass wir in zwei Bereichen vieles verändert haben. Um Skispringen medial auf größere Füße zu stellen, mussten wir Regeln vereinheitlichen, die Kooperation mit TV-Sendern verstärken. Gegen Kameras im Aufwärmraum und solche Dinge gab es natürlich Einwände von Trainern und Sportlern. Aber wir haben uns angenähert und Skispringen als mediales Produkt weiterentwickelt.

Und dann gab es größere Umwälzungen nicht nur beim Sprungstil, sondern auch bei der Modernisierung vieler Schanzen, zum Beispiel bei deren Profil, mit Windnetzen und so weiter. Hinzu kamen die Regel mit Bonus- bzw. Maluspunkten bei veränderten Start-Gates oder Windbedingungen.

Und auch neue Regeln betreffend den BMI für die Athleten, nachdem der FIS vorgeworfen wurde, sie sei mit Schuld daran, dass viele Springer extrem abmagerten. Kann man sagen, die FIS musste stets auf das Verhalten der Athleten reagieren?

Die Athleten haben jahrelang alles getan, um am Ski zu arbeiten, später dann am Anzug, derzum High-Tech-Flugkörper geworden ist. Ich würde sagen, beide Seiten haben jeweils auf die andere reagiert, wir haben uns gegenseitig angepasst.

Waren Sie immer offen für Veränderungen oder haben Sie auch oft warnend den Zeigefinger erhoben?

Wir haben bei unserer Arbeit einige Grundsätze voran gestellt. Einer davon: Alles muss im Sinne der Disziplin geschehen, nicht im Sinne bestimmter Nationen, bestimmter Athleten oder anderer Zwänge. Im Komitee der FIS habe ich mit den nationalen Verbänden stets einen großen Konsens erreicht. Deswegen spreche ich bei unserer Arbeit von Mehrzahl, also von „wir“. Es müssen stets mehrere Menschen hinter den Entscheidungen stehen.

Typisch Hofer: Der FIS-Renndirektor (hier bei der WM 2019 in Seefeld) blickt hinauf – zum Himmel oder zum Schanzentisch – und hat das Funkgerät griffbereit. Foto: imago

Gab es Tage, an denen Sie sich wünschten, nicht FIS-Renndirektor zu sein?

Das kam eigentlich nie vor. Es gibt aber Zeiten, in denen man nicht gerade gut schläft.

Denn Sie sind der erste, der kritisiert wird, wenn Spitzenleute stürzen oder schlechte Bedingungen haben. Wie geht man mit so etwas 27 Jahre um?

Es ist einer der Lernprozesse, nicht nur mit Kritik umgehen zu können, sondern diese immer auch auf ihren wahren Kern zu überprüfen, auch wenn sie heftig ist oder einem ungerechtfertigt erscheint. Es war für mich immer wichtig, Kritik anzunehmen. Tut man das nicht, fällt sie einem auf den Kopf.

Wie sieht die „Übergabe“ an ihren Nachfolger Sandro Pertile aus?

Er begleitet mich seit Saisonbeginn, hat bei jedem Weltcup eine spezielle Aufgabe, etwa als Technischer Delegierter. Es ist gut, dass er aus der Nähe mitbekommen kann, wie schwer manchmal eine Situation ist.

Derzeit mehrt sich die Kritik an der Materialentwicklung. Experten sagen, dass diese für die hohe Zahl an Kreuzbandverletzungen verantwortlich ist.

Es ist diesbezüglich kein Muster erkennbar. Aber auch deshalb hat Sandro Pertile bei der Vierschanzentournee eine Sonderaufgabe; er soll die Materialsituation beleuchten, eine Bestandsaufnahme machen. Die Erkenntnisse sollen Grundlage für eventuelle Gegenmaßnahmen sein, die dann im kommenden Sommer erörtert würden.

Welches werden in der Ära nach Walter Hofer die größten Veränderungen sein, die auf das Skispringen zukommen?

Das ist natürlich auch abhängig von den Entscheidungen des FIS-Komitees. Es gibt immer mehrere Wege nach Rom. Ich werde meinem Nachfolger bei nichts hineinreden. Aber er hat jederzeit die Chance, mich anzurufen.

Was machen Sie ab April ?

Aufpassen, dass ich nicht doch noch mal arbeiten muss! Nein, Spaß beiseite: Also, wenn ich nicht darauf angesprochen werde, mache ich mir gar nicht bewusst, dass es das letzte Jahr ist. Soweit denke ich noch gar nicht. Aber ich werde mich nicht langweilen. (schä)

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