"Wenn ich zurückblicke, habe ich ein Schmunzeln im Gesicht"

Skisprung-Legende Sven Hannawald im Interview: Willingen ist der Wahnsinn

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Sven Hannawald

Willingen. Früher sind die Skisprung-Fans vornehmlich wegen ihm nach Willingen gekommen. Heute kommentiert Sven Hannawald für Eurosport den Wettbewerb. Im Interview spricht er über das Besondere von Willingen und Skispringen mit über 40.

Herr Hannawald, Sie kehren erstmals nach Ihrer aktiven Laufbahn zum Weltcup nach Willingen zurück. Wie sind Ihre ersten Eindrücke? 

Hannawald: Noch relativ frisch, ich sammel sie gerade erst. Aber ich weiß ja, was auf mich zukommt, und ich freue mich auf die Springen. Die Leute hier brennen alle für den Weltcup. Sie tun alles, damit das eine gelungene Veranstaltung wird. Das ist schön, mitzuerleben.

Was ist das Besondere an Willingen? 

Hannawald: Neben den Springen in Polen und bei der Vierschanzentournee ist Willingen der Wahnsinn. Während an anderen Orten es immer wieder Probleme gibt, viele Zuschauer an die Schanze zu bekommen, ist hier immer etwas los. Das hat auch damit zu tun, dass sie hier die Veranstaltung unterhaltsam aufziehen – mit viel Musik und Entertainment. Das kommt an und funktioniert auch, wenn die Deutschen mal nicht so gut sind.

Früher gab es einen regelrechten Hype in Willingen, als Sie gesprungen sind. Manch Teenager stand schon mit Pampers um 6 Uhr an der Schanze, um den besten Platz zu bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen? 

Hannawald: Ich habe das nie als nervend empfunden, sondern ich habe es genossen. Als Einzelsportler arbeitet man schließlich extrem akribisch. Es ist ein verdammt harter Weg, nach oben zu kommen. Da lässt man vieles freiwillig hinter sich – wie zum Beispiel Freunde, die ein normales Leben führen und auch mal feiern gehen. Man selbst ist nur von der Vision geprägt, vorwärtszukommen. Wenn das funktioniert und man dann die Zuschauer sieht, wie sie einem zujubeln und wie sie sich Gedanken um einen machen, dann ist das gut für die Seele.

Geben Ihnen die Erinnerungen auch heute noch Kraft? 

Hannawald: Wenn ich zurückblicke, habe ich automatisch ein Schmunzeln im Gesicht. Da brauche ich gar nichts zu sagen, da spricht meine Mimik für sich. Es gibt mir auch heute noch viel, sollten die Leute in Erinnerung schwelgen und Freude daran haben, wenn sie mich sehen. Das macht mich stolz.

Bekommen Sie heute noch Fanpost? 

Hannawald: Vereinzelt. Das wird jetzt wieder etwas mehr, seitdem ich für Eurosport kommentiere. Da wird der eine oder andere wieder wach.

Wenn Sie an Willingen denken: Haben Sie dann eine spezielle Szene, einen speziellen Moment vor Augen? 

Hannawald: Zwei Szenen. Einmal sind Martin Schmitt und ich aus Japan zurückgekommen und vom Flughafen gleich nach Willingen weitergefahren. Da waren wir schon am Mittwoch vor Ort und haben uns sie Schanze angeschaut. Aber: Da war kein Schnee, da war nur Schlamm. Wir haben uns angeguckt und uns gefragt: ,Wie sollen wir hier übermorgen trainieren?’ Aber die Willinger haben es hinbekommen, was auch noch für sie spricht: Es ist toll, was hier von Freiwilligen geleistet wird. Auch das zeichnet den Weltcup aus.

Und der zweite Moment? 

Hannawald: Der bezieht sich auf meinen Sieg 2003. Das ist der Moment, in dem ich oben sitze, auf den Auslauf blicke, die Menschenmasse sehe und weiß, dass ich gewinnen werde. Das war einfach ein tolles Gefühl.

Wer ist in diesem Jahr Ihr Favorit? 

Hannawald: Kamil Stoch. Er hat wieder Fuß gefasst unter seinem Trainer Stefan Horngacher. Insgesamt leisten die Polen perfekte Arbeit: Kamil und seine Teamkollegen sind aufnahmefähig, und Kamil weiß, wie Siegen geht. Er funktioniert wieder wie eine Maschine.

Also erwarten Sie die Polen auch im Teamwettbewerb vorn? 

Hannawald: Nicht automatisch. Beim Teamwettbewerb muss einfach alles stimmen, keiner darf einen Aussetzer haben. Aber Polen und Deutschland sind sicher die Favoriten.

Und welcher Deutsche könnte beim Einzelspringen vorn dabei sein? 

Hannawald: Da bin ich froh, dass ich gleich drei nennen kann: Andreas Wellinger, Richard Freitag und Markus Eisenbichler. Sie haben in Zakopane gezeigt, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist.

Was ist mit dem Willinger Lokalmatador Stephan Leyhe?

Hannawald: Stephans Weg ist Wahnsinn. Er ist ein Beispiel für junge Springer, wie schnell es gehen kann. Er bringt vom Fliegerischen her sehr viel Positives mit. Mit ein bisschen mehr Selbstvertrauen kann er mal Großes schaffen. Aber er sollte es nicht erzwingen, sondern Geduld aufbringen.

Sie machen jetzt als Fernsehkommentator die Weltcuptour mit. Was läuft nun anders als früher? 

Hannawald: Ich bin viel entspannter, habe mehr Freizeit. Die Tätigkeit macht mir aber auch extrem viel Spaß. Ich genieße sie, zumal ich mich mit meinem Kommentatorenkollegen Matthias Bielek blind verstehe. Außerdem wächst bei Eurosport gerade etwas, und wir sind froh, dabei zu sein.

Wer ist eigentlich neidisch auf wen: Noriaki Kasai, der mit 44 immer noch springt, auf Sie, oder Sie auf ihn? 

Hannawald: Es freut mich, dass er noch springt, und ich fieber auch mit ihm – mit einem weinenden Auge. Wenn man so etwas Schönes wie Skispringen macht, sollte man das so lange wie möglich auskosten. Aber ich hätte mir nur selber weh getan, wenn ich noch länger gesprungen wäre. Deshalb war das Thema nach meinem Rücktritt durch. Wenn ich Noriaki sehe, schmunzeln wir aber beide.

Mal dumm gefragt: Springen Sie eigentlich gelegentlich noch aus reiner Freude? 

Hannawald: Das geht leider nicht einfach so, selbst wenn ich wollte. Martin und ich hatten so eine Situation bei der Vierschanzentournee. Das Wetter war klasse, die Schanze perfekt, viele Zuschauer. Da kam die Lust wieder. Aber dann siegte die Vernunft. Wenn wir tatsächlich vorhätten, dann bräuchten wir auch eine Vorlaufzeit von Wochen, und dann könnten wir auch nur von kleinen Schanzen springen. Man hat zwar nach wie vor das Gefühl fürs Springen, aber man muss das Vertrauen erst wieder aufbauen.

Bonus: Unsere Originalberichterstattung

Eine PDF-Datei mit unserer Berichterstattung über Hannawald von 2002 können Sie hier herunterladen (Rechtsklick -> Speicher unter).

Einen Bericht von 2003 finden Sie hier.

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