Interview mit OK-Chef Jürgen Hensel

Skisprung-Weltcup in Willingen: „Vielleicht sind 2500 Zuschauer machbar“

Zuschauer dicht an dicht am Mühlenkopf. Stephan Leyhe, der Springer, der hier springt.
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Undenkbar in den Tagen der Pandemie: Zuschauer dicht an dicht am Mühlenkopf. Stephan Leyhe, der Springer, der hier springt, fehlt 2021 sowieso.

Mal zu wenig Schnee, mal auch zu viel, zu viel Wind oder gar Sturm wie beim letzten Mal: Das Wetter und der Skisprung-Weltcup in Willingen hatten oft eine spannungsreiche Beziehung. So weit normal.

Willingen – Vor einer Herausforderung wie sie Corona geschaffen hat standen der Ski-Club und Jürgen Hensel noch nie. Der Präsident und OK-Chef spricht im Interview über die schwierigen Planungen für den kommenden Weltcup vom 29. bis 31. Januar 2021 und die Frage: mit oder ohne Zuschauer.

Herr Hensel, Corona sorgt für Unwägbarkeiten wie nie: Haben Sie trotzdem Lust auf den Weltcup?
Es ist immer wieder schön, wenn es losgeht. Ich spüre Vorfreude, auch wenn Corona eine Herausforderung ist, wie wir sie noch nie hatten. Aber wir werden sie in den Griff kriegen.
Der Weltcup steht nicht auf der Kippe?
Nein. Wir sind eine Freiluft-Sportart und der Weltcup dient der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking 2022.
Was macht Ihnen mehr zu schaffen: die wechselnden Szenarien durch die Pandemie oder die vielstimmigen Vorgaben der Akteure von Bund, Land und Landkreis bis Skiweltverband FIS und DSV?
Das Virus an sich, oder anders: der Verlauf der Infektionszahlen. Wir wissen schlicht nicht, wie wir abschließend planen können. Vielleicht haben wir am 30. November Klarheit zumindest zum Ablauf. Dann findet die finale Besprechung mit Landkreis Waldeck-Frankenberg und Gesundheitsamt statt, mit denen wir seit dem Frühsommer Kontakt halten. Wir hoffen, dass wir dann Mitte Dezember sagen können, ob Zuschauer zugelassen werden oder nicht.
Haben Sie als Veranstalter da eigene Spielräume?
Ja, schon. Ein Beispiel sind unsere personalisierten Tickets, um die Rückverfolgung von Kontakten zu ermöglichen. Alle Besucher müssen sich am Eingang durch ihren Personalausweis oder Reisepass ausweisen können, sonst werden sie abgewiesen. Während der Veranstaltung werden ihre Tickets immer dann gescannt, wenn sie ihren Zuschauerblock betreten oder verlassen. Sollte also später jemand aus diesem Block positiv getestet werden, sind wir in der Lage, die Kontaktdaten von den Personen, die ebenfalls in dem Block waren an das Gesundheitsamt zu melden.
Das ist Teil des Ski-Club-Konzepts, um mit Zuschauer zu springen?
Genau. Außerdem wollen wir die Besuchergruppen stärker kanalisieren. Das heißt, wer aus Willingen kommt und seinen Platz beispielsweise in Block E/F hat, betritt das Stadion nicht über den Weg vom Café Paradies her, sondern von der Stryckmühle. Damit vermeiden wir Kontakte. Schließlich verkaufen wir ausschließlich Dauerkarten: Die Leute wissen spätestens am zweiten Tag, wie sie sich verhalten müssen und – ein weiterer Vorteil – sie kommen zu 90 Prozent aus Willingen und Umgebung, können die Schanze also zu Fuß erreichen. So haben wir weniger Probleme durch mögliche Ansteckungsgefahren beim Transport mit Bus oder Bahn.
Müssten für einen Weltcup mit Fans nicht zwingend Hotels und Gastronomie geöffnet sein?
Wenn sie geschlossen bleiben müssen, hat sich das mit auswärtigen Zuschauern erledigt. Wir haben dann Besucher, die im Großraum Willingen wohnen.
Mit wie vielen Zuschauern können Sie rechnen?
Schwer zu sagen, die Zahl muss handelbar sein – vielleicht 2500. Auf der Haupttribüne, die seit dem letzten Mal aus verschiedenen Gründen stehen geblieben ist, haben wir 1500 Sitzplätze, in den Blöcken weiter oben könnten jeweils noch 500 Zuschauer stehen.
Sind Sie bereit, die Verantwortung zu tragen? Wer möchte schon als Corona-Hotspot in die Schlagzeilen geraten.
Die Entscheidung fällt ja zusammen mit Gesundheitsamt und Landkreis Waldeck-Frankenberg. Wir als Verein werden uns mit Sicherheit nicht aus dem Fenster lehnen, dann springen wir lieber ohne Zuschauer.
Nehmen wir an, die Hotels und Pensionen bleiben geschlossen: Springer und Offizielle kommen trotzdem unter?
Ja. Sie werden auf verschiedene Unterkünfte verteilt. Da gibt es umfangreiche Vorgaben der FIS. Sie schreibt entweder Einzelzimmer vor oder, wenn Doppelzimmer, nur mit getrennten Betten, solche Dinge.
Was noch?
Eigentlich sollen laut FIS alle Springer im Vorfeld auch getestet werden. Beim Weltcup-Auftakt in Wisla gab es diese Tests nicht – wie es gehandelt wird, ist immer auch eine Vorgabe des lokalen Gesundheitsamts.
Ist es ein Vorteil, dass Willingen in diesem Corona-Winter die zwölfte Weltcup-Station ist, weil der Ski-Club auf die Erfahrungen anderer Veranstalter zurückgreifen kann?
Der Austausch findet zwar immer statt, auch international, aber ich sehe definitiv einen Vorteil darin, dass wir abwarten können, wie die ersten Weltcups laufen.
Wie läuft der Austausch in Corona-Zeiten?
Es läuft sehr viel über Videokonferenzen, auch die Gespräche mit der FIS oder dem Deutschen Ski-Verband. Was fehlt, ist der persönliche Kontakt. Wenn es machbar ist werde ich zu einem Weltcup der Kollegen fahren, um mir anzuschauen wie das Hygienekonzept dort umgesetzt wird.

50. Weltcup-Springen

Wenn nicht die Pandemie doch noch eine Absage erzwingt, dann kommt das Willinger Weltcup-Wochenende 2021 mit einem kleinen Jubiläum daher: Das Einzel am Samstag (30. Januar) ist das 50. Weltcup-Springen am Mühlenkopf. Die offizielle, 24 Seiten umfassende Einladung von Deutschem Skiverband und Ski-Club Willingen ist in diesen Tagen an die nationalen Verbände verschickt worden. In Deutsch und Englisch. Sie enthält Grußworte, die Vorstellung des neuen Modus „Willingen/6“ und zahlreiche Details zur Organisation. Abschließende Hinweise zu den Corona-Maßnahmen werden gesondert verbreitet.

Mit einem blauen Auge davonkommen

Unterstellen wir mal, es dürfen Ende Januar keine Zuschauer am Mühlenkopf sein: Das würde ein Loch in die Kasse des Ski-Clubs reißen: Können Sie die Einnahmeverluste beziffern?
Hinterher ja (lacht). Im Ernst: Wir haben beim Bund und dem Land Hessen jeweils Anträge auf Zuschüsse zur Veranstaltung gestellt, wissen aber nicht, wieviel Geld wir bekommen. 
Warum dann überhaupt einen Skisprung-Weltcup veranstalten?
Wir sitzen in einem Boot mit dem Deutschen Ski-Verband. Wenn der DSV keine Veranstaltungen hat, fehlen ihm die Fernsehgelder und damit die Einnahmen – er könnte dann wahrscheinlich Insolvenz anmelden. Die Sicht ist so: Wir ziehen das Springen durch und werden im Anschluss vom DSV noch einen kleinen Zuschuss bekommen. So kommen alle mit einem blauen Auge davon, und die Hoffnung ist, die Defizite in den Folgejahren ausgleichen zu können. Wäre der DSV insolvent, hätten auch wir keinen Weltcup mehr und ständen in zwei oder drei Jahren ebenfalls mit dem Rücken zur Wand. Nicht zu vergessen: Die Werbung für unsere Gemeinde ist unbezahlbar, wenn Tom Bartels in der ARD zwei Stunden aus Willingen live auf Sendung ist.
Welche Zusatzkosten entstehen durch Corona?
Wir können sie jetzt noch nicht beziffern. Aber klar ist: Wir müssen Masken besorgen, an vielen Stellen Spender mit Desinfektionsmittel aufstellen, benötigen Personal, um regelmäßig die Standseilbahn zu reinigen. Solche Sachen.
Angeblich soll am Mühlenkopf ein Labor für Corona-Schnelltests beim Weltcup aufgebaut werden. 
Ich habe das noch nicht gehört. Was man sagen kann: Die FIS gibt vor, dass die Springer nur mit einem negativen Testergebnis anreisen dürfen, das höchstens 48 Stunden alt ist. Die Springer werden in der Regel drei Mal wöchentlich getestet. Wir mussten einen Covid-19-Beauftragten bestellen, der etwa bei einem positiven Test das ganze Prozedere abwickelt und das Hygienekonzept vor Ort überwacht.
Sollen die Springer während des Wettkampfs auf Abstand bleiben?
Es gibt jedenfalls eine strikte Trennung. Im Springerlager zum Beispiel halten sich nur die Sportler auf, vielleicht noch ein paar ebenfalls getestete Serviceleute und von uns einige Helfer, die ausschließlich diesen Bereich betreuen. Sie werden während der drei Tage nichts anderes machen und bekommen die Vorgabe, sich abends nicht mit anderen Helfern zu treffen. Außerdem ist die Seilbahn den Springern vorbehalten. Tretkommando und Presse bekommen eigene Busse zum Transport nach oben. Und das Tretkommando wird vom Basisgebäude in das Kellergeschoss im Kampfrichterturm umziehen, damit es keinen Kontakt mit den Springern gibt.
Direkten Kontakt zwischen Springern und Fans wird es nicht geben?
Nein. Es wird auch weder Festzelt noch Vip-Bereich geben. Es wird eine reine Sportveranstaltung werden.
Auch in Corona-Zeiten ist Weltcup ohne freiwillige Helfer nicht möglich. Musste der Ski-Club auch für Arbeitseinsätze ein Hygienekonzept aufstellen?
Natürlich. Wir mussten es dem Landkreis vorlegen, ohne das gäbe es keine Genehmigung für die Veranstaltung. Das sind die bekannten Dinge, zum Beispiel in Räumen Masken zu tragen. Auch für den Fahrdienst gibt es klare Vorgaben der FIS, ähnlich wie für Taxifahrten auch.
Kopf des Skisprung-Weltcups in Willingen: OK-Chef Jürgen Hensel.
Besteht die Sorge, dass einzelne Free Willis aus Furcht vor einer Ansteckung nicht mitmachen?
Bestimmt, das muss man abwarten. Fest steht, dass wir diesmal Helfer, die zwei Tage geholfen haben, nicht am dritten Tag zum Zugucken reinlassen können wie in den letzten Jahren. Auf der anderen Seite brauchen wir eine gewisse Zahl Helfer, weil wir etwa zusätzliche Kontrollen und Scans leisten müssten.
Ist es eine gute Idee, in diesen Zeiten eine Woche nach dem Weltcup auch noch vier Continentalcup-Springen am Mühlenkopf zu organisieren?
Der Aufwand ist überschaubar. Vom Weltcup steht noch alles, gefragt sind Tretkommando und Schanzenteam. Wenn wir Zuschauer rein lassen dürfen, machen wir mit ein bisschen Glück finanziell sogar ein kleines Plus, weil die Kosten niedriger sind.
Warum überhaupt COC?
Jeder deutsche Veranstalter ist abwechselnd mal dran. Außerdem: Wenn wir den Sport ganz einstellen, damit ist ja auch niemandem gedient. Schließlich haben wir es als Sportart im Freien noch gut, die Hallensportarten stehen vor viel schwierigeren Zeiten.
Was wäre für den Ski-Club ein ideales Weltcup-Szenario?
Da wir nicht damit rechnen können, dass bis Ende Januar schon großflächig geimpft werden kann, wären dauerhaft deutlich niedrigere Infektionszahlen gut. Ob dann mit oder ohne Zuschauer gesprungen wird, ist nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass Willingen nicht zum Hotspot wird und der Weltcup stattfindet. (mn/rsm)

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