Die Pläne des Schwalefelder: Erst Daumen drücken, dann Knie testen

Stephan Leyhe: Zaungast in Willingen, aber schon bald zurück auf der Schanze

Bildcombo von Stephan Leyhes „Seuchenjahr“ (von links oben im Uhrzeigersinn): Weiter Satz und Sieg in Willingen; Reha und Aufbautraining, auch im Wohnzimmer in Hinterzarten; Wettkampf-Atmosphäre schnuppern beim Weltcup in Titisee-Neustadt;   Langlaufen bei bestem Schwarzwald-Wetter; Radfahren in der Willinger Hochheide
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Stationen von Stephan Leyhes „Seuchenjahr“ (von links oben im Uhrzeigersinn): Weiter Satz und Sieg in Willingen; Reha und Aufbautraining, auch im Wohnzimmer in Hinterzarten; Wettkampf-Atmosphäre schnuppern beim Weltcup in Titisee-Neustadt; Langlaufen bei bestem Schwarzwald-Wetter; Radfahren in der Willinger Hochheide.

Wo ist Leyhe? Seit Mittwoch ist er in seiner Upländer Heimat. Und nach dem Weltcup geht‘s schnell zurück in den Schwarzwald. Denn die Tage bis zum ersten Schanzensprung seit seinem sturz sind gezählt.

Als Jochen Behle 1980 bei Olympia von der Bildfläche verschwunden war und TV-Reporter-Legende Bruno Morawetz diese unvergessene Frage stellte, da wusste man längst noch nicht, dass 38 Jahre später ein anderer Junge aus Schwalefeld Olympia-Silber im Skispringen holen würde (im Team). Stephan Leyhe ist derzeit ebenfalls von der Bildfläche verschwunden.

Wo ist Leyhe?

Diese Frage lässt sich aber beantworten. Er ist da, in Willingen an seiner Heimschanze, auf der er 2020 seinen Traum vom Weltcupsieg erfüllte – und wo diesmal definitiv ein anderer gewinnt.

Hat er überlegt, sich das Heimspringen nicht anzutun oder ist der Wehmut, dauernd verletzt zuschauen zu müssen, verflogen? „Ich hatte mir schon vorgenommen, einzelne Wettkämpfe zu besuchen, wie kürzlich in Titisee und eben jetzt Willingen. Aber es muss auch passen und Sinn ergeben“, so Leyhe.

Er springt nicht, aber er ist an der Schanze: Stephan Leyhe besuchte am Mittwoch bei einem Sponsorentermin die Stätte seines Heimsieges 2020.

Tut es diesmal. Denn einerseits steht der feste Rehaplan nicht im Weg. Andererseits lässt sich der Trip ins Upland mit Sponsorenterminen verbinden. „Mir geht’s nur darum, hin und wieder beim Team zu sein. Ohne Corona wäre ich häufiger da, unter diesen Umständen ist der Aufwand aber zu groß. Ein paar Mal hallo sagen will ich aber, um zu zeigen: Hey, noch bin ich da“, erklärt der 29-Jährige.

Ein Besuch im Hotel ist nicht geplant, zumal wenig sinnvoll: Wenn du in die „Blase“ der Aktiven willst, ist mehr als nur ein negativer Covid-19-Test notwendig. Außerdem: „Die Jungs haben Einzelzimmer und dürfen sich selbst gar nicht treffen. Da kann ich genausogut alle der Reihe nach anrufen und im Videomeeting treffen“, erklärt Leyhe – und macht sich Gedanken, wie die Teamkollegen wohl die Langeweile vertreiben. „Vielleicht kann man Schafkopf als Onlinevariante spielen. Da haben die bestimmt eine Lösung gefunden – ein zwei Meter langer Stab zum Karten halten, oder so.“

Wo war Leyhe?

Er hat geduldig an seinem Comeback gearbeitet. Und bis jetzt macht das Knie keinerlei Probleme – auch weil der lädierte Upland-Adler nicht zu ehrgeizig war. Start schon im Weltcup 2020/21? Bereits im Oktober war die Erkenntnis da, dass das nichts bringen wird. Stattdessen immer wieder Rehaprogramm, ein paar erste Sprünge auf dem Trampolin, Langlauf für das Schneegefühl – und seine Fans durften in den sozialen Medien die meistens „Steps“ mitverfolgen.

Wohin will Leyhe?

Zurück auf die Schanze. Das ist der nächste Schritt, den er dann sicher auch bei Instagram posten wird. Auch Stefan Horngacher sieht gute Chancen, dass sein aufstrebender Schützling der vorigen Saison bald zurück ist. Der Bundestrainer – Wahl-Schwarzwälder wie Leyhe – ist, „wenn ich zu Hause bin“, ständig im Kontakt mit dem Upländer, wie er gegenüber der WLZ sagte: „Wir haben einen guten Aufbauplan für ihn ausgearbeitet, er wird von uns ganz normal beim Krafttraining oder im Testbereich mitbetreut. Stephan ist schon wieder auf einem hohen Niveau. Mitte Februar wird es einen Back-to-Sport-Test beim Teamarzt Mark Dorfmüller geben. Danach wird auch abgeklärt, ob er vielleicht noch im Winter auf die Schanze zurückkehrt und den einen oder anderen Sprung macht“, so Horngacher.

Leyhe erklärt, warum es nicht egal ist, ob du im Februar/März oder später die ersten Sprünge machst: „Wenn man wieder in den Schuhen steht mit Anzug, Bindung und Keilen, sind das komplett neue Reize für das Knie. Damit kannst du zu Anfang nicht so viele Sprünge machen, weil sich das Knie erst wieder daran gewöhnen muss. Wenn du diese Phase schon im Winter hinter dir hast, kannst du dann im späten Frühjahr ganz normal und befreit springen, um in der Saisonvorbereitung das Leistungsniveau wieder hoch zu heben.“

„Nebenjob“: Nicht nur Reha stand für Stephan Leyhe an. Er betätigte sich auch als Co-Kommentator an der Seite von Gerhard Leinauer bei Eurosport.

Die Kunst: einfach springen ohne dauernd an das Knie zu denken. Bei intuitiven Bewegungen, wie er sie beispielsweise beim Langlauf mache, habe er keine Probleme mit dem Knie gespürt. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt der Rekonvaleszent, der ganz bewusst auch mal mit dem linken Bein zuerst eine Treppe erklimmt.

Es dauert eine ganze Weile, bis der Athlet seinem Knie wieder 100 Prozent vertrauen kann, weiß Leyhe – auch aus den Erfahrungen seiner Teamkollegen. Freund, Wellinger, Siegel: Sie alle sind auch im zweiten bzw. dritten Jahr nach ihren Verletzungen noch gar nicht oder nur bedingt konkurrenzfähig.

Man könne sich ein bisschen am Heilungsverlauf der Leidensgenossen orientieren, sagt Leyhe. Aber: „Jedes Knie ist anders.“ Seine Wettkampferfahrungen der letzten sechs Jahre hätten ihm wesentlich mehr geholfen, sagt er: „Ich habe mich Stück für Stück dahin gekämpft, wo ich letzten Winter war. Und das hilft mir, mich auch jetzt wieder zurückzukämpfen. Ich weiß, dass es ein sehr langer Weg ist. Aber ich weiß, dass es nicht unmöglich ist. (schä)

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