Rückblick der Paralympioniken

Fünf Kandidaten für den „Behindertensportler des Jahres 2013“

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Paralympische Momente: Sitzvolleyballer Torben Schiewe (Mitte) im packenden Spiel um die Bronzemedaille.

Hannover - Fünf Paralympioniken sind die Kandidaten für den „Behindertensportler des Jahres 2013“. 
In einer dreiteiligen Serie stellt HAZ-Redakteur Manuel Becker die Asse vor, die im 1. Teil
 noch einmal auf die Sommerspiele zurückblicken.

Matthias Alpers, Torben Schwiewe, Bernd Jeffré, Frank Heitmeyer und Vico Merklein waren bei den Paralympics in London dabei. Jetzt blicken sie auf dieses einmalige Erlebnis zurück:

Matthias Alpers - Gänsehaut im Tunnel

Wenn ich daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut“, sagt Matthias Alpers. Die paralympischen Spiele waren gerade zu Ende gegangen – zumindest der sportliche Teil. Für Bogenschütze Alpers waren sie „enttäuschend“ verlaufen. Im Achtelfinale war er ausgeschieden und „nur“ Neunter geworden. Die Vorbereitung sei schwierig gewesen, sagt er rückblickend, das habe sich im Wettkampf bemerkbar gemacht. Aber an diesem Abend freute er sich auf die große Abschlussfeier im Londoner Olympiastadion, in dem 80 000 Zuschauer ebenso gespannt auf die Rockband Coldplay warteten wie die Athleten.

Mehr als 4000 Sportler aus 164 Ländern hatten sich im olympischen Dorf versammelt, zusammen zogen sie Richtung Stadion. „Unterwegs haben uns die freiwilligen Helfer zugejubelt und applaudiert“, sagt Alpers, der die Eröffnungsfeier nicht miterlebt hatte, weil am nächsten Morgen die Qualifikation fürs Bogenschießen anstand. Zusammen marschierten die Athleten durch einen Tunnel zum Stadion. „Ich war in einer Gruppe Franzosen, und die haben plötzlich angefangen, ihre Nationalhymne zu singen – so feierlich und fröhlich. Ich hätte am liebsten mitgesungen“, beschreibt Alpers den Moment. „Diese Spiele waren einfach sagenhaft. Wie sich die Engländer für den Sport begeistert haben und von Wettkampf zu Wettkampf gehastet sind, um so viel zu sehen wie möglich, das war unglaublich.“

Torben Schiewe - Abgewehrter Matchball

Diesen einen Ballwechsel hat Torben Schiewe heute noch vor Augen. Es lief der 5. und entscheidende Satz eines langen, dramatischen Spiels um die Bronzemedaille. Dass die deutschen Sitzvolleyballer am Ende dieses Spiel bestreiten würden, davon hatten sie zuvor höchstens geträumt. Aber im Verlaufe des paralympischen Turniers steigerten sich die Exoten in dieser Sportart von Spiel zu Spiel und wurden eine eingeschworene Truppe, die zunächst erstmals seit zehn Jahren Ägypten und dann die Russen nach acht Jahren ohne Sieg bezwangen. Und dann ging es im Spiel um Platz 3 wieder gegen Russland. Eine 10:7-Führung gaben die Deutschen aus der Hand, „und plötzlich hatte Russland Matchball“, sagt der Celler Schiewe.

Er ist der Zuspieler der deutschen Mannschaft und war bei diesem einen Ball dann doch so machtlos … „Der Aufschlag der Russen war gut, unsere Annahme schlecht. Da konnte ich nicht so schnell zum Ball rutschen“, sagt Schiewe. Vor seinem inneren Auge sah er schon das Ende der Medaillenträume. „Aber dann hat unser Mittelblocker einfach den zweiten Ball reingehauen“, sagt Schiewe. Es stand 14:14, Deutschland behielt die Nerven, machte zwei Punkte – und hatte plötzlich gewonnen. „Wir sind durcheinandergelaufen, dann wieder alle auf einen Haufen und wussten gar nicht, wohin mit unserer Freude. Das waren unsere Szenen“, sagt Schiewe.

Bernd Jeffré - Ein besonderes Wettrennen

„Das Größte?“, fragt Bernd Jeffré, „das Größte, das es für einen Sportler gibt, ist doch die Medaille.“ Auf der alten Formel-1-Rennstrecke Brands Hatch vor den Toren Londons fuhr er die hügelige Strecke in seinem Handbike als Drittschnellster und gewann so Bronze im Einzelzeitfahren. An die Zieleinfahrt kann er sich noch genau erinnern: „Uns Rennfahrern haben mehrere Tausend Menschen zugejubelt. Und weil die Tribüne ausverkauft war, standen die Zuschauer schon an der Strecke. Wahnsinn, wie die Engländer drauf waren.“

Noch beeindruckender war für den 38-Jährigen aber ein anderes Erlebnis in London – fernab der Rennstrecke. Mit seiner Frau spazierte er durch ein Einkaufscenter – die Medaille noch um den Hals gehängt. „Und dann war da dieser kleine Junge, der auch im Rollstuhl saß. ,Der fordert dich zum Rennen heraus‘, hat meine Frau zu mir gesagt, also haben wir uns ein Rennen geliefert.“ Nebenein­ander flitzen sie die lange Gerade durchs Center. „Er hatte auch eine kleine Medaille um den Hals“, sagt Jeffré, „da habe ich ihm meine gezeigt.“

Die Geschichte von dem Rennen im Einkaufszentrum hatte da längst die Runde gemacht. „Anfangs standen nur ein paar Leute um uns herum, dann 20, 50 und am Ende 100“, erzählt der Paralympionik, der mit seinem kleinen Rivalen plötzlich von Menschen umringt war, Autogramme schreiben und für Fotos posieren musste.

Frank Heitmeyer - Treffer vor Tausenden

Wenn Frank Heitmeyer einen Wettkampf hat, seine Pistole herausholt, sich konzentriert und auf die Scheibe zielt, dann sind es nicht mehr als 
100 Zuschauer, die in gespannter Ruhe irgendwo in einer kleinen Halle auf den Schuss warten. „London dagegen“, sagt Heitmeyer, „das war ein Megaevent.“ Wenn er in den Royal Artillery Barracks, wo die Wettkämpfe stattfanden, die Scheibe ins Visier nahm, verfolgten das ein paar Tausend Zuschauer. „Das Interesse an unserer Sportart war riesig“, staunt der Schütze der SSG Wittlage noch heute. Die Medienpräsenz war enorm, das Publikum war begeistert „und erstaunlich fachkundig“, sagt der 42-Jährige. „Es war einfach unglaublich, dabei gewesen zu sein und sich mit den Weltbesten in dieser Atmosphäre gemessen zu haben.“

Aber die große Bühne war vielleicht auch ein bisschen zu beeindruckend. „Ich war ganz schön nervös, das hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen“, sagt Heitmeyer, der am Ende den 13. Platz belegte und nach dem Wettkampf entsprechend enttäuscht war. Aber es gab ja noch so viel mehr in London als nur die Wettkämpfe. Die Eröffnungsfeier etwa: „Unter dem Jubel ins Stadion einzumarschieren, das war Wahnsinn“, sagt Heitmeyer. Oder die unvergessliche Abschlussfeier: „Spätestens da ist von uns Athleten die Anspannung abgefallen. Wir waren gelöst und haben einfach nur noch alle zusammen gefeiert.“

Vico Merklein - Zum Schluss ein Happy End

Noch nie hatte ich so ein emotionales Jahr. Ich habe noch nie so viel gelacht, geweint, noch nie so viel Gänsehaut gehabt.“ Wenn Vico Merklein an 2012 denkt, denkt er zuerst an ein Seuchenjahr voller Tränen. Anfang des Jahres erwischte den Handbiker auf der Rennstrecke ein Motorrad. Gerade von den Verletzungen des Unfalls erholt, fuhr er im Trainingslager auf Mallorca gegen einen Felsen, verletzte sich am Ellbogen. Und dann war da noch das Europacuprennen, bei dem ihn ein Auto übersah, mitsamt seines Rennrads 50 Meter vor sich herschob, bis sich Merklein am Ende überschlug. „Acht Jahre habe ich gebrannt und geackert, um da hinzukommen, wo ich war, und es zu den Spielen zu schaffen. Ich hatte die Form meines Lebens und dann das“, sagt Merklein. „Das war eine unglaubliche Frust- und Tränenphase.“

Aber er kämpfte sich zu den Paralympics. Dann das Zeitfahren: Als der ehrgeizige 35-Jährige durchs Ziel gefahren war, stand dort der undankbare 4. Platz auf der Anzeigentafel. „Dabei sein ist alles, das gilt für mich nicht“, sagt Merklein. Er wollte eine Medaille. Seine letzte Chance war das Straßenrennen. Dort kämpfte er sich mit letzter Kraft nach 64 Kilometern ins Ziel – als Zweiter. „Als ich nach der Siegerehrung mit der Silbermedaille um den Hals an der Rennstrecke gesessen habe, war ich zum ersten Mal relaxt, endlich mal wieder so richtig entspannt – nach einem Dreivierteljahr, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagt Merklein.

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