Doping

Gewichtheber sagen IWF-Präsident den Kampf an

Die Deutschen Gewichtheber fordern seit mehr als einem Jahr ein vom Weltverband unabhängiges Kontroll-Gremium.
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Die Deutschen Gewichtheber fordern seit mehr als einem Jahr ein vom Weltverband unabhängiges Kontroll-Gremium.

Hamburg - Das internationale Gewichtheben wird immer wieder von Dopingfällen erschüttert. Deshalb fordert der deutsche Verband klare Linien. Weil Weltverbandspräsident Ajan sich sperrt, wird er zur Zielscheibe.

Deutschlands Gewichthebern ist der Geduldsfaden gerissen. Im Kampf gegen Doping sehen sie sich vom Weltverband IWF getäuscht und machen nun mobil. In einem offenen Brief an IWF-Präsident Tamas Ajan und alle nationalen Verbände stellt der Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) eine Verschlechterung der Situation im Kampf gegen Doping seit mehr als einem Jahr fest. Ajan betreibe eine Desinformations-Kampagne, sage nicht die Wahrheit und treffe Entscheidungen nach Gutdünken, wirft der Verband dem mächtigen Funktionär vor. „Wir können diese Situation einfach nicht mehr hinnehmen. Ajan reagiert schlichtweg nicht mehr auf unsere Schreiben. Wir fühlen uns veralbert“, sagt Christian Baumgartner, Vizepräsident und Anti-Doping-Beauftragter im BVDG.

Ajan, ein taktierender Funktionär alter Prägung, verfährt offensichtlich nach der Formel: Je weniger Dopingfälle im Gewichtheben bekanntwerden, desto weniger wird gedopt. Mehr und gezieltere Kontrollen scheinen nicht auf der Wunschliste des 73-jährigen Ungarn zu stehen. Die Vorschläge der Deutschen blieben nach Verbandsangaben bisher unbeantwortet. Deshalb klagt der BVDG Ajan an: „Sie sind nicht interessiert an einer Verbesserung des IWF-Anti-Doping-Systems.“ Nach Einschätzung des BVDG bestehe bei Ajanein himmelweiter Unterschied zwischen seinen offiziellen Reden vor internationalen Gremien und seinen Taten. „Das ist eine Schande“, klagt Baumgartner.

Die Deutschen fordern seit mehr als einem Jahr ein vom Weltverband unabhängiges Kontroll-Gremium, das von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA überwacht wird, systematische Trainingskontrollen sowie Transparenz in den bislang verborgenen Aktivitäten gegen Doping. Zwischenzeitlich hatte die IWF den früheren deutschen NOK-Präsidenten Walther Tröger als Mediator für eine neues Anti-Doping-System vorgestellt. Doch der 83 Jahre alte Sportfunktionär will keine aktive Rolle übernehmen, lediglich beraten. „Darüber haben Sie die Mitgliedsverbände aber nie informiert“, heißt es in dem Brief an Ajan. „Das ist eine klare Finte, um die IWF-Mitglieder zu täuschen.“

Als Beleg für den siechenden Anti-Doping-Kampf nennt der deutsche Verband Zahlen: Gab es 2010 noch 507 IWF-Trainingskontrollen bei den Männern, so wurden diese im vorolympischen Jahr auf 170 reduziert. Auffällig ist die Zurückhaltung der Kontrolleure bei Top-Nationen. Russlands Heber mussten im Jahr 2010 noch 39 unangemeldete Tests über sich ergehen lassen, im Jahr darauf nur eine Kontrolle. Aber ausgerechnet in jenem Jahr qualifizierte sich das Maximum von zehn Athleten für Olympia. Ähnlich ist es bei der Ukraine: Von 20 Tests 2010 ging es 2011 auf zehn Kontrollen bergab. Aber: In London sind zehn Olympia-Starter dabei. Kasachstan: von 64 auf null (!) Tests - acht Starter für London; Weißrussland: von 27 auf sieben Tests - acht Olympia-Heber.

Ajan weist die Vorwürfe zurück. „Unser Anti-Doping-System ist von der WADA und dem IOC als eines der modernsten und effizientesten unter allen internationalen Fachverbänden anerkannt“, erwidert der IWF-Präsident. Er beruft sich auf rund 1200 Dopingkontrollen im vergangenen Jahr in 125 Ländern. Baumgartner sieht in der Zahl eine Verwässerung der tatsächlichen Problematik. „Das sind mit übergroßer Mehrheit Wettkampfkontrollen. Unangemeldete Tests werden dagegen immer weiter reduziert. Gedopt aber wird in der Trainingsphase und nicht unmittelbar vor dem Wettkampf.“

„Es gibt keinerlei objektive Kriterien. Wir selbst haben die IWF sogar aufgefordert, Olympiasieger Matthias Steiner in den sogenannten internationalen Testing-Pool IRTP aufzunehmen. Warum sind die Top-Athleten nicht automatisch drin?“, fragt Baumgartner und fordert:„Spitzenathleten müssen häufiger kontrolliert werden.“

Laut Baumgartner haben immer mehr Mitgliedsverbände die Nase voll von Ajan. „Viele sagen, diese Art, einen Weltverband zu führen, hat keine Zukunft mehr. Ein Wechsel ist dringend notwendig.“ Baumgartner bewirbt sich am 8. April in Antalya um das Amt des Generalsekretärs beim europäischen Verband EWF. „Diese Wahl wird ein klares Signal“, behauptet Baumgartner, „sie ist eine Nagelprobe, wo die Mehrheit der Verbände steht“. Die fordernden deutschen Funktionäre, international eher als unbequem bewertet, sind bereits vor vier Jahren aus allen Gremien des Weltverbandes geflogen.

frx/dpa

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