Olympia-Bilanz

Die goldenen Winterspiele für die Deutschen

- Die deutschen Sportler haben trotz mancher Enttäuschung eine reiche Medaillen-Ernte eingefahren: Eine Olympia-Bilanz mit Licht und Schatten.

Mit hohen Erwartungen ist die deutsche Mannschaft zu den Olympischen Winterspielen gereist. Nichts weniger als den 1. Platz im Medaillenspiegel der Nationen sollen die 153 Frauen und Männer in Vancouver erobern – wie schon in Turin 2006. Eine Geschichte in 17 Akten, voller Erfolge, Emotionen und Enttäuschungen, geprägt von zwei Golden Girls.

12. Februar

Farbenfroh sollte sie begeistern, doch die Eröffnungsfeier im BC Stadium von Vancouver trägt schwarz. Wenige Stunden vor dem Einmarsch der Nationen verunglückt der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili im Training tödlich, als er mit einer Geschwindigkeit von 145 Kilometern pro Stunde aus der Bahn fliegt. Es ist der schlimmste, aber nicht der einzige Unfall im Hochgeschwindigkeitskanal von Whistler. Während der Eröffnung gelingt der Spagat zwischen Trauer und Feier, frei von Pannen ist die Zeremonie nicht: Nur drei von vier künstlichen Eiszapfen fahren aus dem Boden auf, um das olympische Feuer aufzunehmen.

13. Februar

Die erste Medaille für Deutschland gewinnt eine Biathletin. Magdalena Neuner bleibt im Sprintrennen 1,5 Sekunden hinter der slowakischen Siegerin Anastazia Kuzmina. „Mehr war nicht drin“, sagt die 23-Jährige fröhlich. Helena Jonsson, die überragende Biathletin der Saison, wird Zwölfte. „Schwedinnen sind auch nur Menschen“, bemerkt Bundestrainer Uwe Müssiggang. Am Cypress Mountain schwemmt Dauerregen 28 000 Stehplätze für die Snowboard-Rennen weg, in Vancouver herrscht Frühlingswetter, und in Whistler schneit’s bei fiesem Nebel tagelang. Die alpine Ski-Abfahrt der Männer am Mount Whistler verwehen die Klimaphänomene El Niño und Pineapple Express. Simon Ammann, das Schweizer Sprungphänomen, meldet sich mit Gold auf dem Olymp zurück: „Vor acht Jahren war es voll geil. Jetzt ist es extrem voll geil.“

14. Februar

Haushoch springt Felix Loch aufs Siegerpodest, weil er haushoch im Rodeln gewonnen hat. Der erste deutsche Olympiasieger 2010 ist ein Rodler, wen wundert’s? David Möller macht den Doppelsieg perfekt und beißt sich an Silber einen Zahn aus. Silber bekommt auch Eisschnellläuferin Stephanie Beckert nach ihrem Olympiadebüt über 3000 Meter umgehängt. „Im Moment ist alles, alles Wahnsinn“, jubelt sie. Claudia Pechstein beantragt beim Ad-hoc-Gericht des Weltsportgerichtshofes CAS ihr Olympiastartrecht und scheitert. In Vancouver spricht man weder von Pechstein noch von Doping.

15. Februar

Der falsche Didier rast zum Olympiasieg – nicht Cuche, sondern Defago bringt den Schweizern das ersehnte alpine Abfahrtsgold. Landsmann Dario Cologna, ein nordischer Langläufer, beeindruckt die Eidgenossen mit seinem Sieg weniger, macht aber die Wintersportnation endgültig komplett. Die deutschen Langläufer vergreifen sich auf dem seifigen Schnee im Material, Ingo Steuer vergreift sich im Ton. Sein Eiskunstlaufpaar Aljona Sawtschenko und Robin Scholkowy hält dem Druck nicht stand und stürzt zu Bronze statt zum erträumten Gold. „Mir ist es egal, welche Chinesen gewonnen haben“, sagt der Trainer.

16. Februar

Magdalena Neuner hält dem Erwartungsdruck stand und erfüllt sich ihren Traum: Olympiasiegerin wollte sie werden, nach dem Verfolgungsrennen ist sie es. Die 23-Jährige genießt unbekümmert ihr grenzenloses Glück und wird endgültig zum Wintersportliebling. „Wahnsinn, was einem in zwei Sekunden so alles durch den Kopf schießt“, sagt sie. Klingt lustig aus dem Mund einer Biathletin. Lustig erleben die Zuschauer erstmals auch Tatjana Hüfner. Die sonst so zurückhaltende Rodlerin küsst nach ihrem Olympiasieg die Eisbahn, das Siegerpodest und ihre Medaille. Natalie Geisenberger, mit Bronze gekürt, staunt mit der Rodelfangemeinde über so viel Ausgelassenheit. Die Winterspiele kommen in Deutschland an, regelmäßig mehr als sieben Millionen Fernsehzuschauer und Marktanteile von mehr als 20 Prozent beweisen es.

17. Februar

Wie wertvoll ist eine Freundschaft? Die Beziehung zwischen Maria Riesch und Lindsay Vonn steht auf dem Prüfstand, beide sollen der Superstar der Spiele werden. In der Abfahrt rauscht die Amerikanerin allen davon, Riesch, enttäuschte Achte, zählt zu den ersten Gratulanten. Es ist ein Rennen auf Leben und Tod auf „Franz’s Run“, acht Fahrerinnen stürzen auf dem Höllenkurs schwer. Gestürzt wird auch im Langlauf: Petra Majdic fällt eine Böschung hinab – und quält sich mit Rippenbrüchen und Lungenfellriss zu Sprint-Bronze. Danach erhält sie den slowenischen Staatsorden in Gold. Nun haben auch Alpine und Nordische ihre Sicherheitsdiskussion. Einen ficht das alles nicht an: Shaun White, Multibewegungstalent und Multimillionär, schwurbelt auf dem Snowboard in seiner eigenen Halfpipe-Welt und wiederholt in steriler Selbstverständlichkeit seinen Olympiasieg von Turin. Zum Frisör könnte er trotzdem mal wieder.

18. Februar

War da was? Maria Riesch reagiert, wie große Sportler auf Niederlagen reagieren: mit einem Sieg. Die 25-Jährige gewinnt die Kombination und gleicht im Freundinnen-Duell aus. „Ich wusste, dass ich gut drauf bin. Jetzt bin ich einfach nur noch glücklich“, sagt sie. Dass Anja Pärsson nach ihrem Horrorsturz vom Vortag nun zur Bronzemedaille wedelt, ist eine der wundervollen Olympiageschichten. „Ich habe überall blaue Flecken“, sagt die Schwedin. Was sie nicht am Bauchklatscher durch den Zielraum hindert. Olympia mit 7,70 Millionen Fernsehzuschauern schlägt die Fußball-Europa-League (3,77 Millionen) deutlich. Die deutschen Biathlon-Männer bleiben auch im Einzel ohne Edelmetall. Es sind Spiele der gemischten Gefühle.

19. Februar

Deutschlands Skeletonfahrer rauschen erstmals aufs olympische Siegerpodest. Kerstin Szymkowiak und Anja Huber gewinnen Silber und Bronze. „Ich hasse Achterbahnfahren“, verrät Szymkowiak, „die Geschwindigkeit mag ich gar nicht.“ Mit hohem Tempo kehrt in Whistler der Winter zurück: endlich Minusgrade, strahlendes Himmelblau, Sonne, die Organisatoren atmen auf – leider nur vorübergehend. Der Norwegerin Marit Björgen gelingt in der Doppelverfolgung bereits der zweite Goldstreich, die deutschen Langläuferinnen gehen leer aus.

20. Februar

Aufatmen in Österreich: Andrea Fischbacher, eine Großcousine von Hermann Maier, gewinnt im Super-G das allererste Gold. Dafür landen die favorisierten österreichischen Skispringer erneut hinter dem Schweizer Simon Ammann. Ob es jetzt sehr extrem obergeil ist?! Tobias Angerer kennt dieses Gefühl; sein Silber in der Doppelverfolgung beendet den Leerlauf bei Deutschlands Langläufern. Und es lässt Luft nach oben: Die erste Vancouver-Woche beendet Schwarz-Rot-Gold auf dem 2. Platz der Nationenwertung hinter den USA. „Wir sind einfach viel besser als alle anderen“, sagt Bode Miller, der Kombinationssieger.

21. Februar

Lenas Lachen begeistert Deutschland: Magdalena Neuner gewinnt im Massenstartrennen ihre zweite Goldmedaille. „Ich bin zurzeit sehr, sehr im Reinen mit mir“, strahlt Neuner, „auch wenn ich das, was ich erreicht habe, noch nicht ganz fassen kann.“ Genießen kann sie es wegen der stressigen Siegerpflichten auch nicht und beschwert sich über die schroffe Behandlung im Zielraum. André Lange pflichtet ihr bei, nach seinem Olympiasieg im Zweierbob fühlt er sich ebenso herumgereicht. Schlimmer fühlen sich nur Kanadas Eishockeyspieler. Nach dem 3:5 gegen den Erzrivalen USA müssen sie auf der Titelseite der Zeitung „24 Hours“ blattbreit lesen: „OUCH!“ Diese Pleite wird nur mit Gold wettzumachen sein.

22. Februar

„Jetzt waren wir wenigstens nicht umsonst hier“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. Seine „Adler“ übertreffen im Mannschaftswettbewerb die Erwartungen – lassen die ersehnte Bronzemedaille links liegen und springen zu Silber. Sprungkraft beweisen auch Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad. Nach ihrem mitreißenden Olympiasieg im Teamsprint hüpfen die beiden Blondinen derart über die Medal Plaza, dass ihnen fast die Pudelmützen vom Kopf fliegen. „Die Medaille kommt zu den anderen – zum Papa in den Tresor“, sagt Sachenbacher selig. Danach sprinten Axel Teichmann und Tim Tscharnke im Team zu Silber. Und die Kanadier packt endlich das Olympiafieber, ausgelassen feiern sie mit Hunderttausenden Gästen – was natürlich auch mit der unglaublichen Aufholjagd in der Nationenwertung zusammenhängt.

23. Februar

Lena lächelt – und verzichtet auf ihren Start in der Biathlon-Staffel. Martina Beck rutscht ins Quartett und lässt ihren Tränen freien Lauf. Im Rennen behält sie den Durchblick, mit der Bronzemedaille am Hals aber weint sie ungehemmt weiter und wird nur übertroffen von Kati Wilhelm, die das letzte Olympiarennen ihrer Karriere mit Edelmetall beendet. Die Deutsche Olympische Gesellschaft verleiht Neuner die Fairplay-Plakette. Die Dumm-gelaufen-Plakette gebührt Eisschnellläufer Sven Kramer. Der Niederländer ist der Schnellste über 10.000 Meter, doch weil ihn sein Trainer Gerard Kemkers auf die falsche Bahn schickt, wird Kramer im Ziel disqualifiziert. „Das war der schlimmste Moment in meinem Leben“, sagt Kemkers. Mehr als zehn Millionen Deutsche sehen am Bildschirm die Biathletinnen, den Marktanteil von 29 Prozent schafft sonst nur die Fußball-Nationalmannschaft.

24. Februar

Stephanie Beckert läuft über 5000 Meter ein phantastisches Rennen – und zur zweiten Silbermedaille. Im Ziel telefoniert sie sofort mit ihren Eltern. „Sie müssen morgen früh raus“, sagt die 21-Jährige. Es ist die Wachablösung im deutschen Eisschnelllauf; die lange verletzte Anni Friesinger-Postma kann ihr Potenzial in Vancouver nicht abrufen. Eine Wachablösung deutet sich auch im Medaillenspiegel an: Nach Norwegen schließt Kanada zu Deutschland und die USA auf, das Olympiafinale wird zum Vierkampf. Von Russland spricht niemand; höchstens in der Heimat: „Lasst uns die Guillotine oder die Galgen herausholen“, sagt Eishockey-Nationaltrainer Wjatscheslaw Bykow nach der 3:7-Klatsche der „Sbornaja“ gegen Kanada. Die Russen sind vier Jahre vor den Winterspielen von Sotschi nur Mitläufer, Regierungschef Wladimir Putin droht mit Konsequenzen.

25. Februar

Die Schlagzeilen gehören einer der Jüngsten: Viktoria Rebensburg wedelt im Riesenslalom zum Olympiasieg. Die 20-Jährige gilt als Einzelgängerin, als „Gold-Vicky“ kennen sie künftig alle. Ein „schlampiges Genie“ nennt Trainer Christian Schwaiger seine Läuferin, die findet: „Genie ist doch ein Kompliment, oder?“ Ihre Eltern kann Rebensburg nicht anrufen, weil die wegen des verschobenen 2. Laufes im Riesenslalom gerade auf dem Rückflug sind, dafür singt sie die Hymne bei der Siegerehrung umso inbrünstiger mit: „Es ist einfach so aus mir herausgesprudelt.“ Vater Sachenbacher darf erneut den Tresor öffnen: Tochter Evi gewinnt mit der Frauen-Staffel die Silbermedaille. Schrammen statt Edelmetall nehmen die deutschen Bobpilotinnen mit; Cathleen Martini und Romy Logsch stürzen im 4. Lauf, Logsch wird sogar aus dem Bob geschleudert. „Jetzt bin ich halt eine richtige Bobfahrerin“, sagt sie nach der ärztlichen Untersuchung. Die Kritik am Kanal hält an.

26. Februar

Die Alpinkönigin der Spiele heißt Maria Riesch. „Es ist der pure Wahnsinn! Dass ich das geschafft habe“, jubelt die 25-Jährige nach dem 2. Slalomlauf. 8,5 Millionen Skifans drücken ihr am Bildschirm daheim die Daumen – 34 Prozent aller Fernsehzuschauer. Den Interviewslalom übersteht sie trotz ungewohnter Ergriffenheit souverän und geht feiern. Das tun auch Kanadas Eishockeyfrauen: Nach ihrem Olympiasieg lassen sie es mit Bier, Schampus und Zigarren auf dem Eis krachen – sehr zum Ärger des Internationalen Olympischen Komitees. Kanadas Eisliebling ist ohnehin Joannie Rochette, die vier Tage nach dem Herzinfarkt-Tod ihrer Mutter im Eiskunstlauf eine Bronzemedaille gewinnt. „Ich glaube, sie wäre stolz auf mich gewesen“, sagt die 24-Jährige. Wenig stolz sind die deutschen Biathlon-Männer; sie verballern ihre letzte Chance im Staffelrennen und bleiben erstmals seit 1968 ohne Edelmetall. Für den scheidenden Bundestrainer Frank Ullrich ist es kein schöner Abschied; es sei nicht gelungen, sagt sein Teamführer Michael Greis, „den Teamgeist zu entfachen, den man bei Winterspielen braucht“.

27. Februar

Welch würdiges Olympiafinale ist dieser Tag der Wimpernschläge: Die Polin Justina Kowalczyk schlägt Marit Björgen nach 30 Langlauf-Kilometern um drei Zehntelsekunden, die Norwegerin ist dennoch mit dreimal Gold sowie je einmal Silber und Bronze die erfolgreichste Teilnehmerin dieser Winterspiele. Die deutschen Eisschnellläuferinnen schlagen die USA im dramatischen Halbfinale des Teamwettbewerbes um drei Hundertstelsekunden – mit einer Anni Friesinger-Postma, die bäuchlings ins Ziel rutscht. „Es war der Wahnsinn“, sagt Friesinger fassungslos, als Gold längst an ihrem Hals hängt. Im Finale schlägt das deutsche Team Japan – nach nicht minder dramatischer Aufholjagd mit einem Vorsprung von zwei Hundertstelsekunden. André Lange schlägt den Viererbob aus Kanada auf dem Weg zum Silber gar um eine Hundertstelsekunde. Der erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten hüpft übers Eis wie ein Bär und beendet die Karriere: „Ich werde diese Momente vermissen. Es war wieder etwas ganz Besonderes.“

28. Februar

Mission erfüllt: Das kanadische Olympiateam, unterstützt von der millionenschweren Aktion „Own the podium“, lässt sich die Führung im Medaillenspiegel mit 13 Goldmedaillen nicht mehr nehmen. Die Gastgeber gewinnen Curling-Gold, und sie siegen im Freestyle, Shorttrack, Skicross und Snowboard, wo sich Amelie Kober über Mutterglück statt einer Medaille freut. In den jungen Sportarten sehen die deutschen Wintersportler alt aus, der Nachholbedarf im Funsportbereich ist endlich erkannt. Die Mannschaft erreicht mit 30 Medaillen – zehn in Gold, 13 in Silber und sieben in Bronze – das Ergebnis von Turin und überzeugt als Zweite der Nationenwertung vor den USA. Der deutsche Wintersport ist traditionell, vor allem aber ist er weiblich: 19 Medaillen, acht von zehn Olympiasiegen, gehen auf das Konto der Frauen. Magdalena Neuner und Maria Riesch sind die erfolgreichsten und dürfen sich nach ihrem Goldregen nun auf einen Geldregen freuen.

„Die goldenen Spiele“, titelt die kanadische Zeitung „Globe and Mail“. Als am Sonntagabend die olympische Flamme erlischt, hinterlassen die Winterspiele von Vancouver ambivalente Gefühle: Das deutsche Team im Goldrausch, wir sind also doch eine Wintersportnation. Sympathische Bilder strotzend vor Leidenschaft und Fröhlichkeit, weltweit haben sich 3,5 Milliarden Fernsehzuschauer von der Begeisterung anstecken lassen – ein wohltuendes Signal nach der beängstigend perfekten Propaganda-Veranstaltung von Peking 2008. Unbeschwert aber enden diese Spiele nach dem Tod von Nodar Kumaritaschwili nicht, die Fragen nach Sicherheit und Sensationsgier werden die olympische Zukunft bestimmen. Nicht nur im Eiskanal.

„Es sind sehr gute Spiele“, sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach in Vancouver, „München kann für 2018 lernen, wie eine ganze Stadt vibriert, wenn es 2011 die Spiele erhält.“ Die deutsche Fahne trägt Magdalena Neuner zur Schlussfeier ins BC Stadium. Mit einem strahlenden Lächeln.

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