EM-Trainingslager

Ritterschlag für Seefeld: Löw will wieder Gipfelstürmer sein

Bereit für das DFB-Team
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Willkommen in Österreich: Seefeld ist bereit für das DFB-Team.

27 Tage plus x: Joachim Löw startet in seine letzte Turniermission als Bundestrainer. Er will „durchhalten bis zum Ende“. In den Tiroler Bergen geht's los - auch wieder für Müller und Hummels.

Seefeld (dpa) - Immerhin: Wenn die Promi-Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels an diesem Freitag nach zweieinhalb Jahren erstmals als reaktivierte Fußball-Nationalspieler wieder in einem DFB-Quartier Zimmer beziehen, soll über dem Seefelder Plateau die Sonne scheinen.

Dann sind auch auf 1200 Metern immerhin 17 Grad vorhergesagt. Es wäre ein echter Kontrast zum kühlen, regnerischen Grau, das vor dem Start in die Vorbereitung auf die Fußball-EM die Vorhut mit dem Trainer- und Betreuerstab um Joachim Löw am Donnerstag in Tirol empfing.

Panoramablick aus dem Hotel

Vom Balkon der Suiten im imposant gelegenen Teamhotel Nidum kann auch der Bundestrainer bei schönem Wetter den Blick schweifen lassen auf die immer noch schneebedeckten Berggipfel und das zauberhafte Inntal. Der Panoramablick von oben nach unten symbolisiert die Bandbreite bei Löws finaler Turniermission: Ein letzter Gipfelsturm ist der Plan, ein erneuter tiefer Absturz wie bei der WM 2018 das andere Extrem.

Titel, Endspiel, Halbfinale: Der 61-jährige Löw hat es vermieden, nach der Achterbahnfahrt der letzten drei Jahre öffentlich eine konkrete und allzu forsche Zielvorgabe zu formulieren. Wobei klar ist: Der Weltmeistertrainer von 2014 will durchs große Tor abtreten.

„Loslegen und durchhalten bis zum Ende“, lautet Löws Turnieransage. 27 Tage plus x lautet das Zeitfenster. Das unwürdige und frühe Ende würde ein EM-Aus schon nach dem letzten Gruppenspiel gegen Ungarn am 23. Juni in München markieren. Das Optimum wären 45 gemeinsame Tage bis zum großen EM-Finale am 11. Juli im Londoner Wembleystadion.

Seefeld ist bereit für das DFB-Team

Los geht's aber in Österreichs Bergwelt. In Seefeld ist alles präpariert, um Löws 26-Mann-Kader auch in Corona-Zeiten ein ideales Arbeitsumfeld zu bereiten. Für den Tourismus in der Olympiaregion ist der DFB-Aufenthalt „extrem wichtig“ nach dem monatelangen Lockdown. „Es ist ein Ritterschlag für die Region, dass man so wieder starten darf in den Sommer. Es geht für uns von null auf hundert“, sagte Elias Walser, der Geschäftsführer der Olympiaregion Seefeld.

Die Gastgeber erhoffen sich vom Aufenthalt des DFB-Trosses Werbung für Seefeld „als sichere Urlaubsregion“ in Zeiten der Pandemie, wie Walser der Deutschen Presse-Agentur sagte: „Die Mannschaft ist ideal dafür.“ Noch im Februar, als Tirol zum Virusvariantengebiet erklärt wurde, zweifelten die Seefelder. „Da habe ich gedacht, oha, das kann knapp werden“, gestand Walser. Jetzt ist die Corona-Lage entspannter.

Rote „Willkommen“-Fähnchen flattern überall im Wind. Das Teamhotel zieren Banner in Schwarz-Rot-Gold. „Die Mannschaft grüßt die Olympiaregion Seefeld“, steht am Hang. Seit Donnerstag parken zwei Teambusse vor der Herberge mit einem riesigen Wellnessbereich.

Keine drei Kilometer sind es bis zur Trainingsstätte. Die Rasenplätze unterhalb der Olympia-Skischanzen wurden intensiv gepflegt. Daneben steht ein Fitnesszelt. Rund herum ist ein Sichtschutz-Zaun mit den Konterfeis von Müller, Hummels und Co. aufgestellt worden, um keine ungebetenen Blicke auf Löws taktische Übungseinheiten zu erlauben. Sogar ein Wanderweg ins Mösertal wurde für die Urlauber gesperrt. „Wir lassen die Mannschaft in Ruhe trainieren“, bemerkte Walser.

Teambuilding wichtiges Ziel

Für Löw ist das Trainingslager stets ein zentraler Baustein vor einem Turnier, auch beim letzten Mal, bevor Hansi Flick (56) seinen Posten übernimmt. „Wir sind erstmals wieder über längere Zeit zusammen. Ein Punkt in der Vorbereitung ist, sich als Team zu finden“, kündigte der scheidende Chef an. Eine zentrale Aufgabe wird es sein, das einstige Weltmeister-Duo Müller/Hummels wieder zu integrieren - als Chefs.

Löw sorgt sich nicht, dass die 2019 von ihm vollzogene Ausbootung der langjährigen Führungskräfte negativ nachwirken könnte: „Hummels und Müller sind sehr integrativ in ihrer Persönlichkeit.“ Und die meisten aktuellen Nationalspieler „kennen sie in- und auswendig“.

Müller und Hummels können die kompletten zehn Tage in Tirol nutzen, um ihre Rollen wiederzufinden - auf und neben dem Platz. Denn etliche Akteure mit hohen Ambitionen werden erst verspätet anreisen. Toni Kroos wird nach seiner Corona-Infektion frühestens in der kommenden Woche erwartet, ebenso die Champions-League-Finalisten Ilkay Gündogan (Manchester City) sowie Timo Werner, Antonio Rüdiger und Kai Havertz (FC Chelsea), die am Samstag in Porto erst noch Gegner sein werden.

Immerhin können die insgesamt sechs England-Profis im DFB-Kader hoffen, eine Corona-Quarantäne in Tirol umgehen zu können. Denn Österreichs Regierung erteilte der eigenen Fußball-Auswahl eine Sondergenehmigung für ein Testspiel gegen England in Middlesbrough. Nach der Partie am 2. Juni müssen David Alaba und Co. nach der Rückkehr aus dem Virusvariantengebiet England nicht in Quarantäne. Der DFB strebt eine ähnliche Sonderregel für seine Fußballer an.

Österreichs Nationalteam wird übrigens zwei Tage nach dem Auszug des DFB-Trosses ins Nidum einziehen. Das ÖFB-Team hat Seefeld zu seinem Basecamp während der EM-Endrunde erkoren. „Dass nacheinander der DFB und der ÖFB hier bei uns sind, ist auch nicht normal“, sagte Tourismuschef Walser stolz. Es sind aber auch keine normalen Zeiten.

© dpa-infocom, dpa:210526-99-754481/5

Das DFB-Team bereitet sich ab Ende der Woche im Hotel Nidum in Tirol auf die EM vor.

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