Olympische Winterspiele

Vancouver 2010: Strahlkraft und Verletzlichkeit

- Das Abenteuer Kanada und die zwiespältigen Vancouver-Spiele haben eine neue olympische Epoche eingeleitet: Die emotionale Dauerparty und der tödliche Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili machten die Verheißungen und Gefahren der olympischen Gegenwart und Zukunft in selten dagewesener Schärfe sichtbar.

Olympische Winterspiele wird es in ihrer traditionellen Form wohl nicht mehr geben. „Ich bin sehr zufrieden. VANOC hat tolle Arbeit geleistet, die Athleten hatten großartige Spiele“, lobte IOC- Präsident Jacques Rogge. Die Gastgeber haben die groß angekündigte Machtübernahme im Wintersport nur in der Goldabrechnung geschafft, Das deutsche Team, Erster in Turin, überzeugte mit 30 Medaillen. Und: Es gab keinen einzigen Dopingfall.

„Die goldenen Spiele“, titelte die Zeitung „Globe and Mail“. Nach der beängstigend perfekten Propaganda-Veranstaltung in Peking waren die menschlichen Spiele in Kanada eine Rückkehr zu unbeschwerter Leidenschaft. Vancouver präsentierte ein stimmungsvolles Athleten- Fest mit einem hohen Sympathiefaktor und abschreckender Wirkung. In dieser Einheit der Widersprüche begegneten sich olympische Ideale und die gefährliche Sensationsgier ignoranter Funktionäre. Ein begeistertes Sportpublikum, ein einzigartiges Athletendorf, gefeierte Trendsportarten und große Olympia-Präsenz in der digitalen Welt dienten als Wegweiser für die Zukunft - die Sturzserie im schnellsten Eiskanal der Welt als tödliche Warnung. Die Hochgeschwindigkeitsbahn „Whistler Sliding Centre“ und Cypress Mountain, zwei von neun Sportstätten, blieben ihre Olympia-Tauglichkeit schuldig.

„Sicherheit ist die oberste Priorität. Das IOC hat nie nach mehr Tempo verlangt. Das ist nicht unsere Philosophie“, stellte Rogge fest, „manchmal muss man den Athleten auch vor sich selbst schützen.“ Als Konsequenz werden verschärfte Qualifikationskriterien für Olympia-Teilnehmer diskutiert. Bei der Rekordbeteiligung von 2621 Athleten aus 82 Ländern haben in Vancouver 25 verschiedene Nationen Medaillen gewonnen und damit eine eindrucksvolle Universalität demonstriert. „Wir wollen Universalität, aber nicht um jeden Preis“, so IOC-Vize Thomas Bach. Nach Kumaritaschwilis Tod trauerte Olympia.

Alle Tränen haben eine Geschichte - auch im deutschen Team. Die Doppel-Olympiasiegerinnen Magdalena Neuner und Maria Riesch weinten vor Freude und wurden zu den deutschen Gesichtern dieser Spiele. Mit zehn Gold, 13 Silber- und sieben Bronzemedaillen beendete die 153- köpfige Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Kanada-Mission. Das blamable Eishockey-Team, formschwache Biathlon- Herren und Kombinierer trübten die Bilanz, in den jungen Sportarten Shorttrack, Freestyle und Snowboard muss ein neues Förderkonzept her. „Wir können sehr stolz auf diese Mannschaft sein“, kommentierte DOSB-Präsident Bach.

Als am Sonntagabend das olympische Feuer erlosch, war die Ambivalenz der Spiele allerdings noch nicht aufgelöst. Das Organisationskomitee VANOC wollte Begeisterung erzeugen und Kanada vereinen. „Das ist uns gelungen. Es war magisch. Die Spiele haben Vancouver und das ganze Land verändert, Wir wollten, dass die Spiele größer sind als nur zwei Wochen Sport in Vancouver“, bilanzierte VANOC-Chef John Furlong. VANOC geht davon aus, den Olympia-Etat von 1,76 Milliarden Kanada-Dollar (1,1 Milliarden Euro) ausgleichen zu können. Vancouvers Steuerzahler bleiben aber auf einem Schuldenberg sitzen. Knapp eine Milliarde Dollar (696 Millionen Euro) hatte die Stadt in die Vollendung des olympischen Dorfes investieren müssen.

Das kanadische Großprojekt „Own the Podium“ kostete 117 Millionen Kanada-Dollar. Lange Zeit wurden die einheimischen Asse als „Möchtegern-Champions“ verspottet. Das avisierte Ziel von 35 Medaillen wurde früh nach unten korrigiert. Am Ende vermeldete der ungeliebte Nachbar USA mit 37 Medaillen einen Rekord bei Winterspielen, Kanada feierte Platz eins in der Goldbilanz. Buckelpisten-König Alexandre Bilodeau aus Quebec stieg als erster kanadischer Goldgewinner bei olympischen „Heimspielen“ über Nacht zum Werbe-Millionär auf. Erfolgreichste Athletin der Spiele ist Norwegens Marit Björgen mit dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze im traditionellen Langlauf.

Das IOC bastelt unermüdlich an der Modernisierung des Programms. 2014 dürfen im russischen Sotschi Slopestyle, eine gemischte Biathlon-Staffel und die Skispringerinnen mit ihrer Olympia-Premiere rechnen. Schließlich soll die Attraktivität des winterlichen Premium- Produkts weiter erhöht werden - trotz der Problematik globaler Erderwärmung. Nur noch 15 Länder können Winterspiele ausrichten, schätzt Rogge. Schneesicherheit oder märchenhafte Bilder wie 1994 aus dem verschneiten, beschaulichen Lillehammer wird es wohl nicht mehr geben. Vancouver erlebte den wärmsten Februar seit 114 Jahren. US- Medien nannten die 17 Tage an Kanadas Westküste „Frühlingsspiele“ (Boston Globe) oder „Meeresluftspiele“ (New York Times). In Sotschi liegt die Durchschnittstemperatur im Februar bei elf Grad plus.

Kompetente Gastgeber und Gewinnmaximierung bedingen einander. Die Kombination Eiszentrum in einer Großstadt und Schneezentrum in einem nahe gelegenen Skigebiet scheint vom IOC favorisiert zu werden. Die Macher der Münchner Bewerbung um Olympia 2018 konnten in Vancouver wertvolle Erfahrungen machen. Hauptrivale und Favorit Pyeongchang bejubelte im „Korea House“ die sechs Goldmedaillen Südkoreas und verkaufte das beste Ergebnis bei Winterspielen als Indiz für den ungesättigten Markt Asien.

Das hochkarätig besetzte Eishockeyturnier mit 141 NHL-Stars unterstrich die zunehmende Professionalisierung des Winterfestes. Längst tobt ein Powerplay hinter den Kulissen zwischen dem IOC und der nordamerikanischen Profiliga NHL. Die Liga will eine finanzielle Entschädigung für die Abstellung seiner Stars, das IOC das bestmögliche Produkt. Die Verhandlungen laufen.

dpa

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