Weltmeisterschaft im Mülltonnen-Rennen

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Die tollkühnen Männer und Frauen in ihren rasenden Mülltonnen.

Hermeskeil - Wenn Mülltonnen mit Tempo 60 den Berg hinunterrasen, findet die WM einer völlig unterschätzten Sportart statt.

Die Rennfahrzeuge glänzen in dezentem Anthrazit. Die Helme der waghalsigen Piloten sitzen sicher, die Schoner über den Gelenken sind festgezurrt. Nach einem kurzen Sprint an der Startlinie werfen sie sich bäuchlings auf die gekippte Tonne, umfassen den Deckelrahmen und rattern auf den Rädern los.

320 Meter lang und bis zu zwölf Prozent steil ist die Straße in Hermeskeil im Hunsrück (Rheinland-Pfalz), auf der 49 Mülltonnenpiloten am Sonntag um den Weltmeisterschaftstitel kämpften. “Wir sind weltweit die Einzigen, die diesen verrückten Rennsport betreiben“, sagte Christoph König, Vorsitzender des Vereins “YesAngels“ und Rennleiter.

Drei internationale Läufe hat es in der knapp 6000-Einwohner-Stadt schon gegeben. “In diesem Jahr wollten wir das Ganze toppen und einen Weltmeister küren“. Die Fahrer sind voll und ganz bei der Sache: “Man muss sich schon sehr konzentrieren und Mut haben“, sagte Heiko Collet (35), der in den vergangenen Wochen mit seiner Mülltonne intensiv auf einem Feldweg trainiert hat. “Es ist wie Schlittenfahren, nur gefährlicher und schneller.“

Beim Mülltonnensport gelten klare Regeln. Zugelassen sind nur Restmüll- oder Papiertonnen von 80 bis 240 Litern. Sie müssen leer, sauber und geruchsfrei sein und dürfen keine Spoiler oder Motoren haben. Nur am Deckelscharnier kann eine Metallblende angebaut werden, um vor Verschleiß zu schützen. Ein “Rennkommissar“ wacht darüber, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Und Sylvia Lehnen vom TÜV Rheinland erlaubt den Flitzern den Start nur nach einer “technischen Abnahme“. “Es darf keine spitzen Ecken und Kanten geben.“

Was auf den ersten Blick leicht aussieht, hat es in sich. “Der Start ist das Schwierigste. Da kann man wichtige Sekunden verlieren“, sagte König. Es komme darauf an, “sich richtig auf die Tonne zu werfen und den Schwung mitzunehmen“. “Der Start entscheidet“, sagte auch “Pilot“ Sascha Hau aus Trier, der auf einer Parkplatz-Rampe für die Weltmeisterschaft geübt hat. Und eine der wenigen Frauen, die mitrasen, Christel Hassel aus Mainz, meinte: “Später kann man nicht mehr viel rausholen“. Auch die Balance zu halten, sei schwierig, sagte König. Nur Könner schafften es, ohne dass Füße oder Deckelscharnier den Boden berührten.

Die begehrteste Tonne ist das 120-Liter-Modell. “Sie ist schneller und lässt sich leichter lenken und ausbalancieren“, sagte der Bundeswehrsoldat, der in bei der Luftlandebrigade in Saarlouis stationiert ist.

Die Idee zu der neuen Sportart hatten die “YesAngels“ vor ein paar Jahren beim Rockfestival “Rock am Ring“. “Da fiel plötzlich eine Mülltonne um, ruckzuck saß einer drauf und sauste den Hügel runter“, erzählte der 40-jährige Rennleiter. Sofort wurden alle möglichen Arten ausprobiert, zu “fahren“ - auf der Mülltonne zu liegen entpuppte sich als beste Rennform und wird bis heute praktiziert. Besorgen muss sich jeder seine Tonne selbst. Kein teurer Spaß - ausgesonderte Tonnen können für fünf Euro gekauft werden.

Die “YesAngels“ haben sich Anfang 2005 gegründet, “um die Jugend und Kultur in Hermeskeil zu fördern“. “Es war hier einfach nichts los und wir wollten bisschen Leben her bringen“, sagte König. Mit Erfolg: Am Sonntag säumten tausende Zuschauer die Rennstrecke und feuerten die Tonnenfahrer an. Bewunderung auch für die “aufgemotzten und frisierten“ Mülltonnen, die im Showlauf starteten: etwa zum Flugzeug umgebaute Mülltonnen und ein Mülltonnen-Karussell.

dpa

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