1. WLZ
  2. Waldeck
  3. Bad Arolsen

Dennis König: Mengeringhäuser ist einziger Kirmesreporter in Deutschland

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Julia Janzen

Kommentare

Ein Mann in einem Karussell auf einer Kirmes
Jedes Fahrgeschäft, das in Deutschland unterwegs ist, kennt Dennis König. Er fährt alles, sagt der Kirmesreporter. © Privat

Für viele hat er den Traumjob schlechthin: Dennis König aus dem Bad Arolser Stadtteil Mengeringhäuser ist Deutschlands einziger festangestellter Kirmesreporter.

Für die Fachzeitschrift „Komet“ berichtet er über rund 150 Kirmessen im Jahr. Im Interview erzählt er, wie seine Leidenschaft für Volksfeste entstand und dass „das“ Arolser Viehmarkt tatsächlich die größte Kirmes Hessens ist.

Herr König, Sie sind Kirmesreporter. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Es gibt zwei Versionen: Entweder habe ich einen 0815-Bürotag, wo ich Vor- und Nachberichte oder PRs für Attraktionen und Schausteller schreibe. Oder ich setze mich in mein Auto und fahre von Kirmes zu Kirmes. Das können bis zu acht Stück am Tag sein. Dort fotografiere ich, führe Kurzinterviews, teste Fahrgeschäfte und analysiere die Veranstaltung.

Wie viele Kirmessen besuchen Sie jedes Jahr?

Im Durchschnitt 150. Insgesamt gibt es etwa 8700 in Deutschland. Ab dem Moment, wo sich ein Karussell dreht, wird die Veranstaltung als Kirmes gezählt. Meine erste Kirmes im Jahr ist fast immer im Februar in Versmold und meine letzte ist irgendwo ein Weihnachtsmarkt. Der Januar ist mein Ruhemonat, wobei ich da mittlerweile auch schaue, wo es im Ausland Winterveranstaltungen gibt, wie in England oder Belgien. Dann fahre ich da hin.

Wie suchen Sie die Volksfeste aus, die Sie besuchen?

Damit mein Alltag spannend bleibt, versuche ich zu variieren und reise auch mal auf andere Plätze. Aber Stammplätze wie Soest, Bad Arolsen, Düsseldorf, Crange – die ganzen First-Class-Plätze – besuche ich, wenn möglich, jedes Jahr. 70 000 bis 80 000 Kilometer fahre ich jedes Jahr mit dem Auto. Ich komme verdammt viel rum (lacht).

Sie sind also nicht nur in Deutschland unterwegs. Wann geht’s ins Ausland?

Sobald ich mitbekomme, dass im benachbarten Ausland eine spannende Attraktion ist, die wir in unserem Blatt noch nicht vorgestellt haben, oder die ich noch nicht kenne – ich fahre ausnahmslos alles. Ich muss ja wissen, worüber ich schreibe; Ich muss es am eigenen Leib erfahren haben. So sehe ich meinen Beruf.

Gab es schon mal ein Fahrgeschäft, vor dem Sie Muffensausen hatten, aber dann doch gefahren sind?

Ja, bei einem sogenannten Sky Diver. In Deutschland gab es mal vor etwa 15 Jahren eine reisende Anlage, eine 50-Meter-Ausführung. Man wird in die Luft gezogen, muss oben eine Reißleine ziehen und wird an einem Stahlseil fallen gelassen. Das habe ich einmal gemacht, aber es ist wirklich eine extreme körperliche Belastung, schlimmer als Bungee Jumping. In den USA gibt es davon auch eine 100-Meter-Version.

Sie kommen aus Mengeringhausen, die Vermutung liegt nah, dass Ihre Begeisterung für Volksfeste beim Arolser Viehmarkt entstanden ist. Ist das so?

Definitiv. Als Achtjähriger habe ich in der Grundschule von meiner Klassenlehrerin die Aufgabe bekommen, ein Heft über mein Hobby anzulegen. Meine Klassenkameraden haben meist über Fußball oder Autos geschrieben. Ich habe damals schon Zeitungsartikel über Volksfeste und Karussells gesammelt. Die habe ich dann zu einem Heft zusammengefasst, zusammen mit einem Lageplan des Kram- und Viehmarkts.

Sie leben mittlerweile am Möhnesee in NRW, kommen aber noch jedes Jahr zum Viehmarkt?

Na klar, ich quartiere mich mit meiner ganzen Familie mit meinen Eltern ein. Spätestens am Mittwoch vor Viehmarkt reise ich an, um bei der Schausteller-Versammlung dabei zu sein.

Ein Mann auf einer Kirmes, im Hintergrund ein Karussell
Selfie: Dennis König beim Münchner Oktoberfest. © Privat

Im Vergleich zu anderen Kirmessen: Wie steht „das“ Kram- und Viehmarkt Arolsen da?

Arolsen hat einen guten Ruf. Aber seit Jahren schreibe ich immer wieder, dass viel zu wenig geworben wird für die Veranstaltung. Für den Brakeler Annentag beispielsweise, der häufig parallel läuft, wird an großen Straßen plakatiert. Das gibt es in Arolsen nicht. Eine Woche nach Viehmarkt findet der Stoppelmarkt Vechta statt: Dort wird mit einem großen Plakat an einem Anhänger geworben, der auf einem Feld an der Autobahn steht. Das würde sich an der B 252 oder der A 44 auch anbieten.

Und noch ein Punkt: Bad Arolsen wirbt als größtes Volksfest Nordhessens. Das ist untertrieben, es ist von der Anzahl der Schausteller und Händler das größte in ganz Hessen. Die Dippemess in Frankfurt und das Heinerfest in Darmstadt sind beide kleiner. Man muss sich nicht unter Wert verkaufen.

Haben Sie eine Lieblings-Kirmes?

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Das eine für die alte Heimat Arolsen, das andere für die neue Heimat Soest. Die Allerheiligenkirmes ist ein Grund, warum ich hier her gezogen ist. Auch die Düsseldorfer Kirmes mag ich, da feiere ich immer meinen Geburtstag.

So viel Spaß dieser Beruf auch macht: Ich nehme an, nicht alles ist nur reine Freude. Vor allem die vergangenen Jahre, geprägt durch Corona, haben die Schausteller gebeutelt und sicher auch Sie. Wie ist die Stimmung aktuell?

Corona hat mich persönlich zunächst so hart getroffen, dass ich zum Arbeitsamt gegangen bin. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Worüber sollte ich schreiben? Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen, auch als DJ. Seit mehr als 30 Jahren arbeite ich als DJ Danny K., doch das ging ja auch nicht. Das hat sehr an mir genagt. Ich musste in harte Verhandlungen mit meinem Arbeitgeber gehen und mir neue Themen ausdenken. Unser Heft, das alle zehn Tage erscheint, musste ja gefüllt werden. Ich habe Interviews mit Schaustellern geführt, habe Musik, die an Fahrgeschäften gespielt wird, thematisiert. Ich bin kreativ geworden, Not macht eben erfinderisch.

Und wie erging es den Schaustellern?

Es ging bis zur totalen Verzweiflung. Das Schlimme, was sich bis heute auswirkt: Das Personal ist abgehauen. Wer Fahrgeschäfte mit aufbaute und Fahrchips einkassierte, konnte nicht gehalten werden. Das wirkt sich bis heute katastrophal aus, die Leute kommen nämlich nicht wieder. Dieses Jahr liefen die Kirmessen gut, aber die Schausteller hatten es sehr schwer, weil sie kein Personal hatten. Viele Geschäfte mussten deshalb absagen. Corona hat bis heute erhebliche Auswirkungen.

Gibt es schon Lösungsansätze für die Personalnot?

Ich habe mit etlichen Schaustellern gesprochen. Einige planen, nur noch jede zweite Kirmes anzufahren. Daraus könnte resultieren, dass einige kleinere Plätze noch schlechtere Besetzungen bekommen. So könnten die ganz kleinen Veranstaltungen vielleicht aussterben, was eine Katastrophe wäre. Es gibt noch einen anderen Trend: Wenn es finanziell zu schaffen ist, werden Anlagen geholt, die mit ganz wenig Personal zu betreiben sind. Nächstes Jahr wird es zwei neue Schaukeln auf dem Markt geben, die speziell für wenig Personal konzipiert wurden. Die einfachste Schaukel kostet ohne Deko, Sound und Licht aber rund 600 000 Euro. Es ist eine ganz schwere Situation für Schausteller, weil der Markt auch Neuheiten verlangt. Und es gibt noch einen Faktor, der erwähnt werden sollte.

Und zwar welchen?

Es gibt in Ländern wie Saudi-Arabien Scheichs, die sich Kirmessen zusammenstellen und dafür den deutschen Markt leerkaufen. Drei Beispiele: Wir hatten in Deutschland eine besondere Achterbahn mit schwingenden Gondeln, die hat sich ein Scheich gekauft und die ist damit weg vom Markt. Ebenso den höchsten Kettenflieger, den wir hier hatten und den höchsten Freifallturm mit kippenden Gondeln. Die Scheichs rufen Preise auf, bei denen die Schausteller nicht Nein sagen können. Dadurch wird sich die Kirmes-Szene erheblich verändern. Auch die größte Wildwasserbahn der Welt, die hier in Deutschland war, steht mittlerweile in Saudi-Arabien. Dorthin und nach Dubai gehen die meisten Fahrgeschäfte.

Das löst eine Kettenreaktion aus: Wenn auf den besten Plätzen nicht mehr die ganz großen Attraktionen präsentiert werden können, greifen die Veranstalter auf die nächst größeren zurück. Dann leiden gute, aber etwas kleinere Plätze wie Arolsen oder auch Frankenberg. Das wird man in den nächsten Jahren merken. Vor allem auch in Kombination mit den Personalproblemen und den gestiegenen Kosten. Große Umwege werden einige Schausteller bei den Spritkosten nicht mehr machen. Eine Lösung: Veranstalter müssen sich kurzschließen und mögliche Routen für die Schausteller ausarbeiten. Vereinzelt kommen die Veranstalter den Schaustellern auch bei Standgebühren entgegen. Beim Hamburger Dom zum Beispiel wurden im Frühjahr und Sommer die Gebühren komplett erlassen, ein Paradebeispiel. Und das, obwohl der Platz für rund 80 Millionen saniert wurde. jj

Auch interessant

Kommentare