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Gedenken auf dem jüdischen Friedhof in Bad Arolsen: „Antisemitismus Stirn bieten“

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Von: Armin Haß

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Kranzniederlegung im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht, die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger. Links Bürgermeister Marko Lambion, rechts Stadtverordnetenvorsteher Gerd Frese.
Kranzniederlegung im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht, die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger. Links Bürgermeister Marko Lambion, rechts Stadtverordnetenvorsteher Gerd Frese. © Armin Haß

Zum 84. Jahrestag der Pogromnacht in Deutschland mahnte Bürgermeister Marko Lambion bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof Bad Arolsen, die Erinnerung zu bewahren und entschieden gegen Intoleranz und Gewalt vorzugehen.

Bad Arolsen – Die Pogrome seien geprägt gewesen von purer Willkür und offener Gewalt“ gegen jüdische Bürger. Geschäfte wurden zerstört, Synagogen gingen in Flammen auf. Dabei seien unter anderem in Arolsen bereits am 8. November Ausschreitungen von den Nazis organisiert worden.

Niemand schützte Juden

Mit Scham und Trauer erfülle, dass überall Menschen mitgemacht hätten, gegen ihre Nachbarn vorgingen. Weder Polizei noch andere staatliche Dienststellen hätten die Juden geschützt, nur ganz wenige Mitmenschen hätten sich der jüdischen Bürger angenommen.

Eine neue Eskalationsstufe der Verfolgung und Entrechtung der Juden sei seit dem Machtantritt der Nazis 1933 eingetreten, die geistige Brandstiftung sei real geworden durch das Anzünden von Synagogen. Das hätten allen Deutschen sehen und tatsächlich riechen können.

Gegen Antisemitismus vorgehen

„Menschen in unserer Mitte wurden gnadenlos verfolgt und ermordet. .Ein Alptraum für die jüdischen Bürger“, so Lambion. „Unter dem Firnis der Vergangenheit lauert noch das Böse“, wies Lambion auf den weiter zunehmenden Antisemitismus hin.

Es gelte, gegen solche Anfeindungen, die mit dummen Witzen begännen, aktiv einzutreten und ihnen die Stirn zu bieten. Mehr Erinnerung und eine verstärkte Sichtbarmachung dieses dunklen Kapitels der Geschichte sei auch in Bad Arolsen notwendig. Wichtig sei daher der Einsatz von CRS-Schülern mit ihrer Geschichtslehrerin Tina Römer bei der Gestaltung des Gefängnishofes im früheren KZ-Außenlager von Buchenwald in der ehemaligen Arolser Kaserne.

„Nieder wieder!“

Mit einem deutlichen „Nie wieder“ unterstrichen Schüler der CRS-Jahrgangsstufe 11 in ihren Schilderungen und dem Verlesen von Erinnerungen jüdischer Bürger an die Pogromnacht die Mahnung,, gegen Intoleranz und Gewalt einzutreten.

Schüler der CRS-Jahrgangsstufe 11 bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof in Bad Arolsen am 84. Jahrestag der Pogromnacht. Im Hintergrund Besucher der Veranstaltung der Stadt.
Schüler der CRS-Jahrgangsstufe 11 bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof in Bad Arolsen am 84. Jahrestag der Pogromnacht. Im Hintergrund Besucher der Veranstaltung der Stadt. © Armin Haß

Am 7. November 1938 war infolge des Attentats von Herschel Grynspan in Paris auf den Botschaftsbeamten Ernst von Rath eine brutale Terroraktion gegen jüdische Bürger in Kassel, Bebra und Zierenberg losgetreten worden. Grynspan war erschüttert über die Deportation seiner Familie durch die Nazis und die Ungewissheit über ihren Verbleib, deshalb griff er zur Waffe..

Nazis organisierten Pogrome

Am 8. November wurden in Arolsen und Mengeringhausen Geschäfte durch SA- oder SS-Angehörige verwüstet, sie trieben Menschen aus ihren Häusern und misshandelten sie. Die Verbrechen waren einen Tag vor der Pogromnacht in ganz Deutschland begangen worden, um zu erfahren, ob es Unterstützung für jüdische Bürger geben würde. Diese blieb jedoch überwiegend aus.

Schüler der CRS-Jahrgangsstufe 11 bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof Bad Arolsen am 84. Jahrestag der Pogromnacht.
Schüler der CRS-Jahrgangsstufe 11 bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof Bad Arolsen am 84. Jahrestag der Pogromnacht. © Armin Haß

1933 lebten noch 23 jüdische Personen in sieben Familien in Mengeringhausen. Aufgrund von Repressalien und Entrechtung in der Nazi-Zeit zogen Familien weg oder emigrierten. Hausbesitzer waren gezwungen worden, ihre Immobilien weit unter Wert zu verkaufen. 

Juden flüchteten oder wurden deportiert

1938 waren es noch acht jüdische Einwohner in Mengeringhausen. Von den aus Mengeringhausen stammenden oder dort lebenden Juden sind in der NS-Zeit 18 Menschen umgekommen.

In Arolsen lebten zum 8. November verschiedenen Quellen zufolge noch fünf oder zehn jüdische Bürger. Auch von dort waren die meisten Angehörigen der Gemeinde wegen des Drucks durch die Nazis weggegangen. 

Ende der jüdischen Gemeinde

Die Jüdin Frieda Alsberg lebte bis 1939 in Arolsen. Sie war das letzte Mitglied der jüdischen Gemeinde in Arolsen und im gleichen Jahr nach Frankfurt. Als ihr Todestag wird der 25. April 1940 genannt. Laut Dokumentationszentrum Yad Vashem in Jerusalem sind von den in Arolsen geborenen oder längere Zeit dort wohnhaften Juden in der NS-Zeit 17 umgekommen.  (Armin Haß)

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