Neuer Dauerausstellung in der Schlossstraße eröffnet

Arolser Holocaust-Archiv von großem Wert für das Bewahren der Erinnerung

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Rundgang durch die neue Dauerausstellung zur Geschichte des Suchdienstes: Zur Eröffnung sprachen neben der Direktorin Floriane Azoulay (vorne, links) auch die Staatsministerin für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters (2. von rechts). Das neue Ausstellungskonzept erläutert Ausstellungskurator Dr. Henning Borggräfe (rechts). In der Mitte im weißen Hemd: Dirk Feddersen, der nun nach 73 Jahren aus der Effektensammlung des Suchdienstes die Taschenuhr und den Ehering seines von den Nationalsozialisten ermordeten Vaters ausgehändigt bekommen hat.  

Bad Arolsen. Für den Internationalen Suchdienst, der mit seinen Vorgänger-Organisationen seit 1946 in Arolsen angesiedelt ist, hat ein neues Kapitel begonnen: 

Nach CTB, UNRRA, IRO, ITS trägt die Einrichtung nun einen neuen, englischsprachigen Namen, für den es noch keine gute deutsche Entsprechung und keine griffige Abkürzung gibt: Arolsen Archives - Center on Nazi Persecution, zu deutsch etwa: Arolser Archive - Zentrum für die Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Gleichzeitig hat die Internationale Organisation, die von zehn Staaten kontrolliert und von der Bundesregierung zu 100 Prozent finanziert wird, eine neue Dauerausstellung in den Räumen des ehemaligen Konze-Kaufhauses in der Schlossstraße eröffnet. Die Ausstellung, die bei freiem Eintritt besucht werden kann, richtet sich vor allem an Schülergruppen.

Sie bietet neben einem informativen Rundgang mit Faksimiles der Originaldokumente aus dem Archiv auch eine computeranimierte Darstellung von derzeit zwei Beispiel-Suchanfragen zu Vermisstenfällen.

Was zeigt die neue Dauerausstellung der Arolsen Archives?

Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung war gestern auch die Staatsministerin des Bundes für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, nach Bad Arolsen gekommen. Nach einem Rundgang stellte sie anerkennend fest, dass die Ausstellung das Ausmaß und die Systematik der Nazi-Verbrechen dokumentiere. Dadurch bewahre sie die Erinnerung an die Identität der Opfer.

Aus den in der Ausstellung gezeigten Unterlagen gehe hervor, wie akribisch die Suchdienst-Mitarbeiter über Jahrzehnte Informationen über das in deutschem Namen verübte Unrecht gesammelt und ausgewertet hätten. Nach den Todesmärschen zur Evakuierung des Konzentrationslagers Dachau seien Exhumierungen angeordnet, ehemalige Häftlinge befragt worden. All das habe zu der unvorstellbaren Menge von 30 Millionen Hinweisen zu 17,5 Millionen Opfer geführt.

Diese Erinnerung zu bewahren stelle einen wesentlichen Beitrag zur demokratischen Erinnerungskultur dar.

Die Bundesregierung stehe zum Arolser Archiv. Das schließe ausdrücklich auch den Standort Arolsen ein. Es sei wichtig, authentische Erinnerungsstätten nicht nur in Großstätten zu betreiben.

Wie geht es weiter mit den Arolsen Archives?

Beachtliche Investitionen seien geplant, um moderne Räumlichkeiten für das weltweit einzigartige Archiv zu bauen, das 2013 in den Rang eines UNESCO Weltkulturerbes erhoben wurde, langfristig zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auch wenn es ein großer Fortschritt sei, dass heute 85 Prozent der Archivbestände online verfügbar seien, hätten doch Wanderausstellungen mit Dokumenten der Arolser Archive ihren eigenen informatorischen Wert.

Angesichts des zunehmenden Antisemitismus sei es wichtig, die Erinnerung an das geschehene Unrecht zu bewahren, betonte die Archiv-Direktorin Floriane Azoulay. Das gelte besonders in einer Zeit, in der Revisionisten versuchten, die Geschichte umzuschreiben. Aktuelle Umfragen zeigten, dass vor allem die nach der Jahrtausendwende Geborenen häufig keine Vorstellung vom Holocaust hätten. 

Viele hätten noch nie von Auschwitz gehört. Somit gehe auch das Wissen darüber verloren, warum die europäische Einigungsbewegung einst in Gang gekommen sei. Azoulay: „Ohne Faktenwissen können wir der Holocaust-Verleugnung nicht entgegenwirken.“ Die Verleugnung der Geschichte gehe zudem einher mit den Hassverbrechen. 

Gedenken an den Kasseler  Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke

„Eigentlich hatte Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke heute bei uns sei wollen“, stellte Suchdienst-Direktorin Floriane Azoulay bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung über die Geschichte der Arolser Archive fest. Wenn sich tatsächlich bewahrheiten solle, dass der CDU-Politiker von einem Rechtsradikalen aus politischen Gründen getötet wurde, dann sei dies ein weiteres Argument dafür, die Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Diktatur wachzuhalten. 

Die in Arolsen bewahrten Dokumente seien der Beweis für den millionenfachen Mord an Juden und politisch missliebigen Menschen und für die millionenfache Ausbeutung von Zwangsarbeitern durch den Nationalsozialismus. Ähnlich äußerte sich der amtierende Vorsitzende im Internationalen Ausschuss für den Suchdienst, der Brite Lord Eric Pickles. 

Auch er habe die traurigen Nachrichten vom Mord am Kasseler Regierungspräsidenten verfolgt. Er selbst habe im Vorfeld des Brexit-Referendums eine gute Freundin, die Labour-Abgeordnete Jo Cox, durch einen feigen Attentäter verloren. Lübcke sei ein weiteres Beispiel dafür, welchen Risiken aufrechte Politiker heute ausgesetzt seien.

 Lord Eric Pickles unterstrich die Bedeutung der Arolser Archive: „Es gibt inzwischen eine ganze Industrie von Holocaust-Verleugnung. Da gibt es Leute, die behaupten, die Menschen in den Konzentrationslagern seien an Grippe gestorben.“ Gegen solche Geschichtsklitterung helfe nur das Bewahren und Veröffentlichen der Original-Dokumente, aus denen hervorgehe, was ganz normale Menschen an ganz normalen Menschen verbrochen hätten. Und all das nur, weil es eine Regierung angeordnet habe.

Mehr informationen auf der Homepage von Arolsen Archives: arolsen-archives.org

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