Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung zu Gast in Bad Arolsen

Aufrüttelnder Vortrag beim Neujahrsempfang des Bathildisheims: Mit Herz und Verstand für Europa

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Neujahrsempfang im Bathildisheim mit dem Juristen und Publizisten Prof. Dr. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Hier im Bild mit Bathildisheim-Vorstand Jens Wehmeier (links).

Bad Arolsen – Mit einem packenden Plädoyer für mehr Engagement der Bürger für ihre Demokratie hat der Jurist und Publizist Prof. Dr. Heribert Prantl beim Neujahrsempfang des Bathildisheims für die vielfältigen Vorzüge Europas geworben.

Damit setzte der viel gefragte Chefkommentator der Süddeutschen Zeitung zugleich ein Zeichen gegen den erstarkenden Rechtspopulismus, der demokratische Errungenschaften in vielen Ländern infrage stellt und damit an den Grundfesten der freiheitlichen Gesellschaft rüttelt.

Es sei, als hätten die Menschen vergessen, welch wunderbare Leistung der Aufbau eines vereinten Europas in Frieden und Demokratie nach den beiden verheerenden Weltkriegen doch gewesen sei. Europa sei mehr als die Summe seiner Fehler.

Gerade vor der im Mai anstehenden, richtungsweisenden Europawahl müsse allen Europäern deutlich vor Augen geführt werden, wie unmittelbar sie von offenen Grenzen, einer einheitlichen Währung und einem weitgehend harmonisierten Rechtssystem profitierten.

Was macht Heimat aus?

Stattdessen würden extremistische Populisten in vielen Ländern wieder die alten Nationalismen pflegen. Dabei sei es doch ein Gewinn für alle, gleichzeitig Patriot und Weltbürger sein zu können, gleichzeitig Deutscher, Däne, Franzose, Bayer oder Pole und auch Europäer.

Prantl sprach sich dafür aus, den in Deutschland lange vernachlässigten Heimatbegriff wieder positiv mit Leben zu füllen. Ein Gefühl von Heimat gebe Sicherheit und Halt. Zur Heimat gehöre aber auch eine Poststelle, ein Bäcker, ein Arzt und eine gute Kommunalpolitik.

Prantl: „Heimat kann nur empfinden, wer sich darin auch wohlfühlt.“ Dazu brauche es eine funktionierenden Sozialstaat, der die Ungerechtigkeiten des Lebens ausgleiche: „Niemand hat sich seine DNA erarbeitet.“ Der Sozialstaat sei ein Schicksalskorrektiv: „Wenn der Sozialstaat funktioniert, hat der politische Extremismus keine Chance.“ Das sei auch eine europäische Aufgabe. Insofern warb Prantl für ein starkes, heimatliches Europa, in dem sich die Bürger wohlfühlen. Demokratie und Sozialstaat gehörten zusammen.

Prantl: Die Europawahl im Mai ist so etwas wie das letzte Gefecht der Aufklärung. … Das bedeutendste Projekt der europäischen Geschichte steht auf der Kippe.

Den ersten Anstoß zu einem sehr aufwühlenden Diskurs gab Bathildisheim-Geschäftsführer Jens Wehmeier, als er fragte: „Erleben wir eine sterbende Demokratie? Eine Demokratie, die nicht durch Putsch oder Krieg endet, sondern durch Selbstauflösung?“ Populismus, Skandalisierung, Digitalisierung und Autokratisierung ließen den Beobachter erschaudern .

Das bestätigte auch der als Hauptredner geladene Heribert Prantl vor rund 200 Gästen des Neujahrsempfangs im Bathildisheim, als er Sartre zitierte: „Vielleicht gibt es bessere Zeiten, aber dies ist unsere Zeit.“

Was hilft gegen politischen Extremismus?

Er halte nichts davon, die aktuellen Entwicklungen als naturgesetzlich anzuerkennen. Zukunft werde jeden Moment neu geschrieben und deshalb könne sie auch jeden Moment von jedem mitgestaltet werden. Die Frage sei nicht, was auf die Gesellschaft zukomme, sondern wohin sie gehen wolle.

Prantl: „Ja, wir leben in einer Zeit der negativen Renaissance. Die Humanität ist wieder bedroht. Es gibt eine Lust an der diplomatischen Grobheit. … Die Bedrohung ist da, aber sie ist nicht ausweglos.“

Was jetzt gegen die politische Dummheit und die Extremisten helfe, sei eine Utopie. Es gebe die Sehnsucht nach einer Politik, die Hoffnung macht. Die klassische Politik biete da zu wenig große Ziele. Sie müsse an Kopf und Herz appellieren, nicht wie die populistischen Extremisten an die niederen Instinkte

Die musikalische Umrahmung des Neujahrsempfangs gestaltete ein Blechbläserensemble der Musikschule Bad Arolsen unter Leitung von Thomas Henze.

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