Verstrickungen der Finanzbürokratie in den Holocaust werden aufgearbeitet

Ausstellung „Legalisierter Raub“

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Familie Lichtenstein in unbeschwerten Zeiten vor Beginn ihrer Verfolgung.

Volkmarsen - Die Geschichte des Schneidermeisters Lichtenstein aus Volkmarsen ist Teil einer Ausstellung, die das Regionalmuseum Wolf-hagen zusammen mit dem Hessischen Rundfunk unter dem Titel „Legalisierter Raub“Anfang 2013 zeigt.

Meinhard Lichtenstein wurde am 5. Mai 1886 in Volkmarsen geboren. Gemeinsam mit seiner Frau Käthe und den drei Kindern Arthur, Ilse und Inge lebte er im Haus Obere Stadtmauer 33.

Die Beziehungen zwischen den Christen und den wenigen im Ort lebenden Juden waren, so erinnerte sich Ilse Lichtenstein, bis 1933 entspannt und freundlich.

Schleichende Entrechtung

Besonders zur Familie des in der Nachbarschaft lebenden Polizeihauptwachtmeisters Heinrich Claus und dessen Ehefrau Elisabeth hatten die Lichtensteins gute Beziehungen. Arthur besuchte bis 1933 das Gymnasium, Inge die jüdische Schule. Meinhard Lichtenstein war Schneidermeister. Seine Werkstatt wurde bereits 1933 von Nazis attackiert, die zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufriefen. 1937 floh der gerade 18-jährige Sohn Arthur in die USA, wo er später eine eigene Schneiderwerkstatt aufbaute.

Mit dem Pogrom im November 1938 verloren die Lichtensteins die Grundlagen ihrer materiellen Existenz: Wohnung und Werkstatt wurden in der „Kristallnacht“ verwüstet und ausgeplündert. Meinhard Lichtenstein wurde von Heinrich Claus, dem diese Handlung offenbar großes Unbehagen bereitete, verhaftet und mit den anderen jüdischen Männern der Region ins KZ Buchenwald verschleppt.

Einen Monat später kehrte er abgemagert und erschöpft, aber halbwegs gesund nach Volkmarsen zurück. Der Betrieb eines eigenen Handwerksgeschäfts war Juden nun untersagt. Zusätzlich mussten sie einen Teil ihres verbliebenen Vermögens als so genannte „Judenvermögensabgabe“ an den Reichsfiskus abtreten.

Eine ungewöhnliche Hilfe erhielt die Familie offenbar von ihrem Nachbarn: Polizeihauptwachtmeister Claus kaufte den Lichtensteins ein Gartengrundstück ab, überließ es ihnen aber weiterhin zur Hälfte zur Nutzung und unterstützte sie bis zuletzt mit Lebensmitteln.

Die Töchter Ilse und Inge flohen nach der Pogromnacht mit einem Kinder- und Jugendtransport in die Niederlande, wo sie in einem christlichen Kinderheim auf die Auswanderung in die USA warteten. Die Familie hoffte zu diesem Zeitpunkt noch auf eine gemeinsame Flucht, die Eltern warteten dringend auf die notwen-digen Ausreisepapiere.

Übereifriger Postbeamter

Im März 1940, als die Überfahrt von Ilse endlich bevorstand (wenige Wochen später marschierte die Wehrmacht in den Niederlanden ein), bat sie ihre Eltern um die Zusendung eines Schlafanzugs und zweier Kissenbezüge, die sie in ihrem Handarbeitskurs selbst genäht hatte. Ihr Vater schickte die Textilien in zwei Päckchen als „Muster ohne Wert“ sowie ohne den Absender anzugeben - wohl wissend, dass er damit gegen die Devisenvorschriften verstieß, die es Juden verboten, irgendetwas ohne Genehmigung und entsprechende Ab-gaben ins Ausland zu senden.

Das Postamt benachrichtigte die Devisenstelle, die sofort ein aufwändiges Ermittlungsverfahren gegen Meinhard Lichtenstein einleitete. Er wurde schließlich zu einer Strafe von 55 Reichsmark (RM) verurteilt, der Schlafanzug und die beiden Kissenbezüge wurden in Kassel öffentlich versteigert. Der Gewinn für die Reichskasse betrug 13,10 RM. Die letzten Postkarten, die Ilse von Rotterdam aus schrieb, wurden aus Ermittlungsgründen „zu den Akten“ genommen und kamen bei den Eltern nie an.

Als Ilse in die USA ausreiste, wurde ihre kleine Schwester von einer holländischen Familie in Obhut genommen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 brachte die holländische Pflegemutter - in gutem Glauben, das Richtige zu tun - das Kind per Bahn zurück zu den Eltern nach Volkmarsen. Von dort wurden Käthe und Meinhard Lichtenstein gemeinsam mit Inge Ende Mai 1942 von der Gestapo nach Kassel verschleppt und Anfang Juni ins Vernichtungslager Sobibor deportiert. Sie wurden vermutlich alle drei dort direkt nach ihrer Ankunft ermordet.

Zur Aufbewahrung gegeben

Der Großteil des verbliebenen Hausrats und der Werkstattausrüstung wurde durch die Finanzbehörde eingezogen und verkauft. Lichtensteins hatten jedoch vor ihrer Deportation einige Dinge, die ihnen besonders wichtig erschienen, wie z. B. Koffer mit Textilien, Bücher und Porzellan, bei befreundeten Nachbarfamilien untergestellt. Diese Familien betrachteten den zur Aufbewahrung übergebenen Hausrat nicht - wie so viele andere - als ihr Eigentum, sondern bewahrten ihn auf, bis in den 1980er Jahren erstmals die Tochter Ilse zu Besuch nach Volkmarsen kam.

Geschichten wie die der Familie Lichtenstein erzählt die Ausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 - 1945“, die vom 17. Januar bis 7. April 2013 auf Einladung des Regionalmuseums Wolfhager Land zu sehen sein wird.

Erinnerungsstücke gesucht

Für die Präsentation wird die Ausstellung des Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks mit einem neuen, regionalen Schwerpunkt versehen. Die Ausstellungsmacher rufen die Bevölkerung auf, sich an dessen Gestaltung zu beteiligen und fragen ganz konkret:

Sind in Ihrer Familie Gegenstände überliefert, die jüdische Familien vor der Auswande-rung oder Deportation ihren Nachbarn zur Aufbewahrung übergeben haben?

Besitzen Sie Briefe, Fotogra-fien oder andere Zeugnisse, die von ehemaligen jüdischen Nachbarn erzählen? Wurden in Ihrer Familie Gegenstände vererbt, die auf öffentlichen Versteigerungen so genannten „nicht arischen Besitzes“ erworben wurden?

Hinweise nimmt das Regionalmuseum Wolfhager Land, Tel. 05692-992431, E-Mail: info@regionalmuseum-wolfhager-land.de entgegen oder Dekan Dr. Gernot Gerlach, Tel. 05692/996630, E-Mail: dekanat.wolfhagen@ekkw.de; ebenso der Arbeitskreis Rückblende - Gegen das Vergessen mit dem Vorsitzenden Ernst Klein, E-Mail: ErnstWKlein@web.de oder Telefon 05693 / 9914990. (r)

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