Bauzeit für jüdisches Ritualbad erforscht

Bauhistorisch bedeutender Fund

Volkmarsen - Es war eine kleine Sensation, als das jüdische Ritualbad in Volkmarsen gefunden wurde. Der Entstehungszeitraum konnte nun auf das 16. Jahrhundert eingegrenzt werden.

Eine Dokumentation des Institutes für Bauforschung (IBF) in Marburg erläuterte Mittwochnachmittag dessen Leiter Elmar Altwasser in Gegenwart von Vertretern des Landesamtes für Denkmalpflege, des Vereins Rückblende, der Stadt und der gegenwärtigen Eigentümerin des vermutlich bis in das zwölfte oder 13. Jahrhundert zurückdatierende Haus am Steinweg. Untersuchungen des wesentlich älteren umliegenden Kellerbereiches und der gefundenen Holzstücke im so genannten Mikwe-Bad ergaben, dass das denkmalgeschützte Bauwerk in mehreren Bauphasen errichtet und immer wieder verändert wurde. So gibt es einen relativ brandsicheren Steinhaus-Teil und den Fachwerkbereich. Das Haus ist nach Auskunft von Manfred Flore, ehemaliger Bürgermeister und Aktiver des Vereins Rückblende, als erstes Privathaus im Rahmen der Stadtsanierung mit großem Aufwand und nach der Maßgabe der Denkmalpflege renoviert worden. Nun, da die gegenwärtige Eigentümerin das Bauwerk verkaufen will, fanden sich ehrenamtliche Geschichtsforscher, die mit Erlaubnis der Hausbesitzerin gezielt im Keller nach dem Ritualbad suchten und mit Hilfe eines Wünschelrutengängers fündig wurden. Das über eine Treppe erreichbare, drei Meter tiefe Schachtbad war im vorvorigen Jahrhundert verfüllt und in der damals neuen Synagoge ein neues Bad eingerichtet worden, das unter Gesundheitsaspekten als Reformbad mit erwärmten Wasser befüllt wurde. Das Mikwe-Bad ist eines der bedeutendsten sakralen Gebäudeteile in Nordhessen und das zweitälteste jüdische Ritualbad in Hessen, wie Altwasser betonte. In Hessen gibt es außerdem in Trendelburg und in Rotenburg an der Fulda weitere Ritualbäder – neben dem großen Mikwe-Becken in Friedberg. In Volkmarsen wurde ein „noch mittelalterliches“ Becken gefunden, das die Aktiven der Rückblende in wochenlanger, mühevoller wie akribischer Arbeit mit Hilfe von Löffeln und Bürsten freilegten. Die im Schlamm gefundenen Holzteile erwiesen sich nach Einschätzung des Architekturhistorikers als Reste der Verkleidung. Die Heimatforscher landeten mit der Freilegung einen Coup, denn sie konnten dem Landesamt für Denkmalpflege ein freigelegtes und in seiner baulichen Struktur gut erhaltenes Ritualbad präsentieren. „Es ist ein Juwel, das der Verein Rückblende in seine Stadtrundgänge einbeziehen kann“, freute sich Bürgermeister Hartmut Linnekugel. Nun hoffen die Vereinsmitglieder, dass auch nach dem Verkauf des privaten Hauses das Mikwe-Bad weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt.Der Idee von Ernst Klein, den Schacht mit einer begehbaren Glasplatte abzudecken und damit auch das Becken problemlos präsentieren zu können, fand bei Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab Zustimmung.

Das aus Grundwasser gespeiste Mikwe-Bad war zur rituellen Reinigung speziell von Frauen nach der Menstruation oder der Geburt und für Männer nach bestimmten Arbeiten, wie etwas der Waschung von Toten, genutzt worden. (ah)

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