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Begegnung mit Jeff Koons in Bad Arolsen: James Bond und der begossene Pudel

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Jeff Koons’ Puppy vor dem Arolser Schloss ist in doppelter Hinsicht ein beliebtes Fotomotiv. Hier in der Ausstellung im Schloss. 

Bad Arolsen. Ansichten von Arolse(r)n lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Residenzschloss. Ein ganzes Zimmer ist dabei dem Blumenhund Puppy gewidmet, der 1992 vom Pop-Art-Künstler Jeff Koons auf dem Schlosshof präsentiert wurde. Für unseren Autor war dies damals der erste hautnahe Kontakt mit moderner Kunst.

Was ist Kunst? - Wann wird Kunst zu Kitsch und Kitsch zu Kunst? Und was verbindet einen Künstler mit einer Pornodarstellerin? - Mit solchen Fragen sah sich im Frühjahr 1992 ein junger Lokalreporter konfrontiert, der längst erkannt hat, vom Kunstgeschäft keine Ahnung zu haben.

Ach, hätte ich damals nur um ein Autogramm gebeten“, schoss es mir durch den Kopf, als ich Ende Mai die Nachricht las, dass im Auktionshaus Christie’s die Kitsch-Skulptur „Rabbit“ - ein glänzender Kitsch-Hase - von Jeff Koons für 91 Millionen Dollar versteigert wurde. „Was wäre wohl ein Selfie mit Jeff, Ilona und mir heute bei ebay wert, wenn es von Koons im Mai 1992 handsigniert worden wäre?“

WLZ-Redakteur Elmar Schulten  (links) 1992 auf dem Arolser Schlosshof im Gespräch mit Künstler Jeff Koons.  

Alles müßig, darüber nachzudenken: im Frühjahr 1992 war mir, dem jungen Lokalreporter in Arolsen dieser Jeff Koons aus New York völlig unbekannt und sogar ein wenig suspekt. Von seiner Ehefrau hatte ich schon gehört: Ilona Staller hatte sich als „Cicciolina“ in Pornofilmen einen Namen gemacht.

Warum kamen Jeff Koons und Ilona Staller nach Arolsen?

Ende der 80er Jahre war die ungarisch-italienische Skandalnudel mit ihren öffentlich präsentierten XXL-Brüsten in die Politik gegangen und für die bis dahin unbekannte Partei Partito Radicale ins römische Parlament gewählt worden.

Und dann standen plötzlich beide Hauptdarsteller aus einer surrealen Glitzerwelt mitten in Arolsen auf dem Schlosshof und erklärten mir ihren überdimensionalen Blumenhund mit seinen 20.000 blühenden Blümchen. – Ach, wie kitschig.

Den Blumenhund „Puppy“ hätte Koons damals am liebsten bei der documenta IX präsentiert, aber Kassel wollte ihn nicht. Also griff Udo Reuter vom frisch gegründeten Arolser Museumsverein zu. Zusammen mit anderen Künstlern, für die in Kassel kein Platz war, organisierten Reuter, Museumsleiterin Dr. Birgit Kümmel und ihr Team eine viel beachtete Ausstellung „made for Arolsen“.

Begossener Pudel: Der Blumenhund Puppy wurde 1992 vor dem Residenzschloss Bad Arolsen regelmäßig von der Arolser Feuerwehr gegossen. 

Und mittendrin Koons mit dem zwölf Meter hohen Hündchen, das von einer mächtigen, innenliegenden Stahlkonstruktion gehalten wurde. Auf den Stahlträgern waren Holztafeln montiert. Darauf Halterungen für das Wurzelwerk der Blumen.

Das war vielleicht hübsch anzusehen, aber war das auch Kunst? Koons verriet später, dass er das Schloss als angemessene Hundehütte für seinen Puppy gesehen habe.

Wo bleibt nur Jeff Koons?

Bei allen Vorbehalten gegen diesen Kitsch: Als Lokalreporter musste ich mit dem Künstler ins Gespräch kommen. Wir hatten uns locker für den nächsten Tag verabredet, doch der Künstler schlief. Er war auch gegen 10 Uhr noch nicht an der Rezeption des damaligen Dorint-Schlosshotels (heute: Schön-Klinik an der Großen Allee) gesehen worden. So beschloss ich, an seiner Tür zu klopfen und an unseren Gesprächstermin zu erinnern.

Die Tür wurde geöffnet ... und da stand ... die hochschwangere Cicciolina ... im Hotelbademantel. – Wie gut, dass ich vom italienischen Patenonkel auch ein wenig italienisch gelernt habe. - Für die Speisekarte reicht’s ... und für die Dialoge in Pornofilmen auch.

Ja, der Interviewtermin stehe noch, aber man habe noch nicht gefrühstückt, gab Cicciolina zu bedenken. Ob denn der Reporter nicht das Frühstück ans Bett bringen könne. - Na klar. Für ein gutes Interview muss man doch persönliche Opfer bringen.

Wie macht sich der Lokalreporter beim Zimmerservice?

Also wieder runter ans Frühstücksbüffet. Ein paar Brötchen, etwas Marmelade und Aufschnitt. Und die hart gekochten Eier nicht vergessen. Dann wieder schnell zurück nach oben. Klopf, klopf ... Zimmerservice!

Und tatsächlich: Eine halbe Stunde später kam zuerst Ilona Staller ins Foyer und bald darauf auch Jeff Koons. Es war ein nettes Gespräch über die Kunst und Gott und die Welt. Ja, tatsächlich: Dem Künstler Koons war das „Heilige Herz Jesu“ sehr wichtig. Ein Motiv, das viele Renaissance-Künstler in Italien in ungezählten Darstellungen festgehalten haben.

So ein sakrosanktes Thema beschäftigte also den Kitsch-Künstler Koons, der kurz zuvor mit seinen äußerst expliziten Sex-Darstellungen von sich und seiner Cicciolina Schlagzeilen gemacht hatte. Schlägt nicht etwa auch hinter diesen Porzellan-Brüsten ein heiliges Herz?

Jeff Koons und Ilona Staller alias Cicciolina turteln 1992 im Kurpark von Arolsen. Foto:

Bevor das Interview weiter an künstlerischem Niveau zu verlieren drohte, wechselte ich das Thema: „Können wir noch ein paar Fotos schießen, draußen im Kurpark?“ - „Klar. Kein Problem.“ Koons und seine Ciccionlina waren wirklich sehr freundlich und unkompliziert. Sie posierten wie die verliebten Turteltäubchen. Bald nach dem Auftritt in Arolsen wurde in München ihr Sohn Maximilian geboren. Die Ehe zerbrach. Es entbrannte ein öffentlicher Rosenkrieg.

Wie  kommt James Bond zum Arolser Schlosshündchen?

Puppy wurde verkauft, ging nach Australien und sonst wohin. Ich verlor ihn aus den Augen. Bis zum nächsten James Bond. Im Vorspann von „The World is not enough - Die Welt ist nicht genug“ tauchte für mich völlig unerwartet der blühende Blumenhund wieder auf: Vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao. Da steht er noch heute. und verzaubert durch seine kitschige Schönheit.

Koons gilt heute als der am teuersten gehandelte, lebende Künstler. Ach, hätte ich mir damals nur eines der Schwarzweiß-Fotos von ihm und Cicciolina im Garten vor dem Arolser Dorint-Hotel signieren lassen! - Heute wäre ein Selfie Pflicht. - Damals, 1992, noch völlig unbekannt.

Wann und wo ist die Ausstellung zu sehen?

Der Puppy im Schlosshof ist noch bis zum 7. Juli in der Ausstellung „Ansichten von Arolse(r)n“ im Residenzschloss zu sehen. Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es auf der Homepage des Museums Bad Arolsen.

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