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Beim Bad Arolser Schlossgespräch kamen Frauen aus der Ukraine zu Wort

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Von: Elmar Schulten

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Schlossgespräch zum Thema Ukraine-Krieg: Von links Bürgermeister Marko Lambion, Buchautor Wolfgang Büscher, Marianna Marinets, Medienwissenschaftler Thomas Henke, Larissa Zwornek, Kriegsreporter Ibrahim Naber und der katholische Pfarrer Peter Heuel.
Schlossgespräch zum Thema Ukraine-Krieg: Von links Bürgermeister Marko Lambion, Buchautor Wolfgang Büscher, Marianna Marinets, Medienwissenschaftler Thomas Henke, Larissa Zwornek, Kriegsreporter Ibrahim Naber und der katholische Pfarrer Peter Heuel. © Elmar Schulten

Sie hatten Mühe, ihre Tränen zu verbergen, als sie ihre Erlebnisse bei nächtlichen Bombenangriffen und der Flucht aus ihrer geliebten Heimat schilderten: Mehrere geflüchtete Frauen aus der Ukraine kamen am Dienstagabend beim Schlossgespräch zu Wort.

Und während die rund 100 Zuhörer im Steinernen Saal auf die Übersetzung der Leidensgeschichten aus dem Ukrainischen warten, konnten alle hören, dass die Worte für Bombe und Rakete in beiden Sprachen, Deutsch und Ukrainisch, gleich klingen.

Auch die Wirkung von Bomben und Raketen ist für alle Menschen gleich: Sie bringen Terror und Zerstörung. Und der Lärm und die Detonationen eines Bombenangriffs klingen noch lange nach. Sie machen schreckhaft, auch wenn man längst wieder in einem sicheren Land im Bett liegt. So schilderte Larissa Zwornek, dass vor allem ihr kleiner Sohn immer noch ängstlich aufwache, wenn er ein Geräusch von einer Mülltonne oder einem Flugzeug höre.

Mit Schutzweste und Helm ganz nah an der Front

Ähnlich erging es auch Ibrahim Naber, nachdem er von einer Reportagereise an die Front im Südosten der Ukraine nach Deutschland zurückkehrte. Der 30-jährige Naber ist Chefreporter der Tageszeitung „Die Welt“.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fuhr er zunächst an die polnisch-ukrainische Grenze, um über die Flüchtlingsströme zu berichten. Nach einer Woche fuhr er selber mit Schutzweste, Helm und GPS-Gerät ausgestattet in die Ukraine. Zuerst fuhr er nach Lwiw (Lemberg), später nach Odessa und bis in die Frontregionen im Südosten des Landes. Naber sah die menschenleeren und zerstörten Geisterstädte rund um das belagerte Mariupol.

Es wird ein langer Abnutzungskrieg

In Gespräch mit den wenigen Menschen, die dort ausharrten, habe er trotz der schwierigen Lage viel Optimismus und Durchhaltewillen erlebt. Die ukrainischen Soldaten an den Straßensperren hätten ihn zunächst kritisch überprüft, dann an die Front mitgenommen, denn ihnen sei wichtig, dass die Welt erfahre, was in ihrem Land geschehe.

Er könne sich nicht vorstellen, dass es in der Ukraine eine Mehrheit dafür gebe, einen schnelles Kriegsende mit Geländeabtretungen zu erkaufen. Er glaube er, dass dieser Krieg zu einem langen Abnutzungskrieg werde.

Angst vor marodierenden russischen Soldaten

Die Übersetzung der detailreichen Leidensgeschichten übernahm Marianna Marinets. Die Lehrerin ist vor rund 20 Jahren nach Bad Arolsen gekommen und unterrichtet an der Kaulbachschule. Nach dem russischen Überfall auf ihre Heimat habe sie überlegt, wie sie ihren Landsleuten helfen könne. So habe sie begonnen, ein Netzwerk von Helfern zu bilden, und Hilfstransporte in die Ukraine organisiert. Gemeinsam habe man Busse mit Hilfsgütern von Arolsen an die ukrainische Grenze zu bringen. Auf dem Rückweg habe man geflüchtete Frauen und Kinder mitgenommen.

Zwei von ihnen meldeten sich am Dienstagabend im Steinernen Saal zu Wort und erzählten von ihrer Flucht. Eine hatte sogar die Töchter eine Freundin mitgenommen, um sicherzustellen, dass diese nicht in die Hände marodierender russischer Soldaten gerieten.

Putin will den alten Machtblock wiederherstellen

Immer wieder dankten die ukrainischen Frauen den vielen Helfern für ihre aufopfernde Hilfe. Die Aufnahme in Deutschland sei warmherzig und gut. Das wolle man niemals vergessen.

Buchautor und Journalist Wolfgang Büscher, der vor Jahren von Berlin nach Moskau gewandert ist, versuchte, die Geschehnisse politisch einzuordnen: „Putin und seine Freunde wollen die Selbstauflösung des Machtblocks Sowjetunion wieder rückgängig machen. Sie wollen ihr altes Imperium wieder haben.“

Alles schien so selbstverständlich

So wie das alte Zarenreich viele Völker unterworfen habe, habe auch die alte Sowjetunion funktioniert. Büscher: Russland findet einfach nicht heraus aus dem alten imperialen Denken.“

Der katholische Pfarrer Peter Heuel, der zusammen mit Bürgermeister Marko Lambion und Medienwissenschaftler Thomas Henke zu den Veranstaltern der Schlossgespräche zählt, stellte zu Beginn der Veranstaltung fest: „Es schien alles so selbstverständlich. Wir hatten 77 Jahre Frieden. Und plötzlich ist alles anders“

Jetzt nur nicht abstumpfen!

Noch könne man feststellen, dass die Solidarität mit den bedrängten Ukrainern groß und die Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge groß sei. Nun aber komme es darauf an, dass die Gesellschaft nicht abstumpfe.

Tatsächlich sei das große Leid des Krieges für Außenstehende nur schwer zu erfassen, so Bürgermeister Lambion. Deshalb sei es wichtig, Augenzeugen zu hören. Moderator Thomas Henke bezeichnete das Schlossgespräch als einen Versuch, Betroffenheit herzustellen. (Elmar Schulten)

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