Zwischenbilanz einer Studie über das Trainingscamp von Kannenberg

Besserung trotz Rückfällen

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Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ließ sich bei einem Besuch vor drei Jahren von Lothar Kannenberg über die Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen im Trainingscamp bei Rhoden informieren. Archivfoto: Armin Haß

Diemelstadt - Rhoden - Eine Rückfallquote von knapp 60 Prozent der Jugendlichen weist eine Studie der Uni Kassel über das Trainingscamp in Rhoden aus.

In den nüchternen Daten steckt Diskussionsstoff. „Die Klienten des Trainingscamps sind in ihrer ganzen Breite - zugespitzt formuliert - der Extremfall des ,Sonderfalls‘ Erziehungshilfe“, heißt es allerdings in dem der WLZ vorliegenden Zwischenbericht. Und in der differenzierenden Betrachtung der Zahlen wird auch deutlich, dass die Anzahl und die Schwere der Delikte bei den Rückfallern zurückgeht.

Die Evaluation ist für die weitere Entwicklung des Trainingscamps von Bedeutung. Schließlich wird angestrebt, in der Region eine Nachfolgeeinrichtung für Absolventen des Camps zu schaffen. Interessiert ist bereits das in der Jugendhilfe tätige Waldecksche Diakonissenhaus in Bad Arolsen (wir berichteten).

Von Anfang an begleiten Sozialwissenschaftler der Uni Kassel das Trainingscamp von Lothar Kannenberg in Rhoden. Dort bemühen sich unter anderem Respektrainer um eine Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher aus dem In- und Ausland.

309 Fallakten

Die Sozialwissenschaftler haben 309 Fallakten aus der Zeit von 2004 bis 2009 untersucht, 100 Interviews mit Jugendlichen geführt und Tagesberichte der Jugendlichen ausgewertet. Zudem wurden Diskussionen mit Trainern geführt und verfolgten die Mitarbeiter an der Studie die Arbeit im Trainingscamp, wo der Sport eine herausragende Rolle spielt, die Jugendlichen lernen, ihren Tag zu strukturieren, und sie pädagogisch betreut werden.

Ein Ausweg

Das Resümee der Studie: „Das Trainingscamp hat es überproportional häufig mit delinquenten, bildungsbenachteiligten Jugendlichen aus brüchigen Familienverhältnissen zu tun, deren Entwicklungsverläufe durch die Jugendhilfe bislang nicht nachhaltig positiv beeinflusst werden konnten, sprich: mit besonders herausfordernden Menschen. Das ,Trainingscamp Lothar Kannenberg‘ nimmt sich dieser Jugendlichen an und dient für einen Teil von ihnen als eine Art ,Weiche‘ für den Ausweg aus bis dato eingeschlagenen bzw. festgefahrenen Lebenswegen.“

In den Blickpunkt der Studie rücken 227 Klienten des Trainingscamps aus den Jahren 2005 bis 2008, von denen das Gros zwischen 15 und 17 Jahren alt ist. 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die familiären Verhältnisse sind „instabil“, Gewalt gegen die Kinder üblich und wurde später von den Jugendlichen als selbstverständliche Umgangsform angenommen. 67 Prozent der befragten Jugendlichen berichteten, dass sie nicht in intakten Familienverhältnissen lebten. Die Schule haben viele häufig gewechselt und als „Bühne für erste delinquente Erfahrungen“ erlebt.

Die meisten haben eine Förder- oder eine Hauptschule besucht, gerade 1,3 Prozent besuchten das Gymnasium.

Die kriminelle Vorgeschichte reicht von Diebstahl über Raub bis hin zu schwerer Körperverletzung. Das Bundeszentral- und Erziehungsregister (BZR) weist für die meisten Jugendlichen zwei bis sechs Einträge aus einem Zeitraum von fünf Jahren aus. Etwa 30 Prozent haben vor dem Trainingscamp eine Jugendstrafe mit Bewährung bekommen. Bei 6,4 Prozent wurde die Bewährung versagt.

Interessant für die Bewertung der Arbeit in Rhoden sind diese Zahlen: Von 95 Absolventen haben vor dem Camp 32,6 Prozent ein schweres Eigentumsdelikt begangen, danach waren es 13,7 Prozent. Unter den 72 Abbrechern sah die Delinquenz vor dem Eintritt ins Trainingslager ähnlich aus, jedoch nach dem vorzeitigen Verlassen der Einrichtung verübten über 26 Prozent wieder ein schweres Eigentumsdelikt.

Von den 95 Absolventen hatten 33,7 Prozent vor dem Camp ein schweres Gewaltdelikt verübt, danach fielen 5,3 Prozent wieder mit einem solchen Delikt auf. Bei den Abbrechern hatten knapp 14 Prozent ein schweres Gewaltdelikt verübt vor der Erziehungsmaßnahme, danach waren es knapp zehn Prozent.

Deutlich höher sind die Rückfallquoten in Bezug auf alle Taten - unabhängig von Art und Schwere - nach dem Camp: Diese werden mit 59,1 Prozent bei den Absolventen und 75,4 Prozent bei den Abbrechern beziffert.

Vergleiche

Die Sozialwissenschaftler betrachten im Vergleich die Rückfallquote mit anderen Interventionen: Jugendarrest (70 Prozent), Jugendstrafe mit Bewährung (59,6 Prozent), Jugendstrafe ohne Bewährung (78 Prozent), Projekt Chance (2008, 48 Prozent), Jule-Studie (1998, 25,4 Prozent), Wohlfahrtsverband Baden (2000, 52,2 Prozent). (ah)

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