Ein britischer Kinofilm hat 1954 die Arbeit des IRO-Kindersuchdienstes thematisert

Blick in die Akten des Arolser Kindersuchdienstes: Getrennt und wiedervereint

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Der Historiker Dr. Christian Höschler ist stellvertretender Abteilungsleiter bei Arolsen Archives, zuständig für Forschung und Bildungsprojekte.

Ein britischer Kinofilm hat 1954 die Arbeit des IRO-Kindersuchdienstes thematisert. IRO war der Vorgänger des Internationalen Suchdienstes, heute Arolsen Archives.

Der 1941 geborene Slowene Ivan Pirecnik wurde 1952 durch den Kindersuchdienst der International Refugee Organisation (IRO), dem Vorläufer des Internationalen Suchdienstes (ITS) bei einer Familie in Volmarshausen bei Hann. Münden gefunden und nach einem Gerichtsverfahren wieder in die Obhut seiner leiblichen Mutter gegeben.

Seine Geschichte ist im Besucherzentrum von Arolsen Archives in der Schlossstraße exemplarisch dokumentiert. 1954 erschien dazu der britische Kinofilm The Divided Hearts.

Zu den vielen Verbrechen, die in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in deutschem Namen begangen wurden, gehört auch die Entführung vieler Tausend Minderjähriger.

Vor allem Kinder in den besetzten Ostgebieten wurden ihren Familien entrissen, wenn sie blond und blauäugig waren und auch sonst den Vorstellungen entsprachen, die die Nationalsozialisten mit einem arischen Erscheinungsbild verbanden.

Die wahre Identität verschleiert

Der Historiker Dr. Christian Höschler, beim Suchdienst zuständig für Forschung und Bildungsprojekte, sprach bei einer Veranstaltung im Rahmen der Dauerausstellung „Ein Denkmal aus Papier“ über die Hintergründe des Kindersuchdienstes, der über viele Jahre hinweg eine eigene Abteilung im Internationalen Suchdienst darstellte. Hier wurden Kinder gesucht, die ihren Familien entrissen und nach einer Phase der Umerziehung und Germanisierung in Lebensborn-Heimen zur Adoption durch linientreue Paare freigegeben wurden.

Diesen Kindern war die Benutzung ihrer Muttersprache verboten. Sie bekamen einen neuen Namen und eine neue Identität. So wurde ihre wahre Identität verschleiert, was den Mitarbeitern der Internationalen Flüchtlings-Organisation der Vereinten Nationen (IRO) und dem Kindersuchdienst beim Internationalen Suchdienst die Arbeit besonders schwer machte.

Ein US-Gericht in Frankfurt musste 1952 über den schwierigen Fall entscheiden: Das Foto zeigt den zehnjährigen Ivan Pirecnik mit seiner leiblichen Mutter Paula Pirecnik und einem IRO-Mitarbeiter vor d em Gerichtsgebäude. Das Foto ist Teil der Ausstellung „Ein Denkmal aus Papier“ von Arolsen Archives in der Arolser Schlossstraße.

Deshalb ist es heute auch so schwierig, genaue Zahlen über den Umfang der Verbrechen zu nennen. Vielen Betroffenen ist ihre wahre Herkunft bis heute unbekannt.

Umso erstaunlicher, dass der britische Kinofilm The Divided Heart das Thema schon 1954 aufgriff und in prominenter Besetzung sehr einfühlsam darstellte. Der Film zeigt, basierend auf den IRO-Fakten, aber dramaturgisch zugespitzt, sehr einfühlsam dargestellt, dass die Trennung und Wiederzusammenführung der Familien viele Schmerzen für alle Beteiligten bedeutete, denn auch die aufnehmenden Adoptivfamilien wussten meist nicht, unter welchen Umständen ihr Kind zur Adoption freigegeben worden war. 

Schlimmes Schicksal

Über viele Jahre suchte die Mutter von Ivan Pirecnik ihren Sohn, den ihr die Deutschen 1942 gewaltsam entrissen hatten. Er stammte aus dem jugoslawischen Sostanj im heutigen Slowenien. Als die Deutschen und ihre Verbündeten das Gebiet 1941 besetzten, erschossen sie Ivans Vater, weil er im Widerstand war. Ivan gaben sie ohne Wissen seiner Mutter zur Adoption frei. 

Der zehnjährige Slowene Ivan Pirecnik 1952.

So kam er im Juli 1943 unter dem Namen Dieter zu einer Adoptivfamilie bei Hann. Münden. Der Film beschreibt, wie ein amerikanisches Besatzungsgericht auf der Suche nach Gerechtigkeit und dem Kindeswohl bemüht ist, ein im wahrsten Sinne des Wortes salomonisches Urteil zu sprechen. Schließlich ist ein Kind niemandes Eigentum. 

Gericht entscheid in zwei Instanzen

Was wiegt also schwerer, die Liebe der leiblichen Mutter oder die der Adoptivmutter? - In wieweit muss der Wunsch des Kindes respektiert werden, nicht aus seinem gewohnten Umfeld gerissen zu werden. Im Film wie in der Wirklichkeit - erst in zweiter Instanz - entschied das Gericht dafür, den Jungen, der in einer deutschen Familie aufgewachsen war und nur deutsch sprach, seiner slowenischen Mutter zurückzugeben. 

In Jugoslawien beendete er die Schule und arbeitete in einem Kraftwerk. Es dauerte bis in die 80er-Jahre, bis er wieder Kontakt mit seinen Adoptiveltern bei Hann. Münden aufnahm. Ivan Pirecnik starb 1995.

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