Dorothee Schmitz-Köster schreibt in "Raubkind" über Verschleppung von Kindern durch SS

Blick in eigene Kindheit löst Schrecken aus

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Erschreckende Einblicke: Dorothee Schmitz-Köster liest beim Internationalen Suchdienst aus ihrem neuen Buch "Raubkind".

Bad Arolsen. Über ein nach wie vor wenig erforschtes Kapitel der Nazizeit hat die Autorin Dorothee Schmitz-Köster ein Buch veröffentlicht: In „Raubkind“ geht es um das Verschleppen von Kindern aus Polen, beispielhaft an Klaus B. dargestellt.

Die Journalistin betrat selbst kein Neuland mit dem Thema. Doch in der gut besuchten Lesung im Gebäude des Internationalen Suchdienstes am Dienstagabend wurde deutlich, wie schwierig es ist, Fakten zu einzelnen Schicksalen zu finden und wie belastend die Suche nach der eigenen Identität für die inzwischen weit über 70-Jährigen ist.

Grausame Verschleppungen

Klaus B. wurde 1938 als Ceslaw B. in Rogozno geboren und 1943 von SS-Männern unter den Augen seines verzweifelten Großvaters geraubt, der ihn zu verstecken versuchte.

Hintergrund diese viele Tausend Male in Polen und anderen von Deutschland besetzten Ländern geübte grausame Praxis war die berüchtigte Anordnung 67/1 von SS-Führer Heinrich Himmler. Danach sollten als rassisch wertvoll eingeschätzte Kinder gezielt verschleppt werden, um sie zur Sicherung der „arischen Rasse“ zu verwenden. Diese euphemistisch „Schleusungen“ genannten gewaltsamen Entführungen waren Ausdruck des Rassenwahns.

Das wurde Kindern angetan

Kindern wie Ceslaw wurde ihr Aussehen zum Verhängnis: Blond und blauäugig mussten sie sein. Die Jungen und Mädchen kamen in Heime, in denen sie ihrer familiären und kulturellen Identität beraubt wurden. Die Lebensborn-Häuser, Pflegeheime und -familien spielen in diesem verbrecherischen Treiben eine gewichtige Rolle.

Die Journalistin Schmitz-Köster spricht von einer „gewaltsamen Germanisierung“, bei der die Kinder ihrer Sprache beraubt wurden sich qualvollen „Musterungen“ unterziehen mussten. So wurde aus Ceslaw Klaus B.. Im Heim wurde ihm quasi der Lebenslauf diktiert: Sohn eines im Krieg umgekommenen Soldaten aus Dresden. Nun Pflegekind.

Woran erinnert er sich?

Er wuchs in der Familie von Johannes und Eva Schäfer auf, beide fanatische Nazis. Der SS-Brigadeführer hatte als Polizeichef von Lódz, nach der Besetzung Polens in Litzmannstadt umbenannt, das dortige Ghetto zur Vorbereitung der Deportation der Juden eingerichtet.

Schäfer kam selbst zum Einsatz an der Front und seine Familie tauchte nach dem Krieg in Niedersachsen unter. Klaus B. wurde Tischler, führte nach eigener Einschätzung ein ordentliches Leben, doch etwas stimmte nicht. Er wird das Bild von schwarz gekleideten Männern nicht los, die ihn, auf einem Tisch stehend, umringen.

Das war der Anfang

1999 stößt Dorothee Schmitz-Köster über die Biographie der Schäfer-Tochter Ingeborg „Mutter mochte Himmler nie“ zum ersten Mal auf das Pflegekind Klaus B.. Doch erst 2013 kommt sie in Kontakt mit dem damaligen Mittsiebziger, der sich an die Kindheit bei den leiblichen Eltern nicht mehr erinnern kann. Sie bekommt Klaus B. dazu, in die Suche nach seinen Wurzeln einzusteigen, sichtet Dokumente beim Suchdienst, nimmt Kontakt zum polnischen Roten Kreuz auf. Ein kompliziertes Puzzlespiel beginnt, bei dem der ITS immer wieder eine Schlüsselrolle einnimmt.

Als Dorothee Schmitz-Köster im Rahmen ihrer Recherchen Klaus B. die beim Internationalen Suchdienst archivierte Suchakte seiner polnischen Familie vorlegt, ist er schockiert. „Von einem Moment auf den anderen ist er Pole geworden“, sagt Schmitz-Köster. Dabei hat er die Sprache verlernt und gerade ein Zehntel seines Lebens als Pole gelebt. 

Das löst Entsetzen aus

Er konstatierte später entsetzt: „Eine einzige Lüge, die haben mein Leben manipuliert.“ Auch wenn die Geschwister seiner Ehefrau zunächst nicht wissen sollen, dass er Pole ist, nimmt er diese wieder gewonnene Identität an. Bis Klaus B. seinen Frieden mit dieser Entdeckung machen kann, erleben er und die Autorin herzzerreißende Momente.

 Es kommt endlich zu brieflichen Kontakten mit den (Halb)geschwistern in Polen. Diese berichten, dass seine Mutter den Raub des Sohnes nie verwunden habe.. Der herzkranke Klaus B. kollabiert nach diesen Schilderungen, muss auf die Intensivstation. Schmitz-Köster besucht die Angehörigen in Polen, Klaus B. traut sich nicht dorthin. 

Das erfährt sie noch

Durch die Recherchen öffnen  sich weitere Türen. Die Autorin erfährt, dass noch mehr Kinder aus Rogozno gewaltsam verschleppt wurden. Fast alle kehrten zurück. Ein Mädchen wollte bei den deutschen Pflegeeltern bleiben, ihre leibliche Mutter wusste immerhin von ihrem Verbleib. Anders bei Ceslaw, nun Klaus B.. Die Kinder werden zu Kriegsverbrecherprozessen als Zeugen geladen. Klaus B. reagiere mit gemischten Gefühlen auf die Ergebnisse der Recherchen, berichtet die Autorin. Er freue sich jedoch über die Familie in Polen - auch wenn er er es nicht über sich bringe, dorthin zu reisen.

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