Landgericht Kassel verhandelt über Großbrände von Twiste

Brandstifter von Twiste hat schon eine Erzieherin lebensgefährlich verletzt

Der erste von zwei Großbränden in Twiste in der Nacht zum 11. März. Fotos: Elmar Schulten

Twistetal-Twiste - Was bewegt einen 19-Jährigen dazu, innerhalb von zwei Wochen drei Häuser in seiner Twister Nachbarschaft anzuzünden? Mit dieser Frage beschäftigte sich am Montag die zehnte Strafkammer des Landgerichts Kassel.

Unter Tränen schilderte die von der Brandserie am meisten geschädigte Twisterin, wie ihr Haus und Hof in der Nacht zum 11. März ein Raub der Flammen wurden. Umarmt von einer Begleiterin von der Opferschutzorganisation Weißer Ring berichtete die Frau, wie sie vom Sirenenalarm aus dem Schlaf gerissen wurde, beim Blick aus dem Fenster merkte, dass ihr eigener Stall lichterloh brannte und wie sie dann nach draußen lief, um die Pferde aus dem Stall zu retten. Außerdem musste die pflegebedürftige Mutter in Sicherheit gebracht werden. Gleich danach stürmte die Frau noch einmal in ihr Haus, um den Gashahn im Keller abzustellen.

Schlimme Erinnerungen

Irgendwie hat sie sich bei der Aktion selber verletzt, wurde vor Ort verarztet und hat eine Narbe behalten. Noch schwerer aber wiegen die psychischen Nachwirkungen. Wenn sie von der Brandnacht erzählt, bricht sie in Tränen aus. Immer noch wird sie nachts wach. Auch Sirenengeräusche lösen böse Erinnerungen aus. Aber in psychologischer Betreuung ist sie nicht. „Ich habe einen tollen Arbeitgeber und eine tolle Familie. Ich kann reden, wenn ich reden möchte“, berichtete das Brandopfer weiter.

Mittlerweile steht das neue Haus, ein Fertighaus schon an der Stelle, an der vor wenigen Wochen die Brandruine abgerissen wurde. Mitte Oktober soll die Bodenplatte für den neuen Stall betoniert werden, damit die Pferde wieder ein Zuhause haben.

Bis Weihnachten soll das neue Haus bewohnbar sein. Seit der Brandnacht wohnt die Familie bei Nachbarn: „Die sind ganz toll. Die haben alles für uns organisiert.“ Auch mit der Versicherung habe man sich inzwischen irgendwie geeinigt. Die genaue Schadenshöhe sei ihr nicht bekannt, berichtet sie auf Nachfrage des Verteidigers: Irgend ein Betrag zwischen 500000 und 600000 Euro stehe im Raum.

Die Brandserie im März hielt zwei Wochen lang das ganze Dorf in Atem. Nachbarn verdächtigten unschuldige Mitbürger. Es herrschte ein Klima der Angst in Twiste. Bei jedem Krankenwagen, der durch das Dorf fuhr, schreckten die Twister auf. Landwirte schliefen in ihren Scheunen in der Hoffnung den nächtlichen Brandstifter zu stellen.

Doch diese Heldentat sollte erst zwei Wochen nach der ersten Brandnacht dem 20-jährigen Twister Bernd Wilhelmi gelingen. Dem Gericht schilderte Wilhelmi gestern, wie er am 24. März in seiner Mittagspause durch ein Geräusch im elterlichen Stall auf Rauch aufmerksam wurde, der durch die Dachziegel drang.

Geistesgegenwärtig lief der junge Mann um die Scheune und ertappte den Nachbarsjungen, als dieser gerade aus einem Loch in der Scheunenmauer ins Freie schlüpfte.

Wilhelmi sprach den Nachbarn, der erst vor wenigen Monaten ins Dorf gezogen war, an. Der war sichtlich überrascht und wirkte ängstlich.

Als Wilhelmi in anherrschte stehenzubleiben, tat er dies widerstandslos. Brav wartete er ab, bis die Feuerwehr per Handy alarmiert war und folgte Wilhelmi dann bis zur Hauptstraße.

Die Szene wirkte umso unwirklicher, als der mutmaßliche Brandstifter seine einjährige Schwester im Kinderwagen mit zur Scheune gebracht hatte und auch nach seiner vorläufigen Festnahme durch den Zeugen den Kinderwagen brav vor sich her schob.

Gegenüber der Polizei gab der Brandstifter zuerst die letzte, versuchte Brandstiftung, dann auch die beiden voran gegangenen, vollendeten Taten zu.

Zur Vernehmung hatte die Kriminalpolizei auch die amtliche Betreuerin des jungen Mannes zugelassen. Die machte gestern gegenüber der Jugendstrafkammer in Kassel deutlich, dass der junge Mann auch nach offiziellen Untersuchungen als minderbegabt zu gelten habe.

Vernehmung ganz behutsam

Wie ein Papagei plappere er alles nach, was Autoritätspersonen ihm sagten. Deshalb sei auch die Vernehmung bei der Polizei sehr behutsam erfolgt. Sie habe alles mitverfolgt und dem jungen Mann sehr deutlich gemacht, dass er nicht aussagen müsse, wenn er dies nicht wolle.

Er aber habe gesagt: „Ich will reden. Ich will alles loswerden.“

Die Betreuerin schilderte dem Gericht, dass der junge Mann aus sehr desolaten familiären Verhältnissen stamme. Sie selber betreue auch den Stiefvater und dessen Bruder sowie deren gemeinsame Mutter seit Jahren.

Es gebe eine Suchtproblematik mit Alkoholexzessen. Außerdem konsumiere der junge Mann täglich drei Schachteln Zigaretten. Dazu reiche sein Taschengeld nicht aus. So seien Schulden durch Handyverträge und häufiges Schwarzfahren mit der Bahn aufgelaufen. Darüber hinaus gebe es Schulden nach einem Schmerzensgeldurteil, weil der Jugendliche mit 13 Jahren eine Erzieherin in einem Jugendheim lebensgefährlich verletzt habe.

Brandstifter wirkt harmlos

Die Festnahme nach der Brandserie sei umso trauriger, als der 19-Jährige am Tag danach eigentlich eine Ausbildung in der Werkstatt für Minderbefähigte beim Lebenshilfewerk hätte aufnehmen sollen. Außerdem sei die Aufnahme in ein betreutes Wohnprojekt geplant gewesen.

Nach der Festnahme aber sei sowohl dem ermittelnden Kriminalbeamten als auch ihr, der Betreuerin, klar gewesen, dass der labile junge Mann weder zurück nach Twiste noch in eine Haftanstalt hätte eingewiesen werden dürfen.

Nach einer Nacht in der Polizeizelle habe der Haftrichter die Einweisung in das psychiatrische Krankenhaus Haina angeordnet. Seit dem 8. August sitzt der Brandstifter von Twiste in Wiesbaden in Untersuchungshaft.

Vor Gericht wirkt der junge Mann unscheinbar und harmlos. Er ist nicht besonders groß, sehr schlank. Er trägt eine schwarze Hose und ein weißes T-Shirt. Seine Haare sind kurz. Sein Haupt ist gesenkt. Mit extrem leiser Stimme sagt er auch dem Vorsitzenden Richter, dass er aussagen wolle. Ja, er habe alle drei Brände gelegt. Das tue ihm auch sehr leid.

Dennoch schafft er es nicht, sich bei der vor ihm sitzenden, zeitweise schluchzenden Nachbarin zu entschuldigen.

Die vielen Zuschauer im Saal, neben drei Fernsehteams, auch Zeitungs- und Agenturberichterstatter sowie eine Gruppe von Jura-Studenten, merkten dem jungen Mann an, dass er mit seinem Geständnis alles möglichst schnell vom Tisch bekommen wollte. Aber so schnell geht das nicht.

Der Vorsitzende Richter Dreyer wollte alles ganz genau wissen: „Was haben Sie denn vorher gemacht, bevor sie in der Nacht des 11. März gegen 0.30 Uhr das Haus verlassen haben?“ - „Ich war im Internet.“ Er sei bei Facebook gewesen und dann ohne irgendeinen Anlass das Haus verlassen. Ein Feuerzeug habe er immer bei sich. Damit habe er dann einen Strohballen unter dem Schleppdach angezündet.

Dann habe er sich wieder ins Bett gelegt und nach etwa zehn Minuten seinen Stiefvater geweckt, weil die Nachbarscheune brenne. Der habe die Feuerwehr alarmiert und sei selber zum Feuerwehrhaus gelaufen.

Stiefvater und Stiefsohn hatten sich erst kurz zuvor der Twister Feuerwehr angeschlossen, um ihre Kontakte im Dorf zu verbessern. Einen Grundlehrgang hatte der junge Mann aber noch nicht absolviert.

So konnte er auch noch nicht richtig helfen. Ein Foto aus der Brandnacht zeigt ihn an einen Tragkraftspitzenfahrzeug neben einer Pumpe. Am nächsten Morgen habe er dabei geholfen, das glimmende Stroh auseinander zu ziehen.

Abends postete er seine „Heldentat“ auf Facebook. Sinngemäß schrieb er: „Bei den Nachbarn hat‘s gebrannt. Ich habe dann löschen geholfen.“

Tatsächlich war seine Mitgliedschaft bei der Feuerwehr wohl vor allem der Versuch, Freunde zu finden, denn die schien der 19-Jährige nicht zu haben.

Aus rund einem Dutzend Prozessakten aus Baden-Württemberg verlas der Richter die dortigen Vorstrafen seit dem Jahr 2009 wegen wiederholter Diebstähle.

Schon als Kleinkind war der Junge unangenehm im Kindergarten aufgefallen und aus der Betreuung entlassen worden. Ähnlich war es in der Grundschule, die er ebenfalls vorzeitig verlassen mussten. Es folgten Stationen auf einer Schule für Lernhilfe und einer Schule für Erziehungshilfe. Den Eltern wurde vom zuständigen Jugendamt eine Unterbringung ihres Jungen in einem Heim angeraten. Dort verletzte er eine Erzieherin lebensgefährlich mit einem Messer.

Als Teenager stahl er nicht nur Videospiele und Alkohol, sondern entwendete auch Geld aus dem Portemonnaie seines Vaters. Der zeigte ihn an und sorgte für eine abermalige Verurteilung seines Sohnes. Der Junge wiederum zeigte seinen Vater wegen gewalttätiger Übergriffe an.

Bei Beerdigung verliebt

Im Mai 2013 lernte die Mutter lernte bei der Beerdigung ihrer Schwester im Waldecker Land einen neuen Mann kennen. Hals über Kopf verliebte sie sich in ihn, verließ ihren Mann und ihren Sohn und zog nach Twiste.

Der Junge versuchte, der Mutter mit der Bahn hinterher zu fahren und wurde als Schwarzfahrer erwischt.

Kein Wunder also, dass der Gutachter der Jugendgerichtshilfe und der begutachtende Psychologe aus Haina dem jungen Mann zwar auf der einen Seite eine „dyssoziale Störung“ bescheinigten, gleichzeitig aber auch sein wenig liebevolles Elternhaus dafür mitverantwortlich machten.

Eine krankhafte Psychose schloss der Gutachter nach monatelangen Untersuchungen ebenso aus wie andere krankhafte Veränderungen. Damit scheiden für ihn eine verminderte Schulfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt aus. Allerdings sei es nach den sehr frühen Gewalterfahrungen die Rückfallwahrscheinlichkeit sehr hoch.

Überhaupt sei die Prognose wegen des fehlenden familiären Rückhalts und der mangelnden beruflichen Perspektive sehr schlecht. Damit entfällt der Grund für Bewährungsstrafe.

Obwohl die Gutachten kaum Lücken für eine andere rechtliche Beurteilung ließen, erbat sich der Strafverteidiger für den kommenden Mittwoch die Gelegenheit, zu einer umfassenden Befragung des Psychologen.

Dabei hatte der Vorsitzende Richter dem Anwalt den Hinweis gegeben, dass bei Vorliegen einer verminderten Schulfähigkeit aufgrund einer krankhaften seelischen Abartigkeit kein Weg an einer dauerhaften Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus vorbeiführe. Damit fiele die Strafe wahrscheinlich länger aus als bei einer Verurteilung zu einer normalen Gefängnisstrafe nach Jugendstrafrecht.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 1. Oktober, um 9 Uhr im Saal 119 des Landgerichts Kassel fortgesetzt.

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