Buchbindermeister Christoph Matthey über sein vom Aussterben bedrohtes Handwerk

Büchlein zum Selbstbinden

Buchbindermeister Christoph Matthey hat Bausätze zum Selberbinden von kleinen Heften und Büchern auf den Markt gebracht. Damit will er die Leibe und das Interesse am bedruckten Papier auch in die moderne Computerwelt hineinretten. Fotos. Armin Haß

Bad Arolsen - In einem aussterbenden Handwerk die eigene Existenz zu sichern, ist dem Bad Arolser Handbuchbindermeister Christoph Matthey nicht nur ein ökonomisches Bedürfnis, sondern auch ein Herzensanliegen. Mit seinen Sets zum Selbstbinden von Märchen- und Gedichtbüchlein hat er daher mehr als eine Marktlücke geschlossen.

Dem Handwerksmeister ist es ein Bedürfnis, den Umgang mit dem gedruckten Wort, mit gebundenen Büchern und künstlerisch gestalteten Bänden zu fördern. Man kann nicht früh genug damit anfangen, daher hat Matthey die Sets zum Selbstbinden von Literaturklassikern für Kinder ab zehn Jahren entworfen und in den Buchhandel gebracht.

Wert des Gedruckten

Passend zum Grimm-Jahr gehören Märchen zum Repertoire. Daneben finden sich die Nachtgedanken von Heinrich Heine, die die Käufer nun selbst mit Mini-Ahle, Heftnadel und Heftfaden binden können - dünne Hefte mit schönen Einbänden, deren Muster Matthey selbst entwarf oder nach historischen Vorbildern hat drucken lassen. Matthey möchte Kinder dafür begeistern, neben Computern oder Smartphones auch zum Buch zu greifen, überhaupt Papier in die Hand zu nehmen und in einem gedruck-ten Buch zu blättern, zu schmökern oder Bilder in Druckwerken zu betrachten. Das ist schon etwas ganz anderes, als in den Bildschirm zu schauen.

Vielleicht ist es für die Zehnjährigen nicht gerade der Osterspaziergang von Goethe, der sie zu großen Bücherfans macht. Doch die Sets haben das Zeug dafür, zumindest den Zugang zur Literatur zur öffnen - über die Freude am Basteln und die Entfaltung der Kreativität durch das Bebildern der Büchlein. So viel Freiraum lassen die vorgefertigten Druckbögen.

Bücher basteln

Zusammen mit einer Grundschullehrerin in Korbach hat Christoph Matthey einen Test mit Kindern gestartet, dessen Ergebnis ermutigend ist. Durch eigene Illustrationen werden die Hefte mit ihren schmucken Einbänden zu bibliophilen Unikaten.

Kleister- und selbstgefärbtes Marmorpapier machen den besonderen Reiz aus.Die Klassiker zum Selbstbinden gibt es als Dreier-Sets oder in Zehnerpackungen im Buchhandel unter der ISBN 978-3-944279-01-5. Diese Nummer erwerben zu dürfen und damit den Zugang zum Buchhandel zu bekommen, benötigte einigen Schriftwechsel.

Für den Buchbindermeister ist dieses Produkt eine neue Nische. Schon längst hat er sich auf die handwerkliche Herstellung von gediegenem Schreibtischzubehör aus Leder, Pappe oder Kunststoff als Formgeber, von Foto-, Gäste- oder Hochzeitsbüchern verlagert. Die Buchbinderei ist in den Hintergrund getreten, und mit zeitraubenden, aber kaum Geld bringenden Reparaturen von Büchern kann er sich nicht befassen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Korbacherin Geraldine Korte bei Matthey eine Stelle als Auszubildende für den Beruf der Handbuchbinderin angetreten hat. Die 21-Jährige ist neben zwei Mädchen beim Staatsarchiv in Marburg die einzige Auszubildende im Handwerkskammerbezirk Kassel im ersten Lehrjahr. - Matthey selbst hatte zunächst in der DDR Betriebswirtschaftslehre studiert, sich 1981 aber für eine Umschulung zum Buchbinder in Halle/Saale entschieden.

Zwei Jahre später eröffnete er seine eigene Werkstatt und richtete sie mit von überall her zusammengesuchten Maschinen ein. Die Arbeit habe richtig Spaß gemacht.

Doch die Situation in der DDR war sechs Jahre später am Sieden. Montagsdemonstrationen und massenhafte Ausreisen via Ungarn oder die Tschechoslowakei machten die Erosion des Arbeiter- und Bauern-staates deutlich.

Die Familie Matthey, neben der Ehefrau ein Sohn und eine Tochter, hatte einen Ausreiseantrag gestellt und wurde am 5. Oktober 1989, also gut einen Monat vor der Grenzöffnung, offiziell ausgebürgert. Die Mattheys siedelten nach Arolsen über und durften sogar Wohnungs- und Werkstattseinrichtung ins Waldecker Land holen lassen. Zunächst war Matthey bei der damaligen Druckerei Wildner beschäftigt.

Arbeit für Buchliebhaber

Inzwischen hat er sich eine Werkstatt an der Wetterburger Straße eingerichtet. Buchreparaturen, das Binden von Zeitschriften, die Anfertigung von kleinen Buchserien, Bücher- und Lederpflege in der Brehm-Bibliothek oder in der Fürstlichen Hofbücherei im Schloss gehören zu seinen Aufträgen.

So ganz am Ende ist das Buchbinderhandwerk wohl noch nicht, wie das Interesse der Auszubildenden deutlich macht.

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