Interview mit Archivleiter Udo Jost · WLZ-FZ-Serie über die Arbeit des Internationalen Suchdienstes (Folge 11)

„Demjanjuk wusste genau, was in Sobibor passiert“

- Am Ende des Krieges gab es in Deutschland etwa neun Millionen Displaced Persons, Überlebende der NS-Verfolgung und Zwangsarbeit, von denen viele nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten und wollten. Unter sie hat sich auch der mutmaßliche KZ-Aufseher John Demjanjuk gemischt. WLZ-FZ-Redakteur Thomas Kobbe sprach mit Udo Jost, dem Archivleiter beim Internationalen Suchdienst, über DPs und die Grauzone zwischen NS-Opfern und Tätern.

• Die Gruppe der Displaced Persons gilt als weitgehend unerforschtes Feld in der Geschichtswissenschaft. Woran liegt das?

Natürlich standen die reinen Unrechtsmaßnahmen, die Verletzung der Menschenrechte und die Verbrechen der NS-Zeit, zunächst stärker im Fokus der Historiker. Die Gruppe der Displaced Persons wird erst in jüngster Zeit näher betrachtet. Hier geht es um die Frage des Lebens nach dem Überleben. Dies lässt sich jetzt auch besser betrachten, nachdem die DP-Dokumente des Suchdienstes der Forschung offenstehen. Wir haben einen der größten Dokumentenbestände zu diesem Thema. Zu den Unterlagen aus den DP-Camps zählen 3,5 Millionen Registrierungskarten und 350 000 sogenannte CM1-Fragebögen der Alliierten (Care and Maintenance/Fürsorge und Unterhalt). Die Menschen geben darin ihre Erlebnisse während des Krieges wieder und begründen ihren Wunsch nach Auswanderung. Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist allein deshalb schon spannend, weil sie zu einer gewissen Neuordnung Europas und der Welt geführt hat, die mit einer erheblichen Auswanderungswelle verbunden war.

• Welchen Stellenwert hat dieser ITS-Datenbestand?

Für die Arbeit des ITS waren die Dokumente der Nachkriegs-Registrierung aus zwei Gründen sehr interessant. Zum einen für die Ursprungstätigkeit des Suchens und der Schicksalsklärung. Mit diesen Dokumenten ließ sich feststellen, ob die Gesuchten überlebt hatten. Ihre Spuren konnten zum Teil bis auf die Auswandererschiffe verfolgt werden. Zum zweiten waren die Akten wichtig für die Entschädigungsbehörden, um festzustellen, welches Bundesland für die Bearbeitung der Anträge zuständig war. Hier entschied der Aufenthaltsort der DPs zum 1. Januar 1947. Danach gerieten die DP-Akten im Zusammenhang mit unserer hauptsächlichen Arbeit, der Beantwortung von Anfragen zu Haft und Zwangsarbeit, etwas in den Hintergrund.

• Wie definierten die Alliierten nach 1945 den Begriff der Displaced Persons?

Als DPs galten Menschen, die sich während des Krieges in Deutschland und den besetzten Gebieten aufgehalten hatten, weil sie verschleppt, inhaftiert oder zur Zwangsarbeit gezwungen worden waren. Zu ihnen zählten damit auch die Überlebenden des Holocaust. Daneben gab es in dieser Gruppe einen gewissen Teil von Personen, die infolge der Ergebnisse des Weltkriegs und der neuen Grenzziehungen ihr Heimatland verließen, um über Deutschland in andere Staaten auszuwandern. Vor allem Polen, Ukrainer und Balten suchten so den Weg in die Freiheit, um nach der nationalsozialistischen Diktatur nicht auch noch unter der sowjetischen Herrschaft leben zu müssen. Ein anderes Beispiel: Polnische Juden, die in der Sowjetunion den Holocaust überlebt hatten, weil sie dorthin geflohen waren. Sie kehrten nach 1945 in ihr Heimatland zurück und waren vereinzelt lokalen Pogromen ausgesetzt, wie etwa in Kielce. Diese Überlebenden verließen Polen und begaben sich in die westlichen Besatzungszonen, um von hier auszuwandern. Die sowjetischen Besatzungsbehörden haben den Begriff DP übrigens nie anerkannt. Sie verlangten die bedingungslose Repatriierung.

• Gab es unter den DPs demnach auch belastete Personen, also solche, die aus Sicht der jeweiligen Besatzungsmacht im weitesten Sinne Mittäter waren?

Solche Fälle hat es garantiert gegeben, wenn auch in geringer Zahl. Die schweren Kriegsverbrecher hatten andere Wege der Flucht als den Weg über das DP-Camp. Aber nehmen sie das zurzeit prominenteste Beispiel John Demjanjuk (siehe Hintergrund). Er wurde als DP registriert, weil er sich fälschlicherweise als Zwangsarbeiter ausgeben hatte. So konnte er damals unbehelligt in Bayern, das zur amerikanischen Zone gehörte, in einem normalen Wohnhaus leben. Dann hat er geheiratet, ist Vater geworden und schließlich in die USA ausgewandert.

• Welche Konstellationen sind in dieser Hinsicht bekannt?

Eine Zusammenarbeit mit deutschen Besatzungsbehörden, ausländische Hilfswillige bei der Wehrmacht und Freiwillige bei der SS hat es in allen besetzten Gebieten gegeben. Im Vergleich zum aktiven oder passiven Widerstand waren diese Menschen natürlich in der Minderheit. Fakt ist aber, für sie gab es häufig kein Zurück in ihre Heimat, vor allem nicht in Osteuropa. Folglich verließen diejenigen das Land, die befürchten müssen, von den Sowjets als Verräter verfolgt zu werden. Sie wussten, dass sie keine Aussicht auf einen rechtsstaatlichen Prozess hatten. Aber die Diskussion, wann mache ich mich zum Mittäter, wann beginnt die Kollaboration, konnte und musste ich aktiven Widerstand leisten, ist sicher eine Auseinandersetzung, die in vielen Ländern Europas erst noch geführt werden muss. Und es ist nicht Sache der Deutschen, diese anzustoßen.

• Wie wurde das Thema Zwangsarbeit in den Heimatländern beurteilt?

Der Holocaust ist unmittelbar nach dem Krieg von allen Ländern gleich bewertet worden. Da gab es keine Diskussion um die Anerkennung als Opfer. Zur Zwangsarbeit gab es jedoch durchaus unterschiedliche Auffassungen, die bis heute auch in Fragen der Entschädigung nachwirken. In Polen war für die Behörden zum Beispiel die Frage entscheidend, ob der Betroffene freiwillig nach Deutschland gegangen war oder verschleppt wurde.

• ...freiwillige Zwangsarbeit?

In der Anfangsphase warben die deutschen Besatzer noch polnische Arbeitskräfte an, indem sie ihnen Arbeit und Einkommen im Reich versprachen. Meiner Meinung nach sind aber auch das Zwangsarbeiter, weil es mit der Freiwilligkeit spätestens nach dem Grenzübertritt vorbei war. Sie konnten nicht zurückkehren, mussten Kennzeichnungen tragen und waren Sondererlassen unterworfen. Die Franzosen wiederum haben unterschieden, ob der Arbeiter in einem deutschen Unternehmen aus dem besetzen oder unbesetzten Teil Frankreichs kam. Die Sowjetunion sah nur in Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren Opfer. Die übrigen Zwangsarbeiter gerieten schnell in den Verdacht des Verrats und zogen es daher viele Jahre lang vor, zu schweigen. Für mich ist jeder, der in Deutschland unter den Bedingungen der NS-Diktatur arbeiten musste, auch wenn er anfangs vielleicht sein Heimatland aus freien Stücken verlassen hat, ein Zwangsarbeiter.

• Wie lässt sich ein Fall wie Demjanjuk erklären, der sich jahrzehntelang als ukrainischer DP ausgeben konnte?

Demjanjuk erhielt seine Anerkennung als DP und seinen Flüchtlingsausweis, weil er falsche oder unvollständige Angaben gemacht hatte. In einem Antragsformular bei der damals zuständigen internationalen Flüchtlingsorganisation IRO vom 3. März 1948 gab Demjanjuk an, in Sobibor als Fahrer für die „Firma Auto“ gearbeitet zu haben. Anschließend sei er in Bayern als Zwangsarbeiter eingesetzt worden. Beim heutigen Kenntnisstand wäre der Interviewer der US-Armee beim Stichwort „Sobibor“ mit Sicherheit hellhörig geworden. Aber damals war es für ihn vielleicht nur einer von vielen ihm unbekannten Orten in Osteuropa. Dass es jetzt zur Auslieferung und zum Prozess kommen konnte, geht aber nicht auf die DP-Unterlagen im Archiv des Suchdienstes zurück, sondern auf andere Beweise, wie etwa den Fund des SS-Dienstausweises im Bundesarchiv in Ludwigsburg.

• Ist weiterhin noch mit Anklagen gegen NS-Kriegsverbrecher zu rechnen?

Ja, es sind noch mehrere Hundert Fälle anhängig. Es wird sich dabei nicht mehr um große Kriegsverbrecherprozesse handeln, sondern im Mittelpunkt werden die Taten von Einzelnen stehen. Es ist wichtig, dass diese Prozesse geführt werden. Sie sind auch ein Signal an die Millionen Opfer der NS-Diktatur, dass ihr Leid nicht in Vergessenheit gerät. Natürlich wird sich das Thema in absehbarer Zeit auf natürliche Weise erledigen. Wenn der Tatverdächtige älter als 95 ist, wird meines Wissens nicht mehr ermittelt. Aber es geht um die Aussage, dass jeder Mensch für seine Taten die Verantwortung trägt und sich entscheiden muss zwischen Recht und Unrecht.

• Sie verfolgen den Verlauf des Demjanjuk-Prozesses. Wie beurteilen Sie persönlich seine Rolle?

John Demjanjuk war mutmaßlich der Bewacher eines Vernichtungslagers bei den ukrainischen Hilfstruppen der SS. Damit war er kein Befehlshaber und sicher auch kein Lagerkommandant. Allerdings wusste er natürlich genau, warum er dort war und was passierte. Nach Schätzungen wurden bis zu 250 000 Juden im Vernichtungslager Sobibor vergast. Deshalb lautet die Anklage auf Beihilfe zum Mord. Demjanjuk ist ein Täter. Daran führt kein Weg vorbei.

• Waren Sie auch schon mal in München im Gerichtssaal?

Nein, leider nicht. Es darf nur 45 Minuten pro Tag verhandelt werden. Wenn Demjanjuk hereingebracht wird, scheint er zu schlafen, haben mir Prozessbeobachter berichtet. Und wenn die Dreiviertelstunde vorbei sei, sage er ganz pünktlich: „Die Zeit ist um.“ John

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