Arolsen Archives Mitorganisator des 65. Gedenkstättenseminars 

Digitaler Zugriff aus aller Welt nach Bad Arolsen  

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Aufbereitet für Internetnutzer: Christiane Weber hat für Arolsen Archives einen e-Guide zum Verständnis von KZ-Dokumenten erstellt. Foto: Armin Haß

Bad Arolsen – Archive sind mehr als vergilbte Dokumente, sie bilden eine wichtige Grundlage für die lebendige Vermittlung von Geschichte. Gerade die Arolsen Archives mit ihren Millionen von Akten über den Nazi--Terror bieten sich für Forschung und Unterricht an und setzen verstärkt auf Digitalisierung.

Das von Arolsen Archives mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Topographie des Terrors organisierte 65. bundesweite Gedenkstättenseminar befasst sich seit gestern bis Samstag mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. 200 Teilnehmer sind nach Arolsen angereist.

Chancen für Gedenkstätten

Vor allem die Chancen betonte Junior-Professor Dr. Manuel Burghardt von der Universität Leipzig beim Auftakt der Tagung im Bürgerhaus und wies auf die interaktiven Möglichkeiten hin, so etwa den Einsatz von Besuchern bei der Recherche. Soziale Medien, Webanwendungen, Apps oder die computergestützte Erweiterung bei der Wahrnehmung von Realität (Augmented Reality) spielten eine wichtige Rolle.

Digitale Angebote würden potentielle Besucher nicht von dem Besuch von Gedenkstätten abhalten, sie böten eher den Anreiz.

Sicherheit von Daten

Technische Probleme gebe es bei der Digitalisierung, etwa wenn zur Aufzeichnung von Klängen genutzte Wachswalzen in Audiodateien umgewandelt werden sollen.

Eine digitale Langzeitarchivierung enthalte ebenfalls Herausforderungen, etwa durch die laufende Änderung von Dateiformaten und ihrer Lesbarkeit. Als sicher gelte die Speicherung von Dokumenten auf Mikrofilmen, die in Bleifässer verpackt und in Salzstollen zum Schutz vor nuklearen Angriffen gelagert werden könnten.

Die Arolsen Archives mit Direktorin Floriane Azoulay und Historiker Dr. Henning Borggräfe (links) richten zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung mit Simon Lengemann (rechts) und der Stiftung Topographie des Terrors mit Dr. Thomas Lutz das 65. bundesweite Gedenkstättenseminar aus. Foto: Armin Haß

„Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Ort für diese Tagung als die Arolsen Archives“, sagte Simon Lengemann von der Bundeszentrale für politische Bildung. Die bis vor kurzem noch als International Tracing Service (ITS) geführte einzigartige Einrichtung habe die Wandlung von einem verschlossenen Archiv zur Öffnung nach außen für Forschung und Bildung und zu einem online zugänglichem Archiv vollzogen.

Mehr Chancen als Gefahren

Auf das haben inzwischen schon 100 000 Menschen zugegriffen, wie Arolsen Archives-Direktorin Floriane Azoulay berichtete. Sie zitierte aus der Zuschrift eines jungen Mannes, der die Schicksale seiner jüdischen Verwandten online recherchieren und dabei, wie er schrieb, „wie mit einem Teleskop auf 75 Jahre entfernte Ereignisse“ blicken konnte.

Die Direktorin von Arolsen Archives, Floriane Azoulay, sieht mehr Chancen als Gefahren der Digitalisierung. Mehr und neue Formate müssten genutzt, Kooperationen mit Google oder Facebook gesucht werden. Schließlich gelte es angesichts faschistischer Parole, von Hassverbrechen oder der Ermordung des Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke, den ein mit dem rechtsextremen Milieu verbundener Kasseler gestanden habe, Stellung zu beziehen. 

"Auf Menschen zugehen"

„Die Waffen werden auch im Netz geführt“, spielte die Archives-Direktorin auf Hass-Postings ein. Unwissen und Vergessen seien gefährlich. Hier leisteten Gedenkstätten und Dokumentationszentren wichtige Arbeit. „Wir müssen am Puls der Zeit sein und auf die Menschen zugehen“, sagte die Direktorin. Umgekehrt biete digitale Wissensvermittlung auch die Möglichkeit, Menschen an Gedenkstätten heranzuführen.  

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