CRS-Absolventin ist Hessens erste Digitalministerin

Digitalministerin Kristina Sinemus: Digitalisierung soll Menschen dienen und nicht umgekehrt

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Prof. Dr. Kristina Sinemus ist Hessens erste Ministerin im neu geschaffenen Ministerium für Digitale Strategie und Entwicklung. Im WLZ-Interview spricht sie über die Balance zwischen digitaler und analoger Welt.  

Bad Arolsen. Hessens neue Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung ist in Bad Arolsen aufgewachsen. Folgerichtig hat Prof. Dr. Kristina Sinemus ihre ersten öffentlichen Termine auch in ihrer früheren Heimatstadt absolviert.

Zwischen den Besuchen beim Lackdrahthersteller Essex und der Jubiläumsfeier der Stadtbücherei fand sie Zeit für ein Redaktionsgespräch mit WLZ-Redakteur Elmar Schulten.

Wann haben Sie denn erfahren, dass sie Ministerin werden sollen?

Im Familienurlaub. Ministerpräsident Volker Bouffier hat angerufen und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das neu geplante Ministerium Digitalisierung, Strategie und Entwicklung aufzubauen und zu leiten. Ich habe mich natürlich gefreut, aber auch erstaunt gefragt, wie er denn ausgerechnet auf mich käme. Schließlich komme ich nicht aus der Verwaltung und gehöre keiner Partei an.

Und was qualifiziert Kristina Sinemus für die Leitung des Ministeriums?

Zumindest sind dem Ministerpräsidenten meine Qualifikationen aufgefallen. Ich habe mich schon immer mit unterschiedlichen Disziplinen beschäftigt und Dialoge in Gang gebracht. Das fing schon mit meinen Studienfächern an - Kommunikationswissenschaft, Pädagogik, Biologie und Chemie. Promoviert habe ich dann in der Biologie und parallel an der Schnittstelle Technik, Ethik, Gesellschaft geforscht. Später habe ich dann mein eigenes Unternehmen gegründet. „Genius“, so heißt das Unternehmen, versteht sich als Dienstleister an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft und berät Ministerien, Unternehmen und Verbände. Es setzt Kommunikationsstrategien um und steuert Dialogprozesse. Ich bin also keine Berufspolitikerin, sondern weiß wie es ist, als zweifache Mutter ein Unternehmen von der Pike auf aufzubauen und was sich viele hessische Unternehmen von der Politik wünschen.

Und dann kam noch eine Professur hinzu?

Ja, an einer interdisziplinären Privathochschule, an der Quadriga-Hochschule in Berlin. 2011 bin ich dorthin berufen worden und habe Politik und Public Affairs gelehrt und dazu geforscht.

Alle Achtung. Wissenschaftlich und unternehmerisch also bestens qualifiziert, aber es fehlt eben doch noch ein wenig die Verwaltungserfahrung?

Vielleicht die Erfahrung in einer Landesbehörde zu arbeiten. Dafür war ich 15 Jahre bei der IHK Darmstadt hoch engagiert. Dort wurde ich als erste Frau Vize-Präsidentin und dann 2014 erste Präsidentin einer hessischen IHK. Bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit habe ich - als Baustein - eine Strategie für Digitalisierung in der Region entwickelt und umgesetzt. Auch als Landesvorsitzende im Wirtschaftsrat Hessen habe ich mich für die Digitalisierung von Start-Up engagiert.

Zu wissen, wie ein gutes Start-Up funktioniert, ist eine wichtige Qualifikation für das neue Digitalministerium, denn wir sind im Aufbau. Es gibt noch kein Haus, keine vorgegebene Struktur und bisher nur wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. So fange ich an, wie ich auch mein Unternehmen aufgebaut habe: Mit wenig Raum, wenig Personal, aber vielen Gestaltungsmöglichkeiten - und einer klaren Vorstellung.

Und was sind das für Vorstellungen? Wohin soll die Reise gehen?

Das Ziel ist klar: In den kommenden Monaten werden aus den anderen Ministerien -dem Innenministerium, dem Finanzministerium und dem Wirtschaftsministerium - Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu uns kommen und Zuständigkeiten überführt, sodass Aktivitäten rund um das Thema Digitalisierung unserem Ministerium gebündelt werden.

Also eine Art Querschnittsaufgabe mit Zuständigkeiten überall?

Ja, genau wird sind die Bündelungsstelle. Wir werden eine koordinierende Rolle zu allen anderen Ministerien haben. Ich nenne mal ein Beispiel aus einer Region wie Waldeck: Wir werden uns ansehen, wie es hier mit der Infrastruktur aussieht, Breitband, Mobilfunkversorgung. Und dann genau hinschauen, wo gibt es eine Schnittstelle, etwa zur Landwirtschaft mit ESA/ESOC als Satellitenbetreuer und den Geodaten, die dort generiert werden und dem waldeckischen Landwirt, der seinen Trecker und seinen Mähdrescher über die Felder steuert. Da gibt es Schnittstellen zum Landwirtschafts- und Verbraucherministerium. Ähnliches gilt für den Digitalpakt an den Schulen, die Arbeitswelten 4.0 oder den Bereich Finanzen.

Die Digitalisierung wird ja eigentlich vorangetrieben durch Firmen im Silicon Valley und in China. Was kann denn ein Digitalisierungsministerium hierzulande beitragen?

Digitalisierung muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Unsere Aufgabe ist es, Aktivitäten zu bündeln und Unterstützung anzubieten, aktiv Projekte zu steuern etwa in den Bereichen eGovernment, also die Digitalisierung der Verwaltung, oder Online-Zugangsgesetz, das zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsleistungen dient.

Stichwort eGovernment: Zu dem Thema gab es vor 20 Jahren schon Info-Stände auf der CeBit. Aber seitdem ist nicht viel passiert.

Das würde ich nicht sagen. Es geht darum, Systeme zu vereinheitlichen. Und es geht um Cybersecurity, um Sicherheit gegen Hackerangriffe. Aber dann muss man auch die Nutzerinnen und Nutzer motivieren, Gebrauch von den neuen Angeboten zu machen. Das Ziel muss größtmögliche Nutzerfreundlichkeit sein.

Und was möchte die neue Ministerin als erstes verändern? Welche Gesetzesvorlagen haben wir zu erwarten?

Es geht nicht um Veränderung der Veränderung willen. Im Moment kommt es darauf an, alles dafür zu tun, dass verschiedene Bereiche in der Landesverwaltung zusammengeführt werden. Ich werde mir zudem genau anhören, welche Lösungen Unternehmen - kleine wie große - und vor allem Bürgerinnen und Bürger benötigen. Und erst dann kann man anfangen, Regelungen zu treffen.

Dennoch: Wenn Sie sich etwas wünschen dürfen: Was muss als erstes passieren. Welcher Knoten muss als erstes durchgeschlagen werden, damit es vorangeht?

Der erste Knoten, der durchgeschlagen werden muss, steckt im Kopf von vielen Menschen, die sagen: Wir wollen die neue Technik nicht. Das ist verständlich, da die Begriffe, mit denen die Politik oft um sich wirft, abstrakt klingen und auch Sorgen bereiten können. Wir müssen vielen Menschen besser erklären, was sich für Chancen und Möglichkeiten hinter der Digitalisierung verbergen. Ich kann den Nutzen von Dingen nicht verstehen, wenn ich diesen nicht kenne. Geschweige denn ist man dann als Bürgerin und Bürger oder Unternehmen bereit, Angebote anzunehmen. Wir müssen also als erstes in einen echten Dialog treten und diesen Knoten versuchen zu lösen.

Wir haben hier auf dem Lande das Problem, dass der Breitbandausbau nicht richtig vorankommt, trotz aller Konferenzen.

Der Kooperationswille ist eine wichtige Voraussetzung. Dazu haben alle Mobilfunkanbieter gemeinsam mit der Landesregierung abgesprochen, dass Mobilfunk und Breitband auch im ländlichen Raum weiterausgebaut wird. Wir wollen von 98 Prozent Abdeckung auf 99 Prozent kommen. Die größte Hürde ist das Baggern und Buddeln. Denn das Glasfaserkabel ist das Billigste. Am schwierigsten ist es, Firmen zu finden, die das Kabel fachmännisch verlegen. Auch dieses Problem darf man nicht eindimensional sehen.

Für eine Politik-Neueinsteigerin klingt das schon sehr professionell. Viel Erfolg beim Umsetzen in die Praxis!

Bei der ersten Mitarbeiterversammlung gesagt: Wir sind das Anders-Ministerium. Wir machen alles anders. Hier kann keiner sagen: Das haben wir schon immer so gemacht.

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