Roman von Siegfried Lenz auf die Bühne gebracht

Eine dramatische Deutschstunde

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„Deutschstunde“ als mitreißendes Zeitdokument in der Fürstlichen Reitbahn: als Kontrahenten zwischen Moral und Pflicht standen sich Max Volkert Martens (l., als Maler Nansen, daneben Michael Althauser) und Christian Buse (r., als Dorfpolizist Jepsen) gegenüber.

Bad Arolsen. Diese Deutschstunde werden die Zuschauer so schnell nicht vergessen. In seiner Bühnenfassung hat Spielleiter Stefan Zimmermann den Roman  von Siegfried Lenz authentisch auf die Bühne gebracht: intensiv und mit einer Personenzeichnung, die Zeitdokument und zeitlos ist.

Gut 140 Minuten durfte das Publikum in der Fürstlichen Reitbahn ausharren, um den Heftstapel des jungen Straftäters Siggi Jepsen wachsen zu sehen. Dieser sitzt wegen vielfachen Kunstdiebstahls in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche ein und soll eine Strafarbeit zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ verfassen.

Das hat Siggi zu erzählen

 Auf den Seiten, die sich zuerst nicht füllen wollen, schreibt sich Siggi bald seine Vergangenheit von der Seele. Vom Maler Max Ludwig Nansen, der in einem norddeutschen Dorf von den Nazis mit Malverbot belegt wird, und seinem Vater, dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen, der die Aufgabe hat, das Verbot zu überwachen.

 „Mit dem Berufsverbot habe ich nichts zu tun. Ich habe es nur zu überbringen“, rechtfertigt sich der kleinkarierte Beamte vor dem Maler, der ihm einst das Leben rettete. Sein Pflichtgefühl dient dem verbohrten Jepsen fortan als Rechtfertigung für die unerbittliche Verfolgung Nansens.

So verbohrt ist der Vater

 „In meinem Kopf könnt ihr wenigstens keine Haussuchung machen“, kontert der Maler und fordert Jepsen mit seinen unsichtbaren Bildern heraus. Der Dorfpolizist handhabt alles mit steter Gesetzestreue: er konfisziert weiße Blätter, liefert seinen desertierten älteren Sohn aus, bricht nach Kriegsende mit der Tochter, die dem Maler Modell stand, und stößt den jüngsten Sohn Siggi aus der Familie aus, der Nansens Bilder versteckte, um sie zu retten. 

„Seine Pflicht, die kann man doch nicht nach Laune tun“, verteidigt sich der Ewiggestrige, der angesichts der geänderten Zeitumstände die Welt nicht mehr versteht. 

Wie ein Trauma entsteht

 Siggi wiederum, erfährt das Publikum am Ende, entwickelte das Trauma, allerorten Bilder „retten“ zu müssen, was seine Verurteilung nach sich zog. Die Umsetzung durch das Münchener a.gon-Theater ist rundum gelungen: mit starken Darstellern, allen voran den Kontrahenten Christian Buse als Polizist Jepsen und Max Volkert Martens als Maler Nansen, einer flüssigen Handlung und einer ideenreichen Inszenierung mit teils mehreren erzählerischen Zeitebenen in einem Bild. 

Bewundernswert war auch die Wandlungsfähigkeit, die Nebendarstellerin Judith Riehl als sanfte Künstlerfrau und als ideologisch verblendete Polizistengattin bewies. Der permanent zu sehende Siggi-Darsteller Georg Stephan dagegen blieb, auf geschickt gelöste Weise, noch mehr außen vor als im Roman. Langer Beifall war der Lohn. (sim)

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