Der NS-Völkermord an Sinti und Roma · WLZ-FZ-Serie über den Internationalen Suchdienst (Folge 8)

„Z“ – Eine Tätowierung als Todesurteil „Zigeunerlager“

- 21 000 Männer, Frauen und Kinder aus elf Ländern Europas. Aufgelistet mit Namen, Geburtsdatum und ihrem Ankunftstag in der Hölle. Dass die Hauptbücher des Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau erhalten geblieben sind, ist einer Heldentat zu verdanken.

Bad Arolsen/Battenberg. So nennt der Historiker Frank Reuter vom Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg das mutige Vorgehen des polnischen Auschwitz-Häftlings Tadeuz Joachimowski (siehe weiteren Text) im Juli 1944. Der politische Gefangene arbeitete in der Schreibstube und hatte mitbekommen, dass die SS das „Zigeunerlager“ liquidieren, alle Insassen ermorden wollte. Mithilfe zweier Mithäftlinge nahm er die wichtigsten Beweise dieses Massenmordes an sich, wickelte die Kladden in Kleidungsstücke, legte sie in einen Eimer und vergrub sie heimlich auf dem Lagergelände. Am 2. August 1944 schickte das Wachpersonal alle noch verbliebenen 2897 Sinti und Roma in die Gaskammern.

Im Januar 1949 führte Joachimowski Mitarbeiter des Staatlichen Museums zum Versteck. Die Hauptbücher waren teilweise sehr stark beschädigt. 1993 wurden sie mithilfe elektronischer Datenverarbeitung rekonstruiert und vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit dem Staatlichen Museum Auschwitz unter dem Titel „Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“ veröffentlicht. Kopien der Dokumente erhielt das ITS-Archiv im Dezember 1968. Als „vielleicht wichtigste Quelle über die NS-Verfolgung von Sinti und Roma“ stuft Reuter die geretteten Hauptbücher ein.

Joachimowskis Heldentat hilft 65 Jahre nach Kriegsende auch der italienischen Studentin Rosa Cobelletto von der Universität in Turin. Sie rekonstruiert im Archiv des Internationalen Suchdienstes die Leidensgeschichte von Sinti- und Roma-Familien, die zwischen 1943 und 1945 von Italien aus in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert wurden. Rosa Cobelletto ist bereits zum zweiten Mal in Bad Arolsen. Ihre Doktorarbeit will sie im nächsten Jahr beenden.

Ganz in der Nähe des Heimatortes ihrer Mutter auf Sardinien befand sich eines von etwa 50 Internierungslagern, in das die italienischen Faschisten Sinti und Roma, Juden, Widerstandskämpfer und politische Gegner eingesperrt hatten. Ihre Motivation, sich mit diesem Kapitel der italienischen Geschichte zu beschäftigen, hat aber auch mit der Gegenwart zu tun, sagt die 31-Jährige. Rassistische Übergriffe auf Ausländer, Asylanten, Sinti und Roma erschüttern das Land. Zuletzt beklagte der Vatikan mit ungewöhnlicher Schärfe „den Rassismus der Italiener, der sich im Hass gegen Menschen anderer Hautfarbe“ und „in einer wachsenden Zahl ausländerfeindlicher Übergriffe“ äußere.

Der Hass gegen Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe, Lebensauffassung und Weltanschauung trieb auch den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten an. „Die Rolle des Menschen im Herrschaftssystem des Terrors ist erbärmlich“, beschreibt es Eugen Kogon in seinem 1974 erschienenen Standardwerk „Der SS-Staat“. Auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden Sinti und Roma mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Ende 1938 ordnete der SS-Reichsführer, Heinrich Himmler, die totale Erfassung der deutschen Sinti und Roma an. Pseudo-wissenschaftliche „Rasseuntersuchungen“, insgesamt etwa 24 000 absurde Gutachten, dienten als wichtige Voraussetzung für den Völkermord an der seit 600 Jahren in Deutschland beheimateten Minderheit.

Nach dem Auschwitz-Erlass Himmlers vom 16. Dezember 1942 wurden Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich und dem besetzten Europa in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort größtenteils ermordet. Die an der „Rampe“ ankommenden Häftlinge wurden zunächst in „arbeitsfähig“ und „nicht arbeitsfähig“ selektiert. Letztere kamen sofort in die Gaskammern. Die Daten der „arbeitsfähigen“ Häftlinge wurden in Lagerbüchern erfasst. Außerdem tätowierte man ihnen ein „Z“ mit einer Nummer auf den Arm, kleinen Kindern auf den Oberschenkel. Im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten fielen mehrere Hunderttausend Sinti und Roma dem Völkermord zum Opfer; Schätzungen reichen bis zu einer halben Million (siehe Hintergrund).

Dazu gehörten beispielsweise viele Mitglieder der Familie Klein aus Battenberg. Im 18. Jahrhundert hatten sich ihre Vorfahren in der Kröge angesiedelt, einer kleinen Häusersiedlung am Rande der Stadt. Mit ihrer Geschichte hat sich der Diplom-Pädagoge Wolfram Schäfer von der Marburger Universität befasst. Das Leben der Sinti und Roma in Deutschland und speziell in Hessen sei eine Mischung aus Verfolgung und Duldung gewesen, so der Forscher.

Am 2. April 1943 wurde Anna Klein in der Kröge verhaftet und vier Tage später durch die Kripo Kassel in das Konzentrationslager Auschwitz eingewiesen. Ihr gesamtes Vermögen, darunter auch das Haus auf der Kröge, wurde als „volks- und staatsfeindlich“ eingezogen. Am 3. August 1944 kam sie im KZ Buchenwald an. Dies ist die letzte Spur, die im ITS-Archiv zu finden ist.

Ihr Sohn Heinrich Klein starb am 22. Mai 1943 im Vernichtungslager Auschwitz, offizielle Todesursache: „Lungenentzündung“. Den Tod festgestellt hatte Dr. Bruno Kitt um 14.25 Uhr. Der SS-Hauptsturmführer „praktizierte“ ab Juni 1942 als Lagerarzt in Auschwitz. Unter anderem selektierte er kranke weibliche Häftlinge aus und schickte sie in die Gaskammern. Nach der Evakuierung des Lagers im Januar 1945 wurde Kitt im Februar 1945 in das KZ Neuengamme versetzt, wo er bis April 1945 ebenfalls als Lagerarzt tätig war. Nach Kriegsende wurde er von der britischen Armee verhaftet und am 18. März 1946 wegen der Teilnahme an Verbrechen im KZ Neuengamme angeklagt. Am 3. Mai 1946 fiel sein Todesurteil: Tod durch den Strang. Kitt wurde am 8. Oktober 1946 in Hameln hingerichtet. Über das Martyrium Heinrich Kleins ist nichts bekannt.

Einer von Anna Kleins Söhnen überlebte den NS-Terror. Kaspar Klein, Jahrgang 1929, wurde durch Truppen der US Army im Konzentrationslager Dachau befreit.

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