Lebensborn-Kinder sprechen an Christian-Rauch-Schule über Rassenwahn der Nazis

„Eine unverzeihliche Lüge“

Bad Arolsen - Die Geschichte des Nationalsozialismus lebt in den folgenden Generationen fort, wie die Buchautorin Gisela Heidenreich bei einem Gespräch mit Schülern der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen über die Nazi-Organisation Lebensborn deutlich machte.

Bad Arolsen (ah). Sie ist wie viele tausend weitere Menschen im In- und Ausland ein im Zeichen des nationalsozialistischen Rassenwahns geborenes Lebensborn-Kind. Schock, Scham und Fassungslosigkeit sind die Reaktionen auf die Erkenntnis, der Sohn oder die Tochter von ganz anderen Eltern oder eines Vaters zu sein, der am monströsen Verbrechen der Menschheit, dem Holocaust, aktiv beteiligt war. Die von Angehörigen bis in ihre Jugendzeit hinein abschätzig als „SS-Bankert“ bezeichnete Gisela Heidenreich hat in einem langwierigen und schmerzhaften Rechercheprozess herausgefunden, dass ihre Mutter in der Lebensborn-Organisation eine bedeutende Rolle spielte und ihr Vater ein hoher SS-Offizier war. Ungelöste Konflikte Als Paar- und Familientherapeutin weiß sie, dass ungelöste Konflikte in den folgenden Generationen zum Ausdruck kommen. Und „letztlich kommt doch alles auf die Nazi-Zeit zurück“, berichtet Heidenreich, die 1943 in einem Lebensborn-Heim bei Oslo geboren wurde und mit Mitte 50 endlich ihr Buch zu Ende brachte. Abgeschlossen ist damit die Biografie nicht. „Ich weiß bis heute noch nicht, wo ich zu Hause bin“, beschreibt Michael Sturm die quälende Ungewissheit, die sein Leben überschattet. Erst vor fünf Jahren habe er sich auf Drängen seiner Kinder mit seiner Herkunft befasst. „Ich ahnte schon immer, dass etwas nicht stimmte“, bringt er das Lebensgefühl seiner Schicksalsgenossen auf den Punkt, oft eine Mischung aus Schuld und Scham. Zunächst schilderte seine Mutter den Vater als Helden, der als Wehrmachtsoffizier zu der Widerstandsgruppe um den Hitler-Attentäter Claus Schenk von Stauffenberg gehörte und im Juli 1944 hingerichtet wurde. Dann kam schrittweise heraus, dass sein Vater Generalstabsoffizier war und noch lange nach dem Krieg lebte: „Seine Biografie fand ich im Internet.“ „Unverzeihlich“ Dank elektronischer Medien entdeckte er dann ein Bild von seiner Mutter im Holocaust-Museum in Washington: „Es zeigt sie in voller Schönheit 1937 in einer Ausbildungseinrichtung für Beschäftigte in Lebensborn-Heimen in Berlin-Dahlem.“ „Warum hat meine Mutter geschwiegen?“, fragt Sturm. „Man ist belogen und betrogen worden. Das ist unverzeihlich. Ich frage manchmal: Warum?“ Er ist inzwischen bei dem Verein Lebensspuren mit 70 weiteren Betroffenen in der Aufklärung der Lebensborn-Geschichte engagiert. Eingebunden ist der Verein in ein weltweit verästeltes Netzwerk ähnlicher Vereinigungen. Der 1935 auf Geheiß des Reichsführers SS Heinrich Himmler gegründete Verein Lebensborn hat sich zum Ziel gesetzt, die Geburtenrate „arischer“ Kinder zu fördern, die ins Bild der Rassenvorstellungen und der Gesundheitsvorstellungen der Nationalsozialisten passten. Dabei spielte es keine Rolle, ob Kinder aus außerehelichen Beziehungen geboren wurden. Diese konnten anonym zur Welt gebracht oder zur Adoption vermittelt werden. Bevorzugt sollten SS-Männer als Väter dienen, aber im Laufe des Krieges wurden auch die ins Rassenbild passenden Kinder aus okkupierten Ländern deportiert, in Lebensborn-Heime verschleppt und an deutsche Familien vermittelt. Eine Reihe solcher Familiengeschichten konnte mithilfe des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen und der seit den 40er-Jahren bestehenden Vorgängerorganisation geklärt werden. Bei den Nürnberger Prozessen nach dem Krieg war der Verein Lebensborn als soziale und caritative Institution eingestuft worden. Doch in den folgenden Jahrzehnten machten Betroffene und Historiker durch ihre Forschungen die verbrecherischen Dimensionen des Lebensborn-Vereins deutlich. Als Instrument der Rassenpolitik der Nazis war der Lebensborn die „andere Seite des Holocaust“, sagt Heidenreich und tritt für eine Aufnahme dieses Teils der deutschen Geschichte in die Lehrpläne der Schulen ein. Legendenbildung Gleichwohl wenden sich die Angehörigen des Vereins Lebensspuren gegen verzerrende oder falsche Darstellungen, etwa die Legende, dass die Lebensborn-Heime als Zuchtanstalten oder SS-Bordelle gedient hätten. Nach der jahrelangen persönlichen Konfrontation mit Lebenslügen oder verborgenenen Biografien sind Schauermärchen oder schlampig gemachte Doku-Dramen das Letzte, was die Betroffenen hören oder sehen wollen. Der Verein Lebensspuren will aufklären und dazu beitragen, „dass sich dies nicht wiederholt“, sagt Heidenreich. Es gebe leider immer mehr jüngere Menschen, die behaupten, im Nationalsozialismus habe es etwas Gutes gegeben. Solchen Verharmlosungen und rechtsextremen Strömungen will der Verein entgegentreten. Thema im AbiturDer Verein tagt momentan in Bad Arolsen beim Internationalen Suchdienst, wo ein Teil der Geschichte des Lebensborn-Vereins ebenso wie Schicksale von Kindern der Einrichtung dokumentiert sind. In diesem Rahmen finden Begegnungen mit Gymnasiasten in Wolfhagen und an der CRS in Bad Arolsen statt, die mit dem ITS eine Zusammenarbeit im Bereich des Geschichtsunterrichts vereinbart hat. Der Lebensborn-Verein wird auch bei einer der kommenden mündlichen Abiturprüfungen Thema sein: Ein Schüler bat Heidenreich und Sturm um Interviews für die anstehende Präsentation.

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